Wieso nehmen Manager Drogen?
Wolf Kemper*: Seit es Menschen gibt, spielt Leistung eine Rolle. Egal, ob es darum geht, Nahrungsmittel aufzutreiben, sich den natürlichen Umständen zu stellen oder gegen feindliche Stämme zu kämpfen. Leistung ist oft mit Stress verbunden, und Stress verlangt nach einer Möglichkeit der Disziplin. Mit Drogen kann man diese Disziplin entweder herstellen oder gezielt daraus ausbrechen. Übrigens, egal von welchen Drogen wir sprechen, man kann die Effekte auf drei Wirkungsbereiche reduzieren: Leistungssteigernd, beruhigend, halluzinogen.

Die Drogenbedürfnisse der Steinzeit haben aber nicht mehr viel mit unserer Arbeitswelt zu tun.
Die grundsätzlichen Funktionen sind gleich geblieben: Manche wollen Leistung steigern, beispielsweise ihre Konzentrationsfähigkeit erhöhen und damit ihre eigene Qualität. Andere benutzen Valium oder Morphin, um ruhig und konzentriert arbeiten zu können. Und etliche Menschen fahren abends nach der Arbeit nach Hause und kon-sumieren halluzinogene Drogen wie Cannabis, um ihren Job zu verarbeiten.

Was würde passieren, wenn diese Kompensation wegfiele?
Die gesamte Arbeitswelt würde sich schlagartig verändern, wenn es keinen Alkohol mehr geben würde! Alkohol bietet die Chance, sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen. Jetzt trink ich ein Glas Wein, die andere Phase des Lebens beginnt. Die traditionelle Arbeiterkneipe bot den Fabrikarbeitern des 19. Jahrhunderts die Chance, ihre fremdbestimmte Arbeit zu kompen-sieren und entspannt zu Hause anzukommen. Alkohol macht die Menschen willig. Ohne solche Mittel hätte sich an ihrer Leistungsbereitschaft sicherlich etwas geändert.

Werden heute mehr Drogen konsumiert?
Auf jeden Fall. Durch die Produktions- und Verkaufszahlen wissen wir, wie viele Grundstoffe geliefert werden. Wir wissen auch, wie viele Drogen beschlagnahmt werden. Die Produktion scheint sich stetig zu erhöhen. Gerade in Osteuropa haben sich Firmen komplett auf die Grundstoffe spezialisiert, die zur Herstellung von Amphetaminen benötigt werden.

Sie haben in New York geforscht. Wie viel wird an der Wall Street konsumiert?
Ich habe in den 1990er-Jahren in New York Pharmakologie und Drogenkunde studiert und mich dort mit dem lokalen Drogenkonsum beschäftigt. Gerade an der Börse war Koks die Wahl der Stunde. Bei unseren Interviews mit Kokaindealern erfuhren wir, dass bei Mitarbeitern in Agenturen der Bedarf hoch war. An mehreren Wochentagen bestand die Möglichkeit, über einen Kontaktmann eine Bestellung abzugeben. Wenn ein Konsument sich mit seiner Bestellung verkalkuliert hatte, gab es immer noch drei oder vier den Insidern bekannte «Pizzadienste», bei denen man sich nachträglich versorgen konnte.

Müssten es intelligente, gut bezahlte Führungskräfte nicht besser wissen?
Sie müssen sich das so vorstellen: Sie kommen neu in ein Büro, ihre drei Kollegen glänzen mit ihren Leistungen, können am Telefon schlicht alles verkaufen und sehen dabei auch noch super aus. So kann bei Ihnen der Eindruck entstehen, wenn Sie dazugehören wollen, müssen Sie auch was nehmen, sonst glauben Sie, dass sie es nicht an die Spitze schaffen. Hinzu kommt der Effekt der Droge, die suggeriert, zu denjenigen zu gehören, die im Kreis der Auserwählten angekommen sind.

Wie lange geht so etwas gut?
Teilweise fünf bis sieben Jahre. Dann folgt die Entrüstung der anderen, wenn einer ihrer Kollegen wegen des Konsums gar nicht mehr arbeiten kann. «Er hätte nicht so viel nehmen sollen», heisst es dann.

* Wolf Kemper, Pharmakologe an der Uni Lüneburg

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