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Von der Nummer 43 zur Nummer eins

Der Country Managing Director des Beratungsunternehmens Accenture Schweiz, wie die ehemalige Andersen Consulting jetzt heisst, ist gradlinig, direkt und dennoch alles andere als ein trockener Typ. Noc

Von Mélanie Knüsel-Rietmann (TEXT)zvonimir pisonic (FOTOS)
am 10.10.2007

THOMAS D. MEYER. Wir sind an der Frau-münsterstrasse in Zürich verabredet, dort, wo in einem Jugendstilhaus eine ultramoderne Infrastruktur eingebaut worden ist und reger Verkehr herrscht. «Accenture?» Der Taxichauffeur zuckt mit den Schultern. Die Post im Parterre kennt er, das Schweizer Hauptquartier eines der bedeutendsten globalen Dienstleistungs-Unternehmen hingegen nicht.

Das ist bezeichnend für den Accenture-Chef Thomas Meyer. Er reagiert cool auf die Bemerkung, dass Arthur Andersen ein Begriff war, Accenture hingegen noch eher gewöhnungsbedürftig ist. Aber das erstaunt nach dem Gespräch mit ihm nicht. Er faselt nicht lange herum und nennt ohne Umschweife die Gründe für den neuen Brand. Im Zuge der formalen Trennung der Unternehmen Arthur Andersen und Andersen Consulting durch ein Schiedsgerichtsverfahren wurde am 7. August 2000 der Entscheid der internationalen Handelskammer akzeptiert. Das Urteil sah vor, dass die beiden Firmen mit sofortiger Wirkung getrennt werden und Anderson Consulting den Namen ändern musste. Dies hatte zugleich für Accenture den Vorteil einer klaren Trennung vom durch die Enron-Affäre belasteten Namen Arthur Andersen.

Jassfreude aus der HSG

«Mr. Accenture» ist täglich mindestens zehn bis zwölf Stunden auf Achse, wirkt am frühen Morgen bereits sehr aufgeräumt und freut sich über ein Lob – nicht für sein stupendes Arbeitstempo, sondern zum Umbau des Geschäftsgebäudes: Bauhausstil pur, lichtdurchflutete Räume, kahle weisse Wände mit subtiler Farbgebung, kein Schnickschnack. Genau so sec ist auch der Accenture-Chef. Seine Gesten sind spärlich, seine Aussagen präzis, seine Sprache ist nicht redundant. Einzig sein Bekenntnis, dass er gerne jasst, kommt überraschend. Das muss mit seiner HSG-Zeit zusammenhängen. Er lebte nicht bei einer Schlummermutter, sondern in einer WG. An der Spyristrasse in St.Gallen hat er aber auch Kochen gelernt. «Meine Motivation für diese Leidenschaft, der ich heute noch fröne, ist rasch erklärt. Wir hatten ein ungeschriebenes Gesetz: Wer kochte, musste nicht abwaschen und aufräumen. Damit war alles klar. Kochen macht mir mehr Spass als putzen.» Meyers Lust aufs Kartenspiel könnte aber noch einen weiteren Grund als seine Zugehörigkeit zu einer Männergesellschaft während des Studiums haben: Er ist – nach eigenem Bekunden – zwischen Misthaufen in einem kleinen Dorf aufgewachsen, wo sein Grossvater und Onkel angesehene Viehhändler waren.

