Ein Deutscher soll das Schweizer Geschäft der grössten Schweizer Bank leiten? Ausgerechnet ein Deutscher? So kritisch waren viele der Reaktionen auf die Berufung von Martin Blessing in die Geschäftsleitung der UBS. Doch komplette Unkenntnis der Eidgenossenschaft kann man dem 52-jährigen Ex-Chef der Commerzbank nicht vorwerfen. Immerhin studierte er Mitte der 1980er-Jahre an der Universität St. Gallen.

Dort lernte Blessing nicht nur das Einmaleins der Betriebswirtschaft kennen, sondern auch seine Frau Dorothee. Damals ahnten sie wohl nicht, dass sie in einigen Jahren das neue Powercouple des Schweizer Banking sein würden. Denn auch die 48-Jährige ist hierzulande bekannt: Für die Investmentbank JP Morgan leitet sie das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Studium in St. Gallen

Die Blessings kennen das Bankgeschäft aus dem Effeff. Martin hatte bereits vor dem Studium in St. Gallen, Frankfurt und Chicago eine Lehre bei der Dresdner Bank absolviert. Nach dem Studienabschluss war er sieben Jahre lang bei der Unternehmensberatung McKinsey tätig, bevor es ihn 1997 zurück zur Dresdner Bank zog. Nach Stationen bei verschiedenen anderen Geldinstituten schaffte er es 2008 auf den Chefsessel der Commerzbank - nur um von dort aus den Kollaps der Bank Lehman Brothers und den Ausbruch der Finanzkrise mitzuverfolgen.

Die Commerzbank wurde in den Strudel gerissen. Die auf Betreiben Blessings und seines Vorgängers Klaus-Peter Müller sowie mit dem Plazet der Regierung in Berlin kurz zuvor für rund 10 Milliarden Euro übernommene Dresdner Bank entpuppte sich als gigantisches Risiko. Sie hatte Unmengen an toxischen Risiken in den Büchern. Die Käuferin Commerzbank geriet dadurch in Schieflage. Sie musste teilverstaatlicht werden.

Der Chef erwies sich als äusserst krisenresistent. Blessing steuerte die Bank wieder zum Erfolg und vervierfachte im vergangenen Jahr den Gewinn auf über 1 Milliarde Euro. Das Angebot einer Vertragsverlängerung im Herbst 2016 schlug er schliesslich aus - zugunsten des Jobs in der Schweiz. Gleichzeitig mit Martin Blessing stieg auch seine Frau Stufe um Stufe die Karriereleiter auf. Vor JP Morgan arbeitete sie lange für Goldman Sachs in der Bundesrepublik, wo sie nach dem Studium als Analystin begonnen hatte. Innerhalb von 21 Jahren erarbeitete sie sich den Ruf als Deutschlands bekannteste Bankerin - zu Recht. Blessing galt als Dealmakerin und betreute Mammut-Börsengänge und Grossfusionen. Unter anderem war sie für das IPO der Deutschen Telekom zuständig.

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Schwarze Swatch statt Protzuhr

Nicht nur deshalb haben die Blessings das Banking im Blut. Die Verbindung mit der Branche geht noch viel tiefer. Dorothee Blessings Geburtsname Wieandt ist Teil der deutschen Finanzgeschichte. Ihr 2007 verstorbener Vater Paul war Chef der Landesbank Rheinland-Pfalz und der Bank für Gemeinwirtschaft. Auch Martin Blessing entstammt einer Banker-Dynastie. Sein Grossvater Karl stand von 1958 bis 1969 an der Spitze der Deutschen Bundesbank, Blessings Vater Werner sass in den 1980er-Jahren im Vorstand der Deutschen Bank.

Martin Blessing gilt als einer, der keine Probleme mit seiner Herkunft hat - und dennoch nicht mit Statusgehabe auffällt, sondern Wert auf Bescheidenheit legt. Viele Jahre lang konnte man an seinem Handgelenk statt einer teuren Protzuhr etwa eine schlichte, schwarze Swatch entdecken. Am anderen Handgelenk trug er Freundschaftsbänder, die seine drei Töchter geflochten hatten. Sein Auftritt ist jovial.

Bruder war Banker bei der CS

Seine Ehefrau hat einen anderen Ruf, Dorothee Blessing gilt als tough, redet öffentlich ungern über die Familie, sondern lieber über den Beruf. Nur einmal gönnte sie es sich, Teilzeit zu arbeiten: Für drei Monate nach der Geburt ihrer ersten Tochter. Und: Sie mag es nicht, wenn man ihre Familie als Bankerfamilie bezeichnet. Ihre Mutter sei ja Anwältin, sagte sie einmal der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Auch sei nie in Stein gemeisselt gewesen, dass sie Bankerin werde. «Als ich mit dem Studium begonnen habe, konnte ich mir vieles vorstellen, nur nicht unbedingt später in einer Bank zu arbeiten.»

So ganz will man ihr das Losgelöste von der Herkunft aber nicht abnehmen. Denn auch ihr Bruder wurde Banker. Axel Wieandt stiess 1998 zur Deutschen Bank. Er galt als Liebling des damaligen Konzernchefs Josef Ackermann und wurde sogar als dessen Kronprinz gehandelt. 2008 wechselte er aber in den Vorstand der durch die Finanzkrise ebenfalls in Schieflage geratenen Hypo Real Estate. Auch sie musste verstaatlicht werden. 2010 verliess Wieandt die Bank. Er ging noch einmal zur Deutschen Bank, dann zur Credit Suisse und am Ende zur kleinen Kreditbank Valovis, deren Chef er bis 2015 war.

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Von Goldman Sachs zu JP Morgan

Dass Dorothee Blessing vielleicht mit einem Banker, aber nicht mit dem Banking verheiratet ist, versuchte sie auch 2013 zu beweisen. Sie kündigte bei Goldman Sachs und nahm sich eine Auszeit - um ihre Karriere zu überdenken, so die Begründung. Den Einstieg in eine andere Branche hätte sie wohl ohne weiteres geschafft - unter anderem der deutsche Medienriese Bertelsmann soll um Blessing als Finanzchefin gebuhlt haben. Doch sie konnte das Banking nicht lassen. Im Juli 2014 heuerte sie bei JP Morgan an - als Vice Chairman für das Investment Banking in Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Und auch bei dieser Bank legte sie eine Blitzkarriere hin. Nach nur einem Jahr wurde sie zur Regionalchefin für Deutschland, Österreich und die Schweiz befördert.

Den Job erledigte und erledigt Dorothee Blessing weiterhin hauptsächlich aus Frankfurt. Eine Verlegung ihres Arbeitsplatzes nach Zürich sei nicht geplant, berichten interne Quellen. Aber einen so grossen Unterschied macht das wohl ohnehin nicht. Schon jetzt pendelt die Bankerin laufend zwischen Frankfurt, London und oft auch der Schweiz. Ein bisschen profitiert also vielleicht auch JP Morgan von Martin Blessings Berufung zur UBS. Denn der sucht bereits nach einem Wohnsitz im Land, heisst es aus seinem Umfeld. Wenn Dorothee Blessing also ab September in die Schweiz reist, spart sich die Bank die Hotelkosten.

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