Wir leben heute wirklich in turbulenten Zeiten», konstatiert Doris Hefti. Wenn es eine wissen muss, dann sie, denn die Brandmanagerin des Kosmetikherstellers Estée Lauder ist seit 1964 im Geschäft. Gerade kommt sie aus einer Besprechung mit der Europa-Chefin und wirkt in den ersten Minuten tatsächlich ein bisschen enerviert. «Zahlen, Zahlen, Zahlen – Geschäft besteht heute nur noch aus Zahlen! Oder besser gesagt: Aus einer Zahl, dem Profit. Nach dem Umsatz fragt ja schon gar keiner mehr – nur noch was unter dem Strich herauskommt, interessiert. Und der Mensch zählt gar nichts mehr», bedauert die Grande Dame, die geprägt ist von der Schule einer noch grösseren: Frau Estée Lauder persönlich.

Sie begegneten sich 1964 in San Remo. Doris Hefti – «eine Bauerntochter aus dem Zürcher Oberland, die fast noch Zöpfe hatte», so die eigene Retrospektive – war auf dem Schulausflug mit ihrer Klasse der Münchner Wirtschaftshandelsschule für Mädchen – «eine schreckliche Institution», meint sie heute dazu. Während die anderen Mädchen Ballspiele machten oder Sport trieben – «das kann ich auch zuhause» –, sass Doris Hefti lieber stundenlang auf einer Bank und blickte verzückt auf das in ihren Augen damals unermesslich glamouröse San Remo.

Ein lebenslanges Abenteuer

Bis etwas noch Schöneres auf sie zukam: Estée Lauder, damals 56 Jahre alt, Gründerin und Chefin der bis dato nur in Amerika und Grossbritannien bekannten gleichnamigen Duft- und Kosmetikfirma. «Sie sprach mich einfach an und wir plauderten so über Kosmetik», erklärt Hefti die Bekanntschaft. Und obwohl sie zugegebenermassen keinen blassen Schimmer von Kosmetik hatte, endet die Unterhaltung mit den Worten Estée Lauders: «I want you, you are my Swiss girl.»

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Gegen den Willen der Eltern, die das Geschäft mit Creme und Parfum gelinde gesagt für unfein und anrüchig hielten, liess sich Doris Hefti sofort auf das Abenteuer mit dieser eleganten Dame aus New York ein. Es sollte ihr ganzes Leben lang dauern – und tut es noch immer, auch nach dem Tode Estée Lauders.

Was Estée Lauder damals in ihr gesehen haben mag, weiss Doris Hefti selbst nicht so genau. Vielleicht dieser Wille, etwas zu erreichen, aus festgelegten Bahnen auszubrechen und viel, sehr viel Kraft. «Hätte ich gewusst, wie viel Arbeit mein Leben lang auf mich zukommt, hätte ich es vielleicht nicht getan. Wir haben 14, 16 Stunden täglich geschuftet, und ein Depot nach dem anderen eröffnet. An Ferien war all die Jahre gar nicht zu denken.»

Eine Tochter hat sie dennoch, dafür musste Zeit sein. Aber nicht viel. «Sie war von Anfang an immer dabei. Bei Besprechungen habe ich sie in einen Korb gelegt und unter meinen Tisch gestellt. Einmal, als wir fertig waren, zog ich ihn hervor und eine junge Mitarbeiterin sagte: «Oh, was haben Sie denn da? Einen Hund?» Ihre Tochter ist heute 48 Jahre alt und arbeitet natürlich auch für Estée Lauder – wie könnte es anders sein, bei so einer Sozialisation. Franziska Hefti-Kälin kümmert sich um das Personal von Estée Lauder Schweiz – der unangefochtenen Nummer eins im Markt. «Die Nummer zwei macht gerade mal etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes von Estée Lauder», stellt Doris Hefti die Machtverhältnisse klar. Fehlt nur noch, dass sie dabei die Hände in die Hüften stemmt.

Im Firmenkonglomerat der global und über 18 Marken aufgestellten Estée Lauder Companies ist die Schweiz ein kleiner Fisch. Aber ein sehr wichtiger. Und, gemessen am Umsatz pro Einwohner, ein äusserst lukrativer dazu. Wem der Konzern das zu verdanken hat, weiss man in New York: Doris Hefti war und ist das «Swiss girl» von Estée Lauder und ihren Nachkommen, die den 7-Mrd-Dollar-umsatzstarken Konzern heute in der dritten Generation führen. Auch wenn sich international viel an der Geschäftspolitik des Konzerns geändert hat – in der Schweiz ist alles noch so, wie es war. Und wird es mit Doris Hefti auch bleiben. Denn sie hat ihren Stil – und die Kontakte. «Wenn ich mit dem Chef von Jelmoli reden will, dann ruf ich ihn an – und der hört auf mich.» Im Jelmoli fing damals alles an, mit dem Verkauf dieser exklusiven sündhaft teuren Creme für die Schönheit der Frau. Doris Hefti war es, die den ersten Stand eingerichtet und den Frauen eigenhändig mehr Selbstbewusstsein verkauft hat.

