Mitlödi – in der Mitte der Öde. Der Ortsname klingt schlimmer, als das kleine Durchgangsdorf zwischen Glarus und dem Klausenpass sich im Frühling präsentiert. Steile, satte Matten überziehen grün die Bergsturzmassen am Fuss des Glärnisch. Im Süden des Dorfes schäumt die Linth an langgezogenen, grünlichen Fabrikations- und Bürogebäuden vorbei. Darin sind die Schweizer Töchter des Aachener Pharmakonzerns Grünenthal untergebracht. Und hier, in diesem grünen Tal, inmitten der Ödnis, stellt das Familienunternehmen einige der besten Arbeitsplätze der Schweiz zur Verfügung.

Das Great Place to Work Institute (GPTW) sammelt seit 20 Jahren in mittlerweile 45 Ländern Daten zur Arbeitsplatzkultur. Der Weg zum Ziel führt über Mitarbeiterbefragungen und Kulturanalysen. Rund 6000 Firmen nehmen jährlich weltweit an den Erhebungen teil. In der Schweiz wurde die Befragung dieses Jahr zum fünften Mal durchgeführt, über 10000 Mitarbeitende wirkten mit. 63 Unternehmen durchliefen den Prozess der Analyse. Die besten 23 der drei Kategorien wurden ausgezeichnet.

Bei den Grossfirmen führt Google in der Schweiz die Rangliste der besten Arbeitgeber an, vor dem Erstplatzierten des Vorjahres Cisco sowie vor Microsoft. Den ersten Platz bei den mittelgrossen Firmen belegt das Informationstechnologie-Unternehmen SAS Institute vor dem letztjährigen Sieger NetApp, ebenfalls aus der IT-Branche. Grünenthal Pharma belegt den ersten Platz in der neuen Kategorie der kleinen Unternehmen. Die ebenfalls zum Grünenthal-Konzern gehörige Produktionsgesellschaft Proto Chemicals in den Nebenhallen steht bei den mittelgrossen Firmen auf Rang elf (siehe Kasten).

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Wie schon in den vergangenen Jahren finden sich keine klassischen Schweizer Firmen auf den vorderen Rängen. Mehrheitlich sind es Töchter von ausländischen Grosskonzernen, insbesondere aus der Informationsbranche und der Biotechnologie. Für Matthias Mölleney, Präsident der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management, hängt das damit zusammen, dass die Mehrzahl der führenden IT- und Biotech-Unternehmen ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten hat. «Dort hat der Fokus auf die Qualität als Arbeitgeber eine längere Tradition als bei uns.» Vor allem weil sich die Firmen dadurch Konkurrenzvorteile bei den dünn gesäten Spezialisten versprechen.

Familiäre Zusammenarbeit

Gemäss Definition des GPTW Institute ist ein ausgezeichneter Arbeitsplatz einer, «bei dem zwischen Angestellten und Management ein Vertrauensverhältnis besteht. Zweite Bedingung ist, dass die Mitarbeitenden stolz sind auf das, was sie tun, und drittens, dass sie gerne mit ihren Kollegen zusammenarbeiten».

Wer sich bei Grünenthal Pharma umhört, glaubt, die GPTW-Definition sei hier erfunden worden. Jutta Trimborn ist Manager Marketing Services und seit acht Jahren in Mitlödi. Zuvor hat sie 17 Jahre im Mutterhaus in Aachen gearbeitet. «Der Umgang mit Menschen und Dingen ist hier vorbildlich.» Die Zusammenarbeit sei fast schon familiär, man lache zusammen, der Stress würde nicht ungefiltert nach unten durchgereicht, die Chefs seien ruhig und besonnen. «Ich möchte nicht mehr zurück nach Deutschland», schwärmt Jutta Trimborn. Obwohl auch bei ihr phasenweise Überstunden angesagt sind. «Doch wenn alles stimmt, kann man auch mal mehr geben.» Insbesondere dann, wenn das Jahresarbeitszeit-Modell problemlos einen Ausgleich ermöglicht.

Auch Brigitte Hefti und Sabrina Marti vom Marketing loben den angenehmen Umgang, das offene Klima und das starke Zusammengehörigkeitsgefühl. Finanzchef Hans Ulrich Bärtschi fühlt sich wohl dank den Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung und weil dank dem Arbeitszeitmodell auch die Familie nicht zu kurz kommt.

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Flache Hierarchien

Was bei kleineren Firmen eher aus Zufall oder dank der Initiative eines vorausdenkenden Patrons entsteht, ist bei Google Teil der weltweiten Strategie: Eine kreative Arbeitsumgebung schaffen, um die Zufriedenheit zu steigern und dadurch Höchstleistungen zu erzielen. Und immer wenn der Online-Gigant aus dem Silicon Valley die Befragung mitmacht, steht er auch in der Schweiz oben auf der GPTW-Liste.

