Der Werdegang von Beverley Spencer kann nicht widersprüchlicher sein: Von der Pflegerin auf der Krebsstation zum General Manager eines globalen Zigarettenkonzerns. Die British-American-Tobacco-(BAT-) Schweiz-Chefin absolvierte die Ausbildung zur Krankenschwester in einem britischen Spital. Anschliessend heuerte sie im Marketing eines Pharmakonzerns an. Jetzt ist sie seit über 20 Jahren für BAT in leitenden Funktionen tätig.

Spencer ist die Frau, die einen der weltweit grössten Tabakkonzerne in der Schweiz vertritt. Interviews mit ihr sind eine Seltenheit. Für die «Handelszeitung» hat sie eine Ausnahme gemacht und über den Tabakmarkt gesprochen - ein Geschäft, das wirtschaftlich zwar sehr bedeutsam, aber auch sehr umstritten ist.

Spencer will Medikament gegen Nikotinsucht lancieren

In den zwei Jahrzehnten ihrer steilen Karriere bei BAT war für Spencer die moralische Frage des Rauchens aber nie ein Thema. Vielmehr sieht sie sich als «das gute Gewissen des Konzerns». Da Spencer viel Erfahrung im medizinischen Bereich mitbringe, bringe sie in diese Industrie auch das nötige Verantwortungsbewusstsein für so sensible Produkte wie Tabakwaren ein.

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Die BAT-Managerin wirkt bei diesen Worten so überzeugend, dass sie Patronen als Pralinen verkaufen könnte. Das könnte noch hilfreich sein, wenn man bedenkt, dass BAT Zigaretten verkauft und gleichzeitig plant, ein Medikament gegen Nikotinsucht breit zu lancieren.

BAT mit Sitz in London und zwei Standorten in der Schweiz gehört seit Jahrzehnten zu den Tabakriesen der Welt. Die einzigen nennenswerten Konkurrenten sind Japan Tobacco und Philip Morris.

Spitzenstandort für Zigarettenexport

In der Schweiz sind die Produktion und der Verkauf traditioneller Rauchwaren längst zu einem gigantischen Geschäft geworden. Die Tabakindustrie gehört zu den grössten Arbeitgebern: mehr als 10'000 Jobs in Anbau, Produktion, Handel, Vertrieb und Verkauf von Tabak. Dazu mehr als 160 Landwirtschaftsbetriebe und Zigi-Exporte im Wert von 522 Millionen Franken im Jahr.

Für BAT ist Spencer hierzulande Chefin von zwei Konzernstandorten: vom Verwaltungs- und Marketingsitz in Lausanne und von der Produktion in Boncourt. Rund 130 Mitarbeiter arbeiten in Lausanne, in der Produktion sind es um die 300. Das Geschäft mit Zigarettenautomaten wurde 2013 ausgelagert und wird seither vom Paketdienst DHL betrieben.

Duty-free-Geschäft abgezogen

Das Duty-free-Geschäft von BAT in Zug holt der Konzern dieses Jahr in die Zentrale nach London zurück. Mit dem Abzug fallen rund 60 Jobs weg. 2013 waren es noch fast 90. «Damit ist das Schweiz-Geschäft für die Zukunft gesichert», sagt Spencer.

Das Schweizer Geschäft bleibt aber auch nach dem Abgang aus Zug wichtig. Spencer steuert seit zwei Jahren von hier die Märkte Schweiz, Österreich, Griechenland, Malta, Zypern und Israel. «Meine Verantwortung ist, in den Märkten die besten Resultate zu erzielen.»

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Schadstoffgehalt über erlaubten EU-Grenzwerten

Von der Schweiz aus gehen die Rauchwaren vor allem in den Mittleren Osten. Und das mit einem Schadstoffgehalt, der über den erlaubten Grenzwerten der EU liegt. Dieselben Waren dürfen zwar in Europa nicht verkauft, aber in der Schweiz hergestellt und ins Ausland exportiert werden. Wie viel Umsatz das bringt, verrät Spencer nicht. Aber: «Die Schweiz wird als Standort für hochqualitative Produkte gesehen.» Und: «Solange wir uns an die lokalen Gesetze jedes Landes halten, in das wir liefern, so lange befinden wir uns im gesetzlichen Rahmen.»