Man bekommt den Eindruck, als sei die Kosmetikindustrie auf dem Kreuzzug für die Emanzipation in der ersten Reihe anzutreffen. Estée Lauder, Doris Hefti und Alice Schwarzer nebeneinander im Kampf für stärkere Frauen. «Früher waren alte Frauen einfach alt, fühlten sich hässlich und wurden aggressiv, vergrämt. Heute kann ich alt werden und trotzdem schön sein. Ist das nicht wunderbar?» strahlt Doris Hefti.

Sie spricht temporeich, lacht laut auf, oft bevor Zuhörer ihren feinen Humor verstanden haben. Sie bewegt sich temporeich, dabei dennoch lässig elegant - und das alles auf dezent unter dem Hosenschlag versteckten Pfennigabsätzen. Und sie fährt auch temporeich Auto, mit sportlich elegant versteckten Pferdestärken.

Vom firmeneigenen Trainingscenter sind es nur drei Minuten zu Fuss zur «Villa» von Estée Lauder. Pardon: Wären es nur drei Minuten zu Fuss. Doris Hefti bevorzugt das Auto, widersprechen will ihr keiner. Das macht eh generell am liebsten keiner. Den starken Willen, den Estée Lauder einst in ihr gesehen hat, der steht ihr noch heute gut zu Gesicht. Hinzu kommt Respekt, denn man einer Grande Dame automatisch zollt.

Zu 300 Prozent Estée Lauder

Sie bedauert, dass sie nun BMW fahren muss – «Vorschrift von der Konzernzentrale in New York». «Aber dieser hier bringt wenigstens auf der Autobahn noch was, ich kann es nicht leiden, wenn da nix kommt», sagt sie, und jagt die Limousine mit einer gefühlten Beschleunigung von 0 auf 50 km/h in 1,0 Sekunden. Es überrascht nicht, dass sie früher mal Autorennen gefahren ist, heute donnert sie nur noch über die Autobahnen. Rund 60000 km macht sie im Jahr, wenn sie Filialen, Mitarbeiterinnen oder Kunden in der Schweiz trifft. Dann noch alle paar Monate ins Hauptquartier nach Amerika und einmal jährlich zum Treffen aller Markenmanager des Konzerns.

Die haben sie 2000 zum Brand Manager des Jahres gekürt. Die Auszeichnung hängt in ihrem kleinen, unscheinbar in Weiss gehaltenen Büro über dem Sideboard, darauf stehen Bilder aus vergangenen Zeiten: Estée Lauder und Doris Hefti auf ihrem ersten Ball, bis hin zu Estée Lauder kurz bevor sie im Jahre 2004 starb. Dazwischen viele schöne Erinnerungen, festgehalten in Schwarz-Weiss und Farbe.

Doris Hefti lebt Estée Lauder – «ich bin 300% Lauder» – und ist ihr über den Tod hinaus ergeben. «Ich verdanke ihr so unendlich viel», sagt Hefti, die gar nicht merkt, dass sie ständig in der Gegenwartsform über ihre Mentorin spricht.

Wenn Doris Hefti den Ansprüchen ihres Vorbildes ganz gerecht werden will, dann bleibt sie noch lange auf dem Chefsessel. «Wird die Frau denn nie müde?», habe sie sich mal gefragt, als Estée Lauder 88 Jahre war und noch den ganzen Tag gerannt ist und gearbeitet hat.

Doris Hefti wird dieses Jahr 72. Ob sie denn aufhören wolle, mit managen? «Ja sicher – irgendwann mal. Denn ich will einen Hund.» Dass sie als Chefin jetzt auch schon einen Hund haben könnte, lehnt sie kategorisch ab. «Dann hätten wir hier sicher bald einen Zoo», meint sie. Denn was sie sich selber erlaube, das gestehe sie auch ihren Mitarbeitenden zu. Doch irgendwann hätte sie wirklich gerne «so einen kleinen, weissen, wuscheligen Hund». Die Rasse sei aber eigentlich auch egal, Hauptsache, er «mög mit go jogge».