Paul Babiak traf seinen ersten Psychopathen bei einer Sitzung zur Teambildung. «In einem Grossunternehmen funktionierte die Zusammenarbeit einer bisher hoch leistungsfähigen Abteilung nicht mehr. Ich sollte sie wieder aufbauen», erzählt der promovierte Psychologe und Unternehmensberater aus New York. Er interviewte das Team, dann die Leute einzeln. Dabei stiess er auf eine Person, welche die einen Kollegen geradezu anbeteten, die anderen verabscheuten. «Es war, als ob die Leute von zwei verschiedenen Individuen sprachen», erinnert sich Babiak.

Kurze Zeit später wurde das Team aufgelöst. Die polarisierende Person übernahm den Chefposten. Diese Erfahrung liess Babiak nicht mehr los. Er rief deshalb Robert Hare an, um den Fall durchzusprechen. «Sie sind auf einen getroffen», antwortete der emeritierte Professor für Psychologie an der Universität British Columbia. «Bei weitem nicht alle Psychopathen sitzen im Gefängnis, manche sitzen im Verwaltungsrat.»

Soziale Raubtiere

Hare beschäftigt sich seit mehr als 35 Jahren mit Psychopathen und ist weltweit als Koryphäe dafür bekannt. Er vergleicht sie mit sozialen Raubtieren. «Sie oder er ist die Katze. Wir sind die Mäuse.» Der Professor unterscheidet zwei Grund­typen: Den Charmeur und den Aggres­siven. Beide seien Meister der Manipulation, die nur der eigene Nutzen interessiere. «Psychopathen fügen sich in der Regel perfekt ein», sagt Hare. «Sie sehen gut aus und hören sich gut an. Sie wissen genau, was ihr Chef oder die Personalabteilung hören will.» Damit kommen sie oft weit. In Hares Studie wiesen von 203 befragten Managern 9 hohe psychopa­thische Werte auf – die meisten aus höheren Kaderstufen.

Das Bewusstsein für Psychopathen und die Folgen ihrer Machenschaften sei in den Unternehmen jedoch nach wie vor sehr gering, bemängelt Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich. Erkennen könne ein Arbeitgeber einen Psychopathen nur, wenn er nicht nur die Leistung, sondern auch die Persönlichkeit seiner Mitarbeitenden teste. Dieser hohe Aufwand werde allerdings ganz selten betrieben. «Unternehmen unterschätzen den Schaden, den unentdeckte Psychopathen anrichten können», kritisiert Urbaniok.

Anhäufung im Investment Banking

Nicht alle Unternehmen sind gleich anfällig. Allgemein begünstigten offene, schnell wachsende, wenig geordnete Strukturen Psychopathen den Aufstieg, erklärt Experte Hare. Typische Exemplare fänden sich bei Internetfirmen. Auch im Investment Banking gebe es Spitzenkräfte mit Eigenschaften, die sie auszeichneten: Rücksichtslosigkeit und keine Angst vor dem Scheitern. Sie hätten damit eine hohe Risikobereitschaft, die schnelle Entscheidungen ermögliche.

Für manche Unternehmen könnte es deshalb interessant sein, sie in den eigenen Reihen zu haben. «Sollte ein Arbeitgeber es schaffen, das Interesse seiner Firma mit dem Interesse des Psychopathen zu kombinieren, kann eine gewisse Dosis an Psychopathie vielleicht nützlich für ihn sein, zumindest kurzfristig», sagt Hare.

Meist verwechseln Unternehmen aber einfach naiv die Eigenschaften von Psychopathen mit guten Managementqualitäten, auch wenn deren konkrete Leistungen oft schlecht sind. Detailgenauigkeit und Fairness seien nicht eines Psychopathen Sache, meint Babiak. Trotzdem habe dies häufig geringe Konsequenzen. «Ihren Charme interpretieren die Personalverantwortlichen als Führungscharisma», sagt der Unternehmensberater. «Die Fähigkeit, andere zu manipulieren, kommt als Überzeugungskraft an», sagt Experte Babiak.

«Meistens werden die Kriminellen freundlich entlassen»

Das kann fatal sein. Denn zwischen positiven Fähigkeiten in gewissen Aufgabenbereichen und negativen ist es ein schmaler Grat. Noch schmaler verläuft der Grat zwischen Legalität und Kriminalität. Oftmals verlassen ihn Psychopathen in die falsche Richtung, weiss Urbaniok. Bisweilen ziehen Unternehmen den Zürcher Psychiater in kritischen Fällen zur Beratung hinzu. Dabei geht es immer um Wirtschaftskriminalität.

In den seltensten Fällen zeigten die Unternehmen die Verantwortlichen dann an, meint Urbaniok. Sie fürchteten schlechte Presse, kritische Nachfragen von Aktionären. «Meistens werden die Kriminellen freundlich entlassen, mit einem Referenzbrief voller Lob», sagt er. So bekämen sie woanders leicht eine neue Anstellung. Ein grosser Missstand, findet der Chefarzt.