Das Engineering Center in Zürich ist der grösste Entwicklungsstandort von Google ausserhalb der Vereinigten Staaten von Amerika. Neben der Raumgestaltung, dem Gratisessen und der Zeit für eigene Projekte äussern sich Google-Mitarbeitende begeistert über die Transparenz, die Kultur, den Umgang untereinander und die Wertschätzung. Robin Williamson, Engineering Director bei Google Schweiz, kennt den Grund. «Durch die flachen Hierarchien entsteht ein positives Arbeitsklima.»

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Denn flache Hierarchien fördern die direkte Kommunikation. Ein entscheidendes Kriterium auch für Christian Martin, den Geschäftsführer von Cisco Schweiz. «Die Kommunikation auf gleicher Augenhöhe zwischen Management und Mitarbeitenden sorgt dafür, dass die Kreativität gefördert wird.» Die Mitarbeitenden dankten es ihm, indem sie Cisco zum zweiten Rang der Grossfirmen verhalfen.

Beim Softwarekonzern SAS Schweiz, dem Sieger bei den mittelgrossen Unternehmen, ist das Credo dasselbe. Wenn Personalchefin Susy Brunner sagt, «wir bieten eine aussergewöhnliche Unternehmenskultur – ein von Kollegialität und Respekt getragenes Miteinander, bei dem die Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen», dann ist das nicht nur eine Floskel. Die befragten SAS-Mitarbeitenden bestätigen es.

Und auch für NetApp-Geschäftsführer Remo Rossi ist das Arbeitsleben ein Geben und Nehmen. «Verlangt man Flexibilität seitens des Arbeitnehmers, muss auch der Arbeitgeber seinen Teil dazu beitragen, sei es bei flexibleren Arbeitszeiten, Home-Office-Tagen oder Freizeitausgleich.» Die Gleichung ist überall dieselbe: Ein gutes Arbeitsklima bedeutet attraktive Arbeitsplätze. Das klingt zwar extrem banal. Dennoch ist es nicht selbstverständlich. Ein Arbeitsklima lässt sich nicht kaufen und nicht befehlen. Es ist Bestandteil der Unternehmenskultur und wird geprägt von den Vorgesetzten. Laut einer Gallup-Studie kommen 80 Prozent der Arbeitstätigen wegen der Firma oder des Jobs. Und 80 Prozent gehen wegen des Chefs.

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Urs Humbel, Geschäftsführer Schweiz von Grünenthal Pharma in Mitlödi, hat keine Abgänge. Er sieht seine Aufgabe so: «Ein Team ist wie ein Puzzle – es muss sich verzahnen.» Und damit es sich richtig verzahnt, sei «die Nähe zu den Leuten matchentscheidend, auf sie hören, sie ernst nehmen». Und das funktioniert überall gleich – im Silicon Valley wie im Glarnerland.

 

Interview mit Michael Hermann, Chef Great Place to Work Schweiz


Was wünschen Arbeitnehmer weltweit?
Michael Hermann: Die Mitarbeitenden wollen Anerkennung und eine Perspektive. Und sie erwarten, dass sie dem Management, ihrem Vorgesetzten und den Kollegen vertrauen können. Es soll fair zugehen. Wenn dieses Vertrauen verloren geht, fängt man an, sein Unternehmen auszunützen oder geht.

Wie ist die Situation in der Schweiz?
Mitarbeitende in der Schweiz erwarten von ihrer Arbeit meist viel mehr als nur die Sicherung des Lebensunterhaltes. Arbeit soll hier der Selbstverwirklichung und dem persönlichen Wachstum dienen. In ärmeren Ländern stehen Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit weiter oben – in der Schweiz sind es Anerkennung, Mitgestaltung und eine Entwicklungsperspektive.

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Welche Rolle spielt der Lohn?
Der Lohn ist eine wichtige Form der Anerkennung. Die besten Arbeitgeber bieten jedoch verschiedene Formen der Anerkennung und den Mitarbeitenden Flexibilität, ob sie mehr Lohn, mehr Freiheiten, andere Arbeitszeiten oder bespielsweise eine Fortbildung möchten.

Welche Bedeutung hat das Image des Arbeitgebers?
Zu Beginn locken Image, Grösse und Gehalt. Aber scheitern tut es am Vertrauen, an unterschiedlichen Vorstellungen und Werten. Hier tickt die Arbeit sehr ähnlich wie die menschlichen Beziehungen.

Und welche Rolle spielt der direkte Chef?
Eine sehr grosse. Diese Erkenntnis kann niemandem neu sein, der schon einmal einen Chef hatte. Trotzdem tun sich viele Firmen schwer, die richtigen Mitarbeitenden zum Chef zu machen und diesen klare Leitlinien in die Hand zu geben, wie sie sich verhalten sollen. Bei den besten Arbeitgebern werden die Chefs langfristig vorbereitet, ausgebildet und gezielt trainiert. Bei den schlechten Arbeitgebern macht jeder Chef, was er will.

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