Gerade jetzt, wo wir einige unserer grössten Probleme hinter uns haben, müssen wir uns umso mehr intensiv um unsere Kunden kümmern», fordert der UBS-Chef Oswald Grübel von seinem Mitarbeiterbestand in einem Brief. «Denn eines muss uns klar sein: Unsere Resultate haben sich zwar verbessert, (...) aber unsere Reputation ist nach wie vor beschädigt.» Grübel ist in dieser Hinsicht für einmal keine Ausnahme: In sämtlichen Betrieben landauf, landab sind es die Übriggebliebenen, die nun von Ground Zero aus die ganze Aufbauarbeit allein leisten müssen. Mit vollem Elan. Hochmotiviert. Unverzagt und freudestrahlend.

Doch nach Firmenrestrukturierungen und Entlassungswellen lässt sich beobachten, dass die Überlebenden in der Abteilung oder der Firma eben keineswegs glücklich und hochmotiviert sind, obwohl sie nicht betroffen sind, sondern zuerst einmal schockiert, traurig oder zumindest desillusioniert.

Anstatt dass sie zufrieden ihrer Arbeit nachgehen und sich freuen, dass dieser Kelch an ihnen vorüber gezogen ist, organisieren sie Krisensitzungen in der Cafeteria und verbreiten vielerlei Missmut, der selten lautstark, meistens eher unterschwellig vor sich hin mottet, bis er entweder die Leute ausbrennt oder aber zu einem Flächenbrand wird.

Dieses auf den ersten Blick paradox erscheinende Verhalten hat mehrere Namen: Es heisst Survivor Syndrom, Layoff Survivor Sickness oder profaner Problem der Zurückgebliebenen und ist abgeleitet von den Erfahrungen von Überlebenden der Nazi-Verfolgung im Zweiten Weltkrieg.

Verschiedene Eskalationsstufen

Was schleichend mit Unsicherheit und informellen Gesprächen beginnt, sich in der milderen Form als Antriebsschwäche und Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität äussert, kann sich steigern bis zu Wut, Rachegedanken und tatsächlicher Schädigung des Arbeitgebers, steigenden Fehlerquoten und zunehmenden Absenzen und geht bis zur inneren Kündigung und danach zur effektiven Flucht aus dem Unternehmen. Wenn in einer solchen Situation Vorgesetzte falsch vorgehen oder schlecht kommunizieren, kann das fatale Auswirkungen auf das Betriebsklima haben. Denn dieses Betriebsklima wird von Menschen gemacht, und zwar hauptsächlich von den Verantwortungsträgern: Der Geschäftsleitung, dem Kader, den Teamleitenden. Das Schlüsselwort dabei heisst Vertrauen. Das Ausmass, in dem es gelingt, Vertrauen zu den Mitarbeitenden aufzubauen, bestimmt die Qualität des Betriebsklimas und damit den mittel- und längerfristigen Erfolg. Auch und vor allem in Krisensituationen.

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Vertrauensbildende Massnahmen, eine funktionierende interne Kommunikation, die Bildung von tragfähigen Teams sind Chefsache. Wie so vieles.

Doch während sich Vorgesetzte - zumindest teilweise und oft auch erst unter Druck - im besten Fall um die bereits Entlassenen kümmern und ihnen mittels Sozialplänen, Umschulungshilfen oder Outsourcingberatern beistehen, gehen die Übriggebliebenen meist leer aus beziehungsweise werden mit den nächsthöheren Zielen konfrontiert. Wie bei der UBS. Als höchstes der Gefühle wird ihnen die Arbeit der abgebauten Teamkollegen zusätzlich aufgehalst. Ansonsten haben sie zu schweigen und eben zufrieden zu sein.

Sind sie aber nicht. Das Problem der Überlebenden ist einerseits, dass sie sich fragen: Wieso der andere und nicht ich? Das kann im Extremfall zu einem schlechten Gewissen gegenüber den entlassenen Kolleginnen und Kollegen führen. Viel eher aber führt es zu Verunsicherung. Denn das Gefühl des Ausgeliefertseins und des Kontrollverlustes mündet in die Frage: Wann bin ich dran?

Sicherheit vor Feingefühl

Eklatant wird das Problem in Branchen mit sensiblen Daten, wie in der näheren Vergangenheit besonders in den Banken und Versicherungen. Hier weiss oft niemand, wen es als nächstes trifft. Am Morgen kommen zwei Herren von der Wachmannschaft und teilen der kreideweissen Frau Muster mit, sie solle den Computer runterfahren und den Arbeitsplatz räumen. Seit 2008 eine CD mit vertraulichenden Kundendaten aus der Liechtensteiner LGT Treuhand zu den deutschen Steuerbehörden gelangt ist, ist die Angst noch grösser geworden. Grösser jedenfalls als das Feingefühl gegenüber den Mitarbeitenden.

In der UBS jedenfalls scheint es im Moment so zu sein, dass die meisten aufatmen können. Denn immerhin schreibt Oswald Grübel in seinem Brief, dass «die meisten Mitarbeiter» über ihr Schicksal informiert worden seien. Was das Leben für die Verbleibenden eben nicht leichter macht, solange sie nicht wissen, ob sie nicht doch zu «den wenigen» gehören, deren Schicksal nach wie vor in Oswald Grübels Händen liegt.

Gut möglich, dass gerade deshalb nun die meisten sich erhebliche Mühe geben und sich wie gefordert noch intensiver um die Kunden kümmern. Aber dann wohl eher aus Angst als aus innerem Antrieb.