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DeinDeal : Gratwanderung der Reputation

Swiss Poster Award – Bronze «Kultur»: «Macbeth» für Theater Biel Solothurn von Atelier Bundi.

Das Schweizer Schnäppchenportal buhlt mit satten Rabatten um Internetkunden. Die Anbieter profitieren vom Vertriebskanal und verzichten dafür auf Umsatz und Marge.

Von Robert Wildi
am 28.03.2012

Der Schnäppchen-Newsletter donnert in Höchstgeschwindigkeit und voller Überraschungen über die Mail-Server. Bereits eine halbe Million Schweizer erhalten per elektronische Post regelmässig Angebote von DeinDeal auf den Bildschirm geliefert, die ohne Zweifel verlockend wirken. Da wird eine Gesichtsbehandlung inklusive Hautana­lyse für 99 statt 235 Franken offeriert. Oder eine medizinische Heuschnupfentherapie inklusive Diagnostik, Akupunktur, Kräuterbehandlung und Massage für 189 statt 450 Franken. Auch ein Dreier-BH-Set kann per Knopfdruck zum Schleuderpreis ergattert werden. Auf dem Discountportal wird es für 39 statt 99 Franken feilgeboten.

Ein Tor, wer hier nicht zuschlägt und sich stattdessen die gleichen Produkte zum Vollpreis beim Detailhändler, Naturheiler oder im Kosmetikstudio besorgt – Wegkosten zusätzlich. Online-Schnäppchen-Anbieter wie DeinDeal liegen voll im Trend und finden immer mehr Anhänger. Auch Wellness und alle anderen Ferienarten können über das Portal zum regelrechten Wohlfühltarif erstanden werden. Zwei Nächte im Hotel Walliserhof in Grächen VS inklusive Frühstücksbuffet, Vier-Gang-Dinner und einer Flasche Wein auf dem Zimmer kosten nicht etwa 524 Franken, wie regulär ausgeschrieben, sondern können via DeinDeal für 259 Franken «gewonnen» werden.

Vermittler kassiert bei Lieferanten ab

Gründer und Leiter des Unternehmens ist Amir Suissa, der das Portal mit vier Geschäftskollegen vor knapp zwei Jahren aufgeschaltet hat. «Wir waren entgegen der Einschätzung verschiedener Experten überzeugt, dass wir damit Erfolg haben würden.» So kam es. Zwei Jahre nach der Gründung zählt DeinDeal heute schon 160 Mitarbeiter und hat 2011 laut Ringier über 35 Millionen Franken Umsatz gemacht.

Suissa hat in der Schweiz als Pionier das sogenannte Group Buying Concept eingeführt. Es funktioniert so: Der Kundschaft werden online Deals respektive Gutscheine für Produkte, Angebote oder Dienstleistungen in der gesamten Schweiz offeriert. Diese enthalten in der Regel einen Rabatt von 50 bis 70 Prozent auf den Normalpreis. Als Bedingung, dass der Deal zustande kommt, braucht es eine Mindestanzahl Käufer in einer bestimmten Zeitperiode. Sobald diese erreicht ist, kann das Schnäppchen eingelöst werden. Wenn nicht, verfällt der Deal und Kunden, die bereits gebucht haben, erhalten keine Kreditkartenbelastung.

«Weil wir ihnen diese fixe Anzahl Kunden garantieren, gewähren uns die Unternehmen für ihre Angebote so hohe Rabatte», erklärt Amir Suissa. Hinter dem attraktiven Tiefpreis stecken also Skaleneffekte, von denen die Dienstleister profitieren können. Dies, obschon sie auf den bereits reduzierten Verkaufstarif nochmals eine Marge abtreten müssen. Denn auch DeinDeal will verdienen. Und dies nicht zu knapp. «40 Prozent des pro Deal erzielten Umsatzes gehen an uns», sagt Suissa. Das heisst: Der Anbieter der Gesichtsbehandlung erhält für seine Leistung mit dem ­realen Wert von 235 Franken am Ende gerade noch 60 Franken, also 25 Prozent. Kann das seriös sein?

Nein, finden nicht wenige Unternehmen, etwa aus der Reisebranche. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis auf diesen Portalen sei nicht attraktiv, erklärte jüngst ein Vertreter von Tui Suisse gegenüber der Fachzeitung «Travel Inside». Und auch Kuoni winkt ab. Für ganz neue und unbekannte Marktteilnehmer könne es allenfalls Sinn machen, sich über Anbieter wie DeinDeal einen Namen zu machen, sagt der Leiter E-Commerce beim Branchenführer. «Der Marke Kuoni würde es wohl eher schaden.» Vor allem aus Imagegründen.

Amir Suissa kann damit leben, dass nicht alle Unternehmen ihre Angebote über DeinDeal «verramschen» wollen. «Auch so werden bei uns wöchentlich 130 bis 150 neue Deals aufgeschaltet.» Die Nutzer hätten permanent Zugriff auf rund 200 aktive Deals. Dass sich darunter keine «heiklen» Angebote befinden, ist dem Chef äusserst wichtig. Denn damit hat DeinDeal schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht.

Heikles Thema Brustvergrösserung

So wurde zum Beispiel im November 2011 eine Brustvergrösserung ohne ­Implantate für 1799 statt 3750 Franken ­an­gepriesen. Der ausführende Arzt, ein ­Dermatologe aus Biel BE, spritzte den ­Patientinnen die gleiche Flüssigkeit indie Brüste, mit der Lippen vergrössert oder Falten ausgebügelt werden. Das Verfahren ist zwar umstritten, aber zulässig. Nur reichte die auf DeinDeal angebotene Menge von 50 Milliliter Flüssigkeit pro Brust nicht aus für einen sichtbaren Erfolg. Dafür wären 80 bis 150 Milliliter notwendig gewesen. Die Geschichte warf hohe Wellen und sorgte für Kritik von Seiten anderer Ärzte.

Daraus hat man bei DeinDeal die Lehren gezogen. «Bevor wir einen Deal anbieten, klären wir immer die Qualität und ­Seriosität des Anbieters ab», ergänzt Amir Suissa. Auf Schönheitsoperationen werde im DeinDeal-Portfolio zurzeit ganz verzichtet. Sollten sie dereinst als Angebot in Erwägung gezogen werden, dann nur über Ärzte mit FMH-Titel. Im Zusammenhang mit einem Schnäppchen für Augen-­Laserbehandlungen offeriert DeinDeal der Kundschaft eine Geld-zurück-Garantie, sollte sich bei der obligatorischen Voruntersuchung herausstellen, dass der ­Eingriff nicht möglich ist.

DeinDeal tut einiges, um das Vertrauen der Kundschaft zu gewinnen. Die anhaltende Imagediskussion sieht Suissa aus ­einem anderen Blickwinkel. «Viele seriöse Anbieter von Dienstleistungen arbeiten nicht mit uns, um ihr Produkt zu verscherbeln, sondern um es auf eine effiziente Weise bekannt zu machen.» Bei 500 000 Newsletter-Abonnenten beziehungsweise einer halben Million registrierter Nutzer – Tendenz weiter steigend – kann dem wohl kaum widersprochen werden.

 

Kampf der Verlage: Ringier versus Tamedia – DeinDeal baut aus, Scoup geht ein

Beteiligung
Die Erfolgsgeschichte von DeinDeal zieht Investoren an. So hat sich das Zürcher Medienhaus Ringier letztes Jahr mit 60 Prozent am führenden Schweizer Anbieter im Group-Buying-Geschäft beteiligt. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Die restlichen 40 Prozent teilen sich die Gründer sowie andere Investoren.

Expansion
Neben der Stärkung der Marktführerschaft im Kerngeschäft möchte DeinDeal dieses Jahr neue ­E-Commerce-Angebote für die Portal-User (Smartphones oder Tablet PC) ­lancieren. Dazu gibt es noch engere Partnerschaften mit Anbietern wie ­M-Electronics, Sharp, Powerdata, Kraft Foods, Fujifilm oder der Post. Diese ­Kooperationen sind individuell auf­gebaut und bestehen in der Regelaus gemeinsamen Deals sowie ganzen Packages, wie Amir Suissa, Gründer und Leiter von DeinDeal, bestätigt.

Konkurrenz
Die wichtigsten Mitbewerber von DeinDeal sind zurzeit globale Portale wie Groupon oder Dailydeal. Weitere nationale Anbieter wie Dealini wollen vom Trend bei der Kundschaft ebenfalls profitieren. Nicht mehr im Rennen ist die junge Konkurrenz Scoup. Der Zürcher Tamedia-Konzern und sein Partner, das Modeportal Fashionfriends, stellen die erst Mitte September 2011 lancierte Aktionsplattform Ende April 2012 ein – 37 Mitarbeiter sind betroffen.

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