Ich habe ein Problem: Ich habe wirklich viel zu sagen. Das alleine ist ja nicht schlimm, aber: Ich will auch gehört werden. Vor allem im Berufsalltag, wenn man gemeinsam an einem Projekt arbeitet, sind Austausch und Kritik wichtig. Dabei geht es auch gerne mal laut und hektisch zu.

Ich kritisiere gerne und viel. Das Problem ist nur, je wichtiger mir ein Thema ist, desto lauter werde ich – und umso schriller und höher wird meine Stimme. Dann vermittle ich den Eindruck, dass ich nahezu verzweifelt bin, völlig emotional involviert und nicht mehr objektiv.

Auch ich mag tiefe Stimmen lieber

Meine Kritik wird dann leider zum Selbstmordkommando: Statt gehört zu werden, werde ich missachtet. Niemand nimmt eine hyperemotionale Hyäne ernst. Jetzt könnte man meinen, die Lösung sei simpel: Ich könnte einfach mal die Klappe halten. Aber ist das wirklich fair?

Meine Kritik ist nicht weniger angebracht als die eines männlichen Kollegen, der mit einer äusserst tiefen Stimme und ruhigen Art gesegnet ist. Wenn er spricht, werden alle anderen still und hören ihm zu. Auch wenn er exakt das wiederholt, was ich Minuten vorher in den Raum geblökt habe, erst jetzt wird es gehört und als valider Vorschlag ernst genommen. Das ist zwar nicht fair, aber leider Realität.

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Viele Frauen kennen dieses Problem

Ich bin kein Einzelfall, was diese Situation betrifft. Viele Frauen haben das Problem, im Arbeitsumfeld ernst genommen zu werden. Das kann an der Körpergrösse liegen, an zu viel Zurückhaltung, einer zu leisen oder auch zu lauten Stimme. Tiefe, warme Töne wirken beruhigend – und allein deshalb sind wir schon benachteiligt.

Das Witzige (oder vielleicht Traurige) ist: Männer wie Frauen reagieren so. Ich gebe zu: Auch mich nerven schrille Stimmen. Ich habe selbst Tränen gelacht, während wir Heidi Klum oder Verona Feldbusch imitiert haben.

Je verzweifelter ich bin, desto unsympathischer ist meine Stimme

Ich habe mich lange gefragt, warum meine Meinung weniger zählt als die von Kollegen. Warum ich anecke, wenn ich Kritik äussere und andere dafür gelobt werden. Ich habe mich gefragt, warum die stille Kollegin, die mir im Vertrauen kluges Feedback gibt, in der Gruppe einfach überhört wurde, bis sie aufgehört hat, es zu versuchen.

Bis es mir irgendwann aufgefallen ist: Es liegt nicht daran, WAS ich sage, sondern WIE ich es sage. Je verzweifelter meine Versuche wurden, gehört zu werden, umso lauter und unsympathischer wurde meine Stimme. So hat sich bei mir über die Jahre ein Verhalten eingeschlichen, das ich eigentlich selbst nicht mag.

Ich bin froh, dass ich das erkannt habe. Statt wie die Kollegin zu resignieren und meine Meinung zu schlucken, habe ich den Frontalangriff gewählt. Ich werde lernen, richtig gehört zu werden. Als ersten Schritt versuche ich, vor jeder Meinungsäusserung tief durchzuatmen und abzuwarten. Ich kontrolliere meine Stimme und achte auf die Lautstärke. Das hat sogar noch einen positiven Nebeneffekt: Ich filtere viel stärker, was ich sage. Statt zur Meckerziege werde ich so hoffentlich zu jemandem, dessen Kritik ernst genommen wird.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Bizzmiss – das Business-Magazin für Frauen mit den Schwerpunkten Karriere und Work-Life-Balance.