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#ohnemich – Missbrauch ist keine Geschlechterfrage

#ohnemich – Missbrauch ist keine Geschlechterfrage
Weinstein-Domino: Spacey, Richardson, Hoffman et alia. Keystone

Die aktuellen Fälle von Sexismus, Missbrauch und #metoo sollten zu keiner Geschlechterfrage gemacht werden. Es gilt über Systeme des Machtmissbrauchs zu diskutieren.

Von Esther-Mirjam de Boer*
2017-11-03

Oh, diese Kampagne wühlt mich auf. Ich könnte den Hashtag auch setzen. Einstimmen in die Klage der Frauen gegen die Männer. Gründe gibt es genug. Doch eine innere Stimme sagt #ohnemich. Diese Jacke zieh ich mir nicht an – ich bin kein Opfer.

Eigentlich geht es um etwas anderes: Frauen, seien wir ehrlich, «die Männer» sind nicht das Problem. Jedenfalls die allerallermeisten nicht. Weinstein hat auch männliche Karrieren gekostet und weibliche Mitwisser gehabt. Jegge hat ausschliesslich Jungs missbraucht.

Systeme des Machtmissbrauchs

Der Fall einer Professorin an der ETH, die ihre Mitarbeitenden ausgenutzt und gemobbt hat, sowie die Geschichten aus fünfzig Jahren Grausamkeit von Ingenbohl-Schwestern legen nahe, dass wir über Systeme des Machtmissbrauchs und nicht nur über Sexismus sprechen sollten. Und einbeziehen, dass Frauen dabei auch Täterinnen und Mitwisserinnen sind.

Kürzlich habe ich mit einem Spitaldirektor geredet und gefragt, ob ihm Fälle von Sexismus von Chefärzten gegenüber Assistenzärztinnen bekannt seien. Ja, sagte dieser unumwunden, leider. Und: Das Problem betreffe auch Männer.

Perfider Machtmissbrauch

Alle, die einen FMH-Titel abverdienen oder in einem Spezialgebiet Karriere machen wollen und unglücklicherweise an Vorgesetzte geraten, die keinen Widerspruch dulden und qualvoll mit ihrem Personal umgehen, müssten Angst um ihre Stelle und berufliche Zukunft haben, wenn sie aufbegehren.

Egal ob Mann oder Frau. Sexismus sei dabei eine perfide Ausdrucksform eines viel breiteren Repertoires von Machtmissbrauch. Erdulden und Schweigen sei der geläufige Umgang damit. Oder ein beruflicher Wechsel. Die Geschichte hat deutliche Parallelen zur aktuellen ETH-Story. Was tun?

Reden ist die Lösung

Es kostet Mut und womöglich auch einen Knacks in der Karriere, doch die Lösung ist das Reden; zusammen mit anderen Betroffenen idealerweise, denn Machtsysteme sind oft dicht geflochten, wenn sie dem Missbrauch standhalten sollen. Insofern ist die aktuelle Welle ein Segen. Der Fall an der ETH zeigt: Disziplinarmassnahmen greifen, wenn die richtigen Stellen Bescheid wissen.

Doch wir Frauen sollten jetzt keinesfalls den Fehler machen, diese Hollywood-Geschichte und andere Missbräuche zu einer simplen Geschlechterfrage zu machen, denn dann bildet sie falsche Fronten und verfehlt ihre Wirkung. Wir sollten die Männer an Bord holen und sie nicht pauschal schuldig sprechen.

*Esther-Mirjam de Boer, Geschäftsleiterin von ­Getdiversity und UR Management, VR-Präsidentin Gris Alliance des Créateurs, Präsidentin Verband Frauenunternehmen.

In der Kolumne «Mehrwert» schreiben erfolgreiche Geschäftsfrauen über die Arbeitswelt.

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