«Amüsiert, wenn ich auf einen treffe»

Thomas Noll teilt diese Einschätzung. Der Psychiater und Jurist ist Chef des Vollzugs der Justizvollzugsanstalt Pöschwies im zürcherischen Regensdorf. Mit 430 Insassen ist die Einrichtung das grösste Gefängnis in der Schweiz. Wirtschaftskriminelle gibt es hier kaum. Eigentlich müsste das anders sein. «Studien deuten darauf hin, dass 3,5 bis 6 Prozent der Personen auf der Chefetage stark psychopathische Persönlichkeitszüge aufweisen», sagt Noll. «Doch Psychopathen im Wirtschaftsbereich passiert wenig, solange sie nicht gewalttätig werden.»

Auch Experte Babiak ist in seinem Leben viele Male auf Psychopathen hereingefallen. Aufgrund seiner Erfahrung werde er inzwischen aber nur noch manchmal getäuscht. Er lehnt sich zurück und sagt: «Meistens bin ich jetzt amüsiert, wenn ich auf einen treffe.»

 

«Für die Firmen immer riskant»

Interview: Anna Catherin Loll mit Pascal Scherrer: Co-Autor, publizistischer Leiter DRS 3

 

Unter welchen Voraussetzungen kann ein Psychopath einer Unternehmung sogar Vorteile bringen, welche die Risiken ­akzeptabel erscheinen lassen könnten?

Pascal Scherrer:
Mittel- bis langfristig ist es für den Arbeitgeber höchst riskant, ­einen Psychopathen als Mitarbeiter zu haben. Es gelingt den Psychopathen nämlich beispielsweise, Nachfolgeplanungen im Unternehmen betrügerisch zu beeinflussen und firmeninterne Kommunikationsschwächen, zwischenmensch­liche Konflikte und allgemeine Stress­oren, mit denen sich alle Unternehmen beschäftigen müssen, zu ihrem Vorteil auszunutzen. Sie missbrauchen Mitarbeitende und – indem sie die Arbeitsmoral schwächen und Konflikte verursachen – auch die Unternehmen selber. Manche gehen gar auch so weit, dass sie ihren ­Arbeitgeber bestehlen und betrügen.

Sie haben mit Thomas Noll in einer Arbeit an der Executive School der Uni St. Gallen Börsenhändler, also Trader, mit Psycho­pathen verglichen. Ihr Befund?

Trader gelten als gierig und unkooperativ. Mit der Studie wollten wir die Diskussion versachlichen. Doch nun haben wir herausgefunden, dass die Trader in der spezifischen Testsituation wirklich rücksichtsloser sind als Psychopathen.

Sind sie denn damit erfolgreicher?

Nein. Die Psychopathen waren erfolgreicher als die Händler.

Wie kommt das?

Wir haben 28 Händler gebeten, in einem Computerspiel in 40 Durch­gängen eine begrenzte Menge Wasser zu verteilen. Der Gewinner war der, der am Ende am meisten Wasser hatte. Die Ergebnisse verglichen wir mit einer existierenden Studie mit Psychopathen. Das ­Ergebnis war für uns überraschend: Die Trader hatten am Ende weniger Wasser als die Psychopathen. Statt sachlich-nüchtern auf die Maximierung ihres ­absoluten Gewinnes abzuzielen, konzentrierten sich die Händler darauf, sich ­materiell möglichst stark vom Computer-Gegenspieler abzuheben. Dabei gingen sie besonders egoistisch vor.

Psychopathen sind also mehr auf das ­Allgemeinwohl bedacht als Trader?

Nein, bestimmt nicht. Sie verhielten sich einfach nur schlauer. Trader scheinen sich von dem Bedürfnis nach Überlegenheit so sehr bestimmen zu lassen, dass sie den Blick für das langfristig beste Ergebnis verlieren. Psychopathen kennzeichnet hingegen, dass sie sich wenig durch Emotionen ablenken lassen. So können sie viel umsichtiger ihrem Ziel entgegengehen. Dass sie in unserer Studie weniger rücksichtslos abschneiden, liegt wohl daran, dass maximale Rücksichtslosigkeit in der simulierten Situa­tion nicht zum besten Ergebnis führte.

Checkliste

So erkenntman Psychopathen
Psychopathen auszumachen ist schwierig. Meist erkennt man sie gar nicht. Robert Hare entwickelte eine Checkliste, die helfen soll, sie zu ­erkennen: Oberflächlicher Charme, stark übersteigertes Selbstwertgefühl, pathologisches Lügen, betrügerisch-manipulatives Verhalten, ­Mangel an Schuldbewusstsein, ­Gefühlskälte, Mangel an Empathie, Verantwortungslosigkeit, Fehlen von langfristigen Zielen, Impulsivität.

Quelle: Babiak et al. 2010, Corporate Psychology: Taking the Walk, in: Behav. Sci. Law.

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