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Zweite Chance: Nützliche Niederlagen

Illustration von Andrea Caprez

Wer scheitert, gilt als Versager. Dabei kann ein Absturz helfen, die eigenen Ziele realistischer zu setzen.

Von Vera Sohmer
am 16.11.2011

Am schlimmsten war der Moment, als Christian Zech* seinen Arbeitsplatz räumen musste. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen schlich er an jenem kühlen Augustmorgen noch vor den offiziellen Bürozeiten ins Firmengebäude.

Er senkte den Blick, als er durch die Gänge huschte. Er hätte es nicht ertragen, jetzt auf jemanden zu treffen, gefragt zu werden, wie es ihm gehe. «Ich habe mich in Grund und Boden geschämt», sagt der Marketing-Fachmann. Also suchte er hastig seine Siebensachen zusammen und machte sich davon – wie ein Dieb.

Ich bin gescheitert – derart offene Aussagen sind selten. Scheitern sei nach wie vor ein Tabu in unserer Gesellschaft und der Wirtschaftswelt, sagt der Wiener Unternehmensberater und Buchautor Gerhard Scheucher. Wir würden sozialisiert mit dem Anspruch «Gescheitert wird nicht!». Und wenn es passiere, schweige man es tot, zeige mit dem Finger lieber auf die anderen, bei denen das Scheitern öffentlich wurde.

Der Realitätssinn wächst

Diese Verhaltensweise verkennt die Tatsache, dass selbst jene Menschen, die erfolgreich sind, selten eine schnurgerade Karriere hinter sich haben, sagt die Soziologin Beate Schulze. Die Erfolgreichen würden einen Nutzen aus Kündigungen oder gescheiterten Projekten ziehen, gingen gar gestärkt daraus hervor. Und sei es «nur», dass sie für ihre zukünftigen Pläne die Ziele realistischer einschätzen würden.

Der 47-jährige Zech hatte als Teamleiter nach mehreren Fehlentscheiden, an die Wand gefahrenen Projekten und den ständigen Reibereien mit den Vorgesetzten die Kündigung bekommen. «Ich war gnadenlos überfordert», sagt er. Er konnte keine Leute führen, verlor den Blick fürs Machbare – und verfluchte die Sandwich-Position, in der er steckte: Nach unten Chef sein, nach oben rapportieren müssen. Beiden Rollen wurde er nicht wirklich gerecