Urs Peter Fischer* meidet die Kantine inzwischen. In der Pause am Vormittag eilt er lieber die Fluchttreppe hinab und steuert schnurstracks das kleine Café ein paar Strassen weiter an. «Meine Ruheinsel», sagt der 45-jährige Verlagsangestellte. Hier holt er sich das Boulevardblatt und stellt sich an ein Stehtischchen, das man von aussen nicht sieht. Dann freut er sich auf seinen Latte macchiato mit der dicken Milchschaumhaube – und vor allem darüber, ihn völlig unbehelligt geniessen zu können.

Hätte er die Kantine aufgesucht, wäre er nur wieder auf «diese unsäglichen Jammerlappen» gestossen, Auf jene Kolleginnen und Kollegen mit den miesen Mienen, in die alles Elend dieser Welt eingemeisselt zu sein scheint. Und auf jene, die gerne ungefragt mitteilen, dass sie alles anödet – das miserable Betriebsklima, vom Chef nie auch nur mal ein lobendes Wort zu hören, dessen autoritären Führungsstil ertragen zu müssen. Die Routine macht sie mürbe, und wenn sie etwas ausserhalb der Routine machen sollen, fühlen sie sich überfordert. Den Erfolgs-, Umsatz- und Zeitdruck empfinden sie als unmenschlich. Und die Bezahlung als unangemessen – während die da oben dick abzocken! Kurzum: Die Frustrierten wähnen sich im falschen Job, und am liebsten würden sie den ganzen Krempel noch heute hinschmeissen.

Tatsache aber ist, dass viele Unzufriedene bleiben. Dies oft aus Bequemlichkeit, Angst vor Veränderung oder wegen der Unsicherheit, ob ihre Qualifikation noch ausreicht auf dem Arbeitsmarkt. Oder weil es das Einkommen nicht zulässt, sich neu zu orientieren. Sich gar auf etwas einzulassen, was Unwägbares birgt, etwa ins Blaue hinein zu kündigen und sich erst einmal eine Auszeit zu nehmen.

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Am schwierigsten sind die «fixiert Unzufriedenen». Zu diesem Schluss kommt die Erhebung zur Arbeitszufriedenheit, die das Marktforschungsunternehmen Transfer Plus jedes Jahr in der Schweiz durchführt. 4 Prozent der Erwerbstätigen zählen dazu. Typisches Merkmal: Keinerlei Vorstellung, was sie gegen den Frust tun könnten. Stattdessen neigen sie zum «unglücklichen Ausharren im Job», sagt Studienleiter Patric Stocker. Dies im Unterschied zu den 8 Prozent «konstruktiv Unzufriedenen», die wissen, wie sie ihre Situation verbessern können und eher über einen Jobwechsel nachdenken.

Angst vor dem Wechsel

Grösser ist im letzten Jahr die Gruppe jener geworden, die sich einredet, zufrieden zu sein. 37 Prozent der Beschäftigten zählen laut der Erhebung dazu. Ihre Durchhalteparole lautet: «Es könnte noch viel schlimmer sein, eigentlich ist meine Situation gar nicht so schlecht.» Das aber ist ein Stück Selbstbetrug: Wer so denkt, hat nach Angaben von Stocker die ­Ansprüche an seine berufliche Situation heruntergeschraubt oder sich von Träumen verabschiedet.

Ausharren statt gehen: Den Grund dafür sehen Experten wie der Luzerner Laufbahnberater Urs Kaufmann auch in der angespannten Wirtschaftslage und der Krisenfurcht. Viele halten deshalb an ihrer Stelle fest – auch wenn sie sich nicht weiterentwickeln und aufsteigen können, sich ärgern über die schwerfälligen Betriebs­abläufe und die harzige interne Kom­munikation und es zwischenmenschlich knirscht im Team. Grundsätzlich sei der Anteil der Unzufriedenen aber immer gleich gross – Krise hin oder her, glaubt der deutsche Businesscoach Volker Kitz.

Fest steht: Wer am Arbeitsplatz unzufrieden ist und nichts daran ändert, tut sich und seinem Unternehmen keinen Gefallen. Halte die innere Kündigung an, drehe sich die Abwärtsspirale unaufhaltsam, warnt Marktforscher Stocker. Und das nicht nur, weil Frustrierte oft Sarkasmus verbreiten und andere in den Strudel hineinziehen. Bei den Unzufriedenen selbst sinkt die Motivation, sie identifizieren sich nicht mehr mit ihrer Aufgabe. Das, was sie gerne machten und gut konnten, wird zur Last, die Last führt zu Stress, und jeder neue Stress zementiert die wahrgenommene Unzufriedenheit. Die Leistungsfähigkeit sinkt und damit auch die Chance, dass der Arbeitgeber Poten­zial im Mitarbeiter sieht.

Bleiben oder gehen? Im schlimmsten Fall trifft diese Entscheidung dann der Chef oder die Personalabteilung. Bevor es so weit kommt, sollten Vorgesetzte mit ihren unzufriedenen Mitarbeitern unter vier Augen sprechen und die Gründe für den Frust erörtern (siehe Kasten).

Analyse statt Affekt

Unreflektiert kündigen und sich aus lauter Frust woanders bewerben, ist hingegen keine Lösung. Nur eine saubere Analyse kann den Weg ebnen zu einer Arbeit, die wieder Freude macht. Und wer nicht klar sieht, sucht am besten Rat. «Die Gründe für die Unzufriedenheit können in der Person, deren Biographie, aber auch im betrieblichen und wirtschaftlichen Umfeld liegen», sagt Stocker. Eine Rolle spielt darüber hinaus, ob der Frust anhält oder vorübergehend ist, ob die «Unzufriedenheitsherde» bekannt sind, ob sie zentrale oder untergeordnete Bereiche der Arbeit betreffen. Und ob Veränderungen im Betrieb absehbar sind oder man sie selbst erreichen kann.

Dies und mehr muss auf den Tisch. Dann erst kann man entscheiden. Volker Kitz warnt: Viele wechseln den Arbeitsplatz und schieben kurz danach denselben Frust. Dies wiederholt sich am laufenden Band. So gesehen, hätten sie auch gleich an Ort und Stelle bleiben können.

Buchtipp: Volker Kitz/Manuel Tusch: «Das Frustjobkillerbuch. Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten.» * Name geändert

Unzufriedene Mitarbeiter: Vorgesetzte müssen handeln

Aufmerksam sein
Länger anhaltende Leistungseinbussen können ein Zeichen dafür sein, dass jemand mit seiner Arbeit unzufrieden ist. Aufmerksamen Vorgesetzten sollte es auffallen, wenn ein guter Mitarbeiter nicht mehr das leistet, wozu er fähig wäre.

Sofort handeln
Bringen Sie das Thema unter vier Augen umgehend auf den Tisch. Schildern Sie wertfrei und neutral, was Ihnen aufgefallen ist. Erörtern Sie gemeinsam die Gründe für den Frust und loten Sie aus, ob dieser aus dem Weg zu räumen ist. Vielleicht kann sich der Mitarbeiter intern weiterentwickeln. Vielleicht hilft es auch, ihm auf bestimmte Zeit einen externen Coach zur Seite zu stellen.

Fragen stellen
Um zu prüfen, wie gross der Handlungsbedarf ist, sollte der Vorgesetzte Fragen stellen: Was empfindet der Mitarbeiter als unangenehm bei seiner Arbeit? An welche Grenzen stösst er? Welche Haltung nimmt er dabei ein? Verfügt er über Strategien, damit umzugehen? Oder steht er dem Ganzen resigniert gegenüber? Sind Rückzugstendenzen spürbar? Oder verstärkte Aktivitäten auf anderen Gebieten, etwa bei sozialen Netzwerken? Wie stark identifiziert sich der Mitarbeiter mit der Firma, deren Zielsetzungen, seiner persönlichen Aufgabe? Ist diese Identifikation bei seiner täglichen Arbeit zu spüren? Wie schätzt der Mitarbeiter selbst seine Perspektiven in der Firma ein?

Interview mit Volker Kitz: «Einen Ort ohne Probleme gibt es nicht»

Sie sagen, dass alle Jobs mehr oder minder gleich sind. Warum?
Volker Kitz:

Wir sprachen mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen, Tätigkeitsbereichen und Hierarchieebenen. Das verblüffende Ergebnis: Alle klagen im Wesentlichen über die gleichen fünf Dinge: Ich verdiene zu wenig Geld. – Keiner schätzt meine Arbeit. – Alle reden mir drein. – Jeder Tag an der Arbeit ist genau gleich. – Alle Kollegen und Kunden sind geisteskrank.

Was schliessen Sie daraus?
Es ist egal, für wen Sie arbeiten. Bestimmte Probleme sind mit der Arbeitswelt und dem menschlichen Zusammensein untrennbar verbunden. Einen Ort ohne diese Probleme gibt es nicht.

Woran liegt es, dass wir trotzdem oft unzufrieden sind?
Die Arbeit frisst einen grossen Zeitanteil unseres Lebens, daher bürden wir ihr eine unglaublich hohe Verantwortung für unser Lebensglück auf. Diese Erwartungen kann die Arbeitswelt nicht erfüllen, und dazu ist sie auch nicht da.

Was raten Sie einem Unzufriedenen?
Zu unterscheiden zwischen Einzelfall und Problemen, die jeder hat. Wenn ich nicht nur gern mehr Geld hätte, sondern mich tatsächlich unter dem Marktwert verkaufe, dann ist es Zeit zu wechseln. Oder wenn es nicht nur normale Reibereien mit Chef, Kollegen und Kunden gibt, sondern handfestes Mobbing.

Und wenn es keine Alternative gibt?
Ehrlich gesagt: Wenn es für mich keine Alternative auf dem Arbeitsmarkt gibt, sollte ich umso dankbarer sein für den Job, den ich habe.

Wie wird man zufriedener im Job?
Passen Sie Ihre Erwartungen der Realität an. Wer das geschafft hat, kann oft bleiben, wo er ist.

Gibt es auch Angestellte, die ständig jammern, aber gar nicht wechseln wollen?
Viele Leute sagen: Ich will einen anderen Job, meinen aber in Wirklichkeit: Ich will keinen Job. Sie stört das Arbeitsleben generell, weil es die Freiheit einschränkt. Daran ändert auch ein Wechsel nichts. Manche wissen genau, was sie ohne Arbeit tun würden. Viele aber nicht. Dann sollte ich froh sein, dass die Arbeit meinem Leben einen Inhalt gibt, selbst wenn der mich oft nervt.