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Green Growth
Fünf Gründe, weshalb ökologisches Wachstum den Planeten nicht retten kann

Windfarm Green Economy

Natürlich kann Technologie die Umwelt schonen. Aber viele überschätzen ihre Möglichkeiten: Windfarm in Deutschland.

Quelle: Getty Images/Westend61

Nachhaltige Wirtschaft suggeriert, dass wir alles haben können: Die Wirtschaft wächst, die Natur wird trotzdem bewahrt. Eine Illusion.

 Oliver TaherzadehBenedict Probst
Von Oliver Taherzadeh und Benedict Probst
am 17.06.2019

Grünes Wachstum hat sich als beherrschende Idee zur Bewältigung der heutigen Umweltprobleme herausgestellt. Zu ihren Anhängern gehören die UNO, die OECD, zahlreiche Regierungen, Unternehmen und NGOs. Alle erwarten sie, dass Nachhaltigkeit dank Effizienz, technologischen Entwicklungen und einer marktorientierten Umweltpolitik erreicht werden kann. 

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Grünes Wachstum suggeriert, dass wir den ganzen Kuchen haben und essen können: Die Wirtschaft wächst und unser Planet wird trotzdem bewahrt.

Die Autoren

Der Umweltökonom Oliver Taherzadeh forscht am Department of Geography der University of Cambridge, zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stockholm Environment Institute.

Benedict Probst forscht am Centre for Environment, Energy and Natural Resource Governance der Universität Cambridge. Er studierte Umweltökonomie in Cambridge und an der London School of Economics.

Aber wenn es darum geht, die dringendsten Umweltprobleme wie Klima-Zusammenbruch, Artensterben oder die Erschöpfung der Ressourcen anzugehen, könnte «grünes Wachstum» den Fortschritt eher behindern als fördern. Dies aus fünf Gründen.

1.    Wachstum sticht die Effizienzsteigerungen aus

Theoretisch können Fortschritte in der Umwelteffizienz dazu beitragen, das Wirtschaftswachstum von der Ressourcenverschwendung und der Umweltverschmutzung «abzukoppeln». Aber solche Resultate bleiben in der realen Welt trügerisch. In gewissen Bereichen wie dem Baugewerbe, der Landwirtschaft und dem Verkehr ist es zwar gelungen, weniger Umweltverschmutzung zu verursachen und weniger Ressourcen pro Produktionseinheit zu verbrauchen; aber solche Verbesserungen können das Ausmass und das Tempo des Wirtschaftswachstums selten vollständig ausgleichen.

Indem es die Fortschritte bei der Produktion überflügelt hat, führte das Wirtschaftswachstum zu einem ungebremsten Anstieg bei Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung und Abfall.

«Tatsächlich kann mehr Effizienz sogar zu mehr Verbrauch und Verschmutzung führen.»

Tatsächlich kann mehr Effizienz sogar zu mehr Verbrauch und Verschmutzung führen. Dieses Paradox wurde erstmals 1865 vom Ökonomen William Stanley Jevons beschrieben; er hatte bemerkt, dass die Einführung einer effizienteren Dampfmaschine mit einem höheren Kohleverbrauch zusammenfiel – und nicht etwa einem tieferen. Denn die Gewinne daraus wurden in Mehrproduktion reinvestiert, was die Preise nach unten trieb, was wiederum die Nachfrage erhöhte – und so weiter.

Solche Rückprall-Effekte gibt es in der gesamten Wirtschaft, so dass die einzig wahre Lösung darin besteht, weniger zu verbrauchen. Im besten Fall bildet Effizienzsteigerung eine unausgegorene Lösung; im schlimmsten Fall schürt sie genau das Problem, das sie zu lösen versucht.

2.    Überbewertete Technologie

Die Anhänger eines grünen Wachstums wollen uns glauben machen, dass immer bessere Technologien die Lösung sind. Wir sind uns da nicht so sicher. Internationale Umweltvereinbarungen und -szenarien gehen zuversichtlich davon aus, dass Grosstechnologien eingesetzt werden können, um Co2-Emissionen wieder zu absorbieren und zu beseitigen; aber zuerst müssen wir dieses Potential einmal im kleinen Massstab erleben.

Weiter soll die mechanisierte Agrikultur mehr Effizienz und höhere Erträge bringen, doch dabei wird dann übersehen, dass Low-Tech-Landwirtschaft ein produktiverer Weg ist, um den weltweiten Nahrungsbedarf bei tieferer Umweltverschwendung zu decken.

«The Conversation»

Natürlich ist Technologie zentral, um die Umweltbelastung in der Produktion und beim Konsum zu dämpfen. Aber «grünes Wachstum» überbewertet ihre Rolle.

3.    Ohne Profit keine Action

Das wohl stärkste Argument für ein grünes Wachstum ist, dass der Umweltschutz hier mit dem Gewinnziel einhergehen kann. Aber in Tat und Wahrheit besteht oft eine Spannung zwischen diesen Zielen. So sind viele Unternehmen risikoscheu und wollen keine First Mover sein – sei es mit einer Gebühr für Plastiksäcke, beim Verbot von Plastikbechern oder bei der Einführung von CO2-Kennzeichnungen.

Dann ist da noch der Fakt, dass einige nachhaltige Schritte schlicht keine attraktiven Investitionen für die Privatwirtschaft sind: Der Schutz von Ökosystemen oder die Finanzierung öffentlicher Infrastruktur für Elektrofahrzeuge bietet wenig Gewinnchancen. Andererseits könnten Umweltrisiken wie das Ende natürlicher Ressourcen oder extreme Wetterverhältnisse  für einen Teil des Privatsektors attraktiver werden.

Wenn wir es ernst meinen mit einem Leben innerhalb der Grenzen unserer Umwelt, müssen wir bestimmten Sektoren Adiós sagen: fossile Brennstoffe, Viehzucht, Düngemittel. Überlassen wir das dem Markt, dann können wir lange, lange warten.

4.    Auch grüner Konsum ist Konsum.

Öko-Konsum bietet eine scheinbar vernünftige Lösung gegen die Umweltschäden durch übermässigen Verbrauch, aber wir sind skeptisch. Der Drang nach umweltfreundlicherem Konsum überträgt die Verantwortung von den Regierungen und Unternehmen auf die einfachen Menschen. Wie ein Kommentator bemerkt hat, wurden wir als Einzelpersonen in die Bekämpfung von Umweltfragen hineingezogen, während die wahren Schuldigen ungeschoren davonkommen.

«Die Bepreisung von Umweltschäden über Märkte ist dasselbe wie der Verkauf von Genehmigungen zur Verschmutzung und Vernichtung unserer Natur.»

Tatsächlich treibt der grüne Konsum immer noch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Umweltzerstörung an. Alle Dinge erfordern mehr Dinge zur Herstellung – das wird oft übersehen, wenn wir wiederverwendbare Becher, Öko-Geräte und «nachhaltige» Kleidung kaufen. Und alle positiven Wirkungen des grünen Konsums können auch wieder abgeschwächt werden, weil die Menschen das Gefühl erhalten, dass sie nun eine moralische Lizenz haben, sich anderswo zu verwöhnen.

Wenn wir vegan werden, aber dann Langstrecke fliegen, wird grüner Konsum zum Nullsummenspiel.

Die Konsumenten können zwar einen Unterschied bewirken, aber wir sollten uns nicht täuschen lassen, dass die Menschheit so ihren Weg aus den Umweltproblemen finden kann.

5.    Die Gefahr des Pröbelns

Eine Kernidee des grünen Wachstums lautet, dass Märkte sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung sind. Für die Anhänger eines grünen Wachstums können Märkte die Nachhaltigkeit fördern, solange wir es richtig berechnen: eine Steuer auf Kohlenstoff, eine Subvention für saubere Energien, ein Preisschild für die Natur. Aber die Bewältigung von Umweltproblemen via Markt ist mit vielen Mutmassungen verbunden – ohne sicheres Ergebnis.

Im Gegensatz zur Kohle taugen Ökosysteme und Biodiversität schlecht zur wirtschaftlichen Bewertung oder dazu, innerhalb von Märkten substituiert zu werden. Die Bepreisung von Umweltschäden über Märkte ist dasselbe wie der Verkauf von Genehmigungen zur Verschmutzung und Vernichtung unserer Natur. Obwohl Marktmechanismen die Unternehmen zu nachhaltigem Verhalten verführen können, werden nur strenge Gesetze und Vorschriften dazu beitragen, deren Wachstum mit den Grenzen der Umwelt in Einklang zu bringen.

Und jetzt? Was steht jenseits von grünem Wachstum?

Effizienz allein ist ein stumpfes Werkzeug. Auch Techno-Tricks werden uns nicht dorthin bringen, wo wir hin müssen. Wir müssen den Stier bei den Hörnern packen, den elephant in the middle of the room angehen. Das ist der Verbrauch. Und da die wirtschaftlichen Anreize zur Senkung des Konsums gering ist, müssen Regierungen und die Gesellschaft die Verantwortung übernehmen.

Es gibt vielversprechende Anzeichen. Das nächste grosse Gutachten des Weltklimarats IPCC wird endlich ein Kapitel über die Senkung des Konsums enthalten. In Grossbritannien hebt der neue Bericht des Committee on Climate Change zum Null-Treibhausgas-Ziel bis 2050 hervor, dass ein gesellschaftlicher Wandel unabdingbar ist.

Der erste Schritt hin zu einem umfassenderen und effektiveren Modell für Nachhaltigkeit wird sein, unseren Wachstumsappetit in Frage zu stellen.