Spencer nimmt mit diesem Hinweis auf die Gesetzeslage vorweg, womit sie ständig konfrontiert ist: mit dem Vorwurf, Nichtraucher zu umwerben, Jugendliche zum Rauchen zu verführen, und mit dem Argument der individuellen Entscheidungsfreiheit zu einem höheren Risiko von Nikotinsucht und Lungenkrebs beizutragen. Ihr Job für BAT ist es auch, auf diese Vorwürfe zu reagieren.

Raucher von Konkurrenz abwerben

Bis vor einem Jahr war es in der Branche noch etwas ruhiger. Bis 2015 ein neues Gesetz für Tabakprodukte in der Schweiz auf den Weg kam. Denn bisher wurden Zigaretten nur vom Lebensmittelgesetz erfasst. Das soll sich mit einem eigenen Tabakproduktegesetz ändern, welches Ende Jahr zur Schlussabstimung kommt. «Mit dem Gesetz sollen Werbung, Promotion, Sponsoring und Abgabe reguliert werden. Die Gesundheit der Bevölkerung und insbesondere der Kinder und Jugendlichen wird damit wirksam geschützt», heisst es beim Bundesamt für Gesundheit.

Spencer findet allerdings auch viele Vorwürfe gegen ihre Industrie provokant und undifferenziert. Sie befürwortet zwar eine Regulierung von Tabakprodukten. Aber: «Den aktuellen Gesetzesentwurf finde ich problematisch und sehe für zusätzliche Einschränkungen und Verbote keinen Handlungsbedarf.» Die Tabakindustrie werde immer kontrovers bleiben. «Wir schauen deshalb, dass unser Marketing die Kunden überzeugt, nicht Produkte der Konkurrenz zu kaufen. Und dass die Konsumenten gut und gerne nicht jünger als 18 Jahre alt sein sollen.» Nichtraucher zu Rauchern zu machen will Spencer schon gar nicht. Sondern von der Konkurrenz bestehende Raucher abwerben. Auch auf die Gefahr hin, dass mit diesem Argument früher oder später die Kundschaft aussterben würde? Das sieht Spencer anders, erklärt aber nicht wie.

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Wachstum mit elektronischen Zigis

Jetzt forcieren der Konzern und die Schweiz-Chefin von BAT die Entwicklung neuer Produkte abseits vom brennbaren Lungentorpedo, um neue Marktanteile zu gewinnen. Die E-Zigarette ist ein solches Produkt, auf das die Industrie und BAT setzen. Spencer rechnet mit einem Marktwachstum von 30 Prozent pro Jahr. Mehr als eine halbe Milliarde Pfund investierte der Konzern deshalb in die Entwicklung der E-Zigi in den letzten drei Jahren. «Das Gesamtmarktpotenzial liegt im einstelligen Milliardenbreich», sagt Spencer. Und die E-Zigarette sei um 90 Prozent weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten.

Grossbritannien war dafür der erste Testmarkt von BAT. In Deutschland hatte der Tabakriese nach nur wenigen Monaten bereits 8 Prozent Marktanteil, in Frankreich 5 Prozent. Auch in Kolumbien und Polen bietet der Konzern jetzt E-Zigaretten an. «Wir möchten ganz klar Marktführer werden», sagt Spencer.

Nur E-Zigaretten ohne Nikotin zugelassen

In der Schweiz dürfte das allerdings nicht so einfach werden. Heute sind in der Schweiz nur E-Zigaretten, die kein Nikotin enthalten, zum Verkauf zugelassen. Die nikotinhaltige Variante ist zwar für den Konsum erlaubt, aber nicht für den Vertrieb. Die Vertriebslizenz soll vom neuen Tabakproduktegesetz abgedeckt werden. Ob und wann das neue Gesetz stehen wird, fragt sich allerdings auch die BAT-Schweiz-Chefin: «Wenn man sich vergegenwärtigt, wie lange es dauert, bis Gesetze in der Schweiz umgesetzt werden, dann denke ich, dass es eine Weile dauern wird.»