Affinität für Organisation

Dass er an der Universität St.Gallen studieren wollte, hängt mit seiner Affinität zu seinem heutigen Metier zusammen. «Ich fühlte mich zum Organisations-Management hingezogen und fand dort – in der Person von Professor Robert Staerkle – einen idealen Motivator», blendet Meyer in jene Zeit zurück. Dass er trotz seines Arbeitspensums noch Zeit hat, sich um alte Freundschaften zu kümmern, beweist ein Satz, ganz nebenbei. «Wir versuchen derzeit, ein Treffen mit ihm zu arrangieren.» Professor Staerkle, mit vielen Meriten ausgezeichnet, ist längst im Ruhestand. Meyer hätte es nicht nötig, seinen Terminkalender mit einem solchen Treffen zu verlängern. Aber er hat offenbar eine Ader für Menschen, die ihm geholfen haben. Noch jemand hat seine Weichen gestellt: Sein HSG-Sportlehrer, der Meyers Liebe zum Volleyball weckte. Damit gab es drei Bezugspunkte, zwischen denen er sich bewegte: Die WG, wo seine Koch- und Jasskünste verfeinert wurden, der Sport und das Restaurant Wienerwald, heute noch Lieblingsaufenthalt von Studenten und Professoren. Diese gemächliche Zeit fand ihr jähes Ende mit seinem Eintritt ins Berufsleben. Wenn er schildert, spürt man den Schalk, der ihn offenbar nie verlassen hat, auch seitdem er ein Unternehmen leitet, das sich in einem harten konkurrenziellen Umfeld bewähren muss. Meyer sagt über sein Debut: «Ich war so ungefähr Nummer 43.» Heute ist er Nummer eins. Über vieles kann er heute lachen. Etwa über die Episode, als er von einem seiner Mandanten mit dem Satz empfangen wurde: «Aha, Sie sind der neue Trainee.» Dies, obwohl Meyer nicht nur einen HSG-Abschluss in der Tasche hatte, sondern immerhin bereits eine respektable Karriere zum Projektleiter bei seinem Arbeitgeber verzeichnen konnte. Es folgten viele Karrierestufen. Allen war eines gemeinsam: Meyer war vorwiegend im Dienstleitungssektor und dort speziell auf dem Gebiet der Versicherungen aktiv, angefangen etwa vom ersten Auftrag für die Bank Vontobel über internationale Engagements bei führenden in- und ausländischen Versicherern bis hin zu einem mehrjährigen Abstecher in die Automobilbranche für das smart-Projekt.Darauf angesprochen, wie er die Aufgabe von Accenture zukunftsbezogen formulieren würde, sagt er: «Wir befinden uns in einer Phase, in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Unternehmen müssen sich auf komplett neue Herausforderungen und wechselnde Marktbedingungen einstellen.» Die Antwort seines Unternehmens darauf heisst: «Wir unterstützen unsere Geschäftspartner weltweit – von der Beratung bis hin zur Umsetzung im Betrieb – mit dem Ziel, sie dauerhaft zu Hochleistungs-Unternehmen hinzuführen. Wir sind erst zufrieden, wenn sich der Erfolg auch messbar eingestellt hat.»Was muss man sich darunter vorstellen? «An die Stelle der bisherigen Kunde-Zulieferer-Mentalität treten stabile Innovations-Partnerschaften. Nur wenige grosse Dienstleister sind bislang in der Lage, solche Projekte zu betreuen. Wir können dank unserer Erfahrung in unterschiedlichen Märkten und unserer weltweiten Präsenz bei gleichzeitiger lokaler Verankerung die dafür notwendigen Ressourcen rasch mobilisieren, dort, wo sie unsere Geschäftspartner benötigen.»Die Referenzliste enthält praktisch alle grösseren schweizerischen und international tätigen Unternehmen sowie natürlich die hiesigen Niederlassungen vieler globaler Unternehmen. Im Gespräch schimmert immer wieder durch, dass er seine HSG-Zeit nicht missen möchte. Daher ist Meyer auch regelmässiger Referent bei Veranstaltungen seiner Alma Mater, die künftige Führungskräfte für den Sprung in die Wirtschaft begeistern sollen.

«Schnäderfrässige» Studenten

«Heuer war ich etwas enttäuscht.» Er habe sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass – nicht zuletzt wegen der brummenden Wirtschaft – die Studis etwas «schnäderfrässig» geworden seien. Mit anderen Worten: Sie seien sich ihres Marktwertes sehr bewusst und entbehrten einer Eigenschaft, die man zu seiner Zeit noch sehr hochgehalten habe: Den Praxisbezug, der in einem gesunden Verhältnis zum theoretischen Wissen stehe.Den Kontakt zur realen Arbeitswelt hat Meyer jedenfalls nicht verloren. Im oberen Stock des Geschäftssitzes von Accenture wurde eine Kinderkrippe für berufstätige Frauen eingerichtet. Auch seinen zweijährigen Guy Aron hat er an diesem Morgen dorthin gebracht. Bestimmt wird Thomas Meyer auch an diesem Wochenende etwas Feines für die Familie kochen. Der passionierte Audi-Fahrer kann Filet Wellington oder Geschnetzeltes nach uralten Rezepten herstellen. «Mit Mehlschwitze nach dem Rezept vom Grosi», betont er. Hat der erfolgsverwöhnte Manager eigentlich noch nie einen Fehler begangen, wollten wir beim Abschied wissen? «Doch», räumt er freimütig ein, «ich bin einmal bei einem Kunden persönlich geworden.» Bei seiner Gradlinigkeit leicht verständlich. Aber vielleicht hatte er auch gute Gründe dazu.

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1993

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2004

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