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Porträt
So führt Nicola Forster die Politik-Bewegung Foraus

Nicola Forster
Nicola Forster führt EngagierteQuelle: Max Riché / Triptych

Der Aktivist baute einen erfolgreichen Think-Tank auf. Dort gelten für Chefs andere Regeln als in Unternehmen.

Von Susanne Wagner
am 11.09.2018

Andere motivieren und begeistern liegt Nicola Forster im Blut. «Am Anfang hast du gar nicht viel mehr Op­tionen, als dich selber reinzustürzen, sehr schnell zu rennen und Dinge auszuprobieren und zu versuchen, andere damit zu motivieren», sagt der 33-jährige Präsident und Gründer des Think-Tank Foraus. Auch wenn die Asso­ziation vorausrennen oder vorausdenken naheliegt und durchaus gewünscht ist, setzt sich der süffige Name Foraus ganz pragmatisch aus den Begriffen Forum und Aussenpolitik zusammen.

Am Anfang: Das war vor bald zehn Jahren, als der fast fertig ausgebildete Jurist zum ersten Mal erlebte, welche Kraft im Engagement jedes Einzelnen steckt, wenn sich alle zu einem grossen Ganzen zusammentun. Er hatte sich Hals über Kopf in die nationale Kampagnenleitung der Jungparteienkoalition für die eidgenös­sische Abstimmung über die Osterweiterung der Personenfreizügigkeit gestürzt. Der Erfolg der Kampagne und die überraschend deutliche Annahme der Abstimmung prägten Nicola Forsters künftigen beruflichen Weg. Diesen Schwung, diese neue Bewegung wollte er gemeinsam mit seinen Weggefährten am Leben halten und weiternutzen. Es entstand die Idee, einen Think-Tank aufzubauen, der auf der Basis des Crowdsourcing basiert.

Hierarchisch herrscht Offenheit

Für die Umsetzung der Idee setzte er eine vielversprechende juristische Karriere in den Sand. Die bereits vereinbarte Stelle in einem Anwaltsbüro trat er nicht an, nahm stattdessen bei seinen Eltern ein Darlehen auf und gründete den Verein ­ Foraus. «Zuerst waren wir zu zweit, dann zu viert, dann fünfzig dann hundert», so der Mitbegründer und Präsident von Foraus. «Unser Ziel ist es, mehr Leute in die zu Politik bringen. Die Währung, die wir als Think-Tank nutzen, sind neue Ideen. Damit wollen wir das System konstruktiv mitprägen», sagt Nicola Forster. «Es geht uns nicht um junge Aussenpolitik. Es geht uns um die wichtigsten Themen für die Schweiz. Ausserdem sind wir jung», präzisiert er. Die Geschäftsführung und operative Leitung hat er vor Jahren Maximilian Stern weitergegeben – heute erfüllt Lukas Hupfer diese Funktion. Forster konzen­triert sich heute auf die Strategie und die Weiterentwicklung des Think-Tank.

Das Führen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines Think-Tank ist nicht mit dem Führen einer anderen Organisation zu vergleichen. Denn Foraus besteht aus zwei Teilen: der Geschäftsstelle mit 15 Personen am Hauptsitz in Zürich-Wipkingen und in Genf sowie den ehrenamtlichen Mitarbeitern. Jede und jeder kann bei ­Foraus mitmachen. «Die Innovation von Foraus besteht darin, dass wir auf das Wissen von ganz vielen klugen Köpfen zurückgreifen.» Wer zu einem Thema eine Idee hat, kann sie einbringen. Wenn Foraus zu einem bestimmten Thema eine Analyse oder Studie schreiben möchte, wird nicht ein einziger Autor bestimmt, sondern die Online-Community aus tausend Ehrenamtlichen beteiligt. Zunächst gibt es einen breiten Crowd-Prozess, bei dem zahlreiche Leute on- und offline zusammenkommen und miteinander diskutieren und sich ein Team von Leuten herauskristallisiert, das die Idee weiterträgt und entwickelt.

Erfolgreiches Modell

Auch bei Foraus gibt es wöchentliche Teamsitzungen, in denen man sich über die aktuellsten Projekte austauscht. Aber man kommuniziert organisationsintern auch viel online mit dem webbasierten Messaging-Dienst Slack. Dies vor allem aus Transparenzgründen: In den themenbezogenen Slack-Channels können alle Mitarbeitenden und Freiwilligen jederzeit die relevanten Informationen mitverfolgen. Auch hierarchisch herrscht Offenheit. Wenn sich ein Mitarbeiter als brillanter Schreiber oder hervorragender Netzwerker hervortut, kann er das Feld wechseln, auch wenn er ursprünglich als Praktikant oder Buchhalter eingestellt wurde.

Während andere Unternehmen von oben nach unten organisiert sind, ist es bei Foraus umgekehrt: Die einzelnen Mitarbeitenden haben viel Eigenverantwortung. Die Unternehmensphilosophie geht davon aus, dass alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten und man darauf vertrauen kann, dass die Mitarbeiter selbst erkennen, wie sie mit ihren eigenen Kapazitäten am besten dorthin kommen. Das klingt idealistisch und noch immer ein wenig nach Studentenorganisation. Es ist jedoch ein sehr erfolgreiches Modell: In der ­Zwischenzeit unterhält Foraus zehn regionale Gruppen, zehn thematische Gruppen, Büros in Zürich und Genf, organisiert 200 Events im Jahr – vom Autorentreffen bis zu Gesprächen mit Bundesräten – und verfügt über ein Budget von 1 Million Franken – global sind es 1,5 Millionen. ­Finanziert wird die Organisation durch Stiftungen, Mitglieder, Gönner und den Bund.

«Neben der totalen Offenheit für Ideen arbeiten wir mit sehr klaren Prozessen, die sicherstellen, dass jedes Papier, das publiziert wird, verschiedene Qualitätssicherungsstufen durchläuft», so Forster. Das war von Anfang an wichtig, um als Organisation ernst genommen zu werden. Dass Foraus nicht nur ernst genommen wird, sondern auch auf höchster politischer Ebene viel bewirken kann, zeigte sich, als die Mehrheit der politischen Parteien den Konkordanzartikel von Foraus als Gegenvorschlag zur Rasa-Initiative gemeinsam lancierte. Auf diesen Erfolg ist Forster besonders stolz.

Sprung ins Ausland

Beispiele wie dieses sind für den umtriebigen Netzwerker der wichtigste Motor, um sich selbst immer wieder zu engagieren und motivieren und dies dem ganzen Team weiterzugeben. Die wahre Innova­tion von Foraus ist es seiner Ansicht nach, jungen Leuten eine Plattform zu bieten, um tatsächlich etwas bewirken zu können. Sei es als Autor einer Studie, die in Bern an einer Medienkonferenz vorgestellt wird, sei es im Gespräch mit Parlamentariern, zu dem ­Foraus den Weg geebnet hat.

Auch den Sprung ins Ausland hat Foraus gewagt und baut derzeit ein internationales Netzwerk von Crowdsourcing-Think-Tanks auf. Bereits existieren Spin-offs in verschiedenen internationalen Städten wie Berlin, Wien, Paris oder London. Foraus stellt mit Unterstützung der Larix-Stiftung den Gründerteams in diversen Ländern ein Starterkit zur Verfügung, um Basics wie eine erste Website und eine Mitgliederdatenbank zu erstellen und so den Sprung zum funktionierenden Think-Tank zu schaffen.

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