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Chefs
«Karriere zu machen, ist nicht mehr en vogue»

Sandro Gianella: «Ein CEO muss ein guter Bodenturner sein.»   Tina Sturzenegger

Headhunter Sandro V. Gianella spricht im Interview über gute und schlechte Chefs, spannende Karrieren und die Reputation von Managern.

Von Pascal Ihle
am 24.06.2014

Warum will jemand ein Unternehmen führen?
Sandro V. Gianella: Es gilt, zwischen Unternehmer und CEO zu unterscheiden. Hauptmotivation eines Unternehmers ist es, zu gestalten. Dafür ist er bereit, Risiken auf sich zu nehmen. Personen, die ebenfalls unternehmerisch gestalten wollen, aber nicht bereit sind, solche persönlichen Risiken auf sich zu nehmen, versuchen CEO zu werden.

Wie merkt jemand, ob er ein Leader ist?
Es gibt Personen, die vom Naturell her Unternehmer sind, und solche, die glauben, es zu sein. Für mich liegt der Unterschied, philosophisch ausgedrückt, im Begriff der Freiheit. Ein Unternehmer will frei sein, er wagt etwas Neues und nimmt damit in Kauf, scheitern zu können. Das unterscheidet ihn von einem Manager, der viel eher systemkompatibel sein muss.

Das heisst, ein Unternehmer eignet sich nicht als CEO.
Er eignet sich hervorragend als CEO seines eigenen Unternehmens. Er ist ein permanenter Antreiber. Er steht frühmorgens auf und hat schon tausend Ideen im Kopf, die er realisieren möchte. Der Unternehmer braucht das Abenteuer, sein Ansporn ist der unternehmerische Erfolg. Das hat für ihn etwas Befreiendes,  womit wir wieder beim Begriff Freiheit wären. Der CEO hingegen sollte vielmehr die Eigenschaften eines Rallye-Piloten haben. Er muss im richtigen Moment auch einmal abbremsen können, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Sie dramatisieren.
Überhaupt nicht. Als CEO eines börsenkotierten Unternehmens sind Sie zur Person des öffentlichen Interesses mutiert und stehen im Rampenlicht. Ihr Name taucht regelmässig in den Medien auf, die Höhe Ihres Lohns wird öffentlich diskutiert und kritisiert. Die Regulierungsdichte nimmt zu, der politische Druck ebenfalls. Dieses Korsett zwängt den CEO immer mehr ein. Seine Hauptmission liegt heute wohl darin, es allen recht zu machen. Nun weiss aber jeder halbwegs intelligente Mensch, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Warum wird überhaupt noch jemand CEO eines börsenkotierten Unternehmens?
Zum einen haben nicht alle Führungspersönlichkeiten diesen ausgeprägten Freiheitsdrang und dieselbe Risikofreude, die ein Unternehmer verspürt. Zum anderen zeichnet sich in vielen Fällen eine Konzernkarriere ab. Junge Menschen starten in einem Unternehmen und steigen die Karriereleiter hoch. In diesen Fällen ist es einfacher, sich in etablierten Strukturen zu bewegen, anstatt etwas ganz Neues aufzubauen. Aber ich stelle schon fest, es möchte nicht mehr jeder CEO werden.

Was sind die Alternativen?
Eine CEO-Position in einem mittelständischen, nicht börsenkotierten Unternehmen mit einem gesunden Aktionariat ist für viele ein Traum. Für eine börsenkotierte Firma, die im medialen Rampenlicht steht und sich mit der Aufsicht, der Regulierung und den Finanzmärkten herumschlagen muss, wird es immer schwieriger, den CEO-Posten qualitativ hochstehend und langfristig zu
besetzen.

Was verstehen Sie unter «qualitativ hochstehend»?
Eine Besetzung, die für das Unternehmen nachvollziehbar sinnvoll ist und glaubwürdig nach innen und nach aussen kommuniziert werden kann. Es gibt immer mehr potenzielle Kandidaten, die sagen: Konzernleitung ja, aber nicht CEO.

Lässt der Karrierehunger, die Ambition auf höhere Weihen nach?
Der Aufwand und das Involvement eines CEO sind ungemein grösser als früher, der Verschleiss auch. Das stimmt viele nachdenklich. Wenn Sie CEO sind und Sie reisen viermal pro Jahr nach Asien, dreimal in die USA, einmal nach Südafrika oder Südamerika und den Rest verbringen Sie in Europa und in der Schweiz, dann sind Sie nach einigen Jahren ganz einfach zu müde, das Hamsterrad am Drehen zu halten. Die jüngere Generation, die jetzt Einzug in die Konzernleitungen hält, stellt sich die Frage: Will ich mir das wirklich zumuten? Ich will Freiräume für mich. Meine Familie hat ihre Ansprüche. Hobbys haben einen wichtigen Stellenwert. Die absolute Leidenschaft für den Job ist nicht mehr gleich zwingend wie früher.

Was heisst das für die börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz: Werden sie künftig mehr Mühe haben, die richtigen, leidenschaftlichen Führungskräfte zu finden?
Das Finden ist ein Prozess, ein Mechanismus, den wir beherrschen. Doch das reicht heute nicht mehr. Man muss die Leute überzeugen und Karriereschritte besser verkaufen.

Warum sagen Sie «verkaufen»?
Karriere zu machen und damit Verantwortung zu übernehmen, ist heute gesellschaftlich nicht mehr unbedingt en vogue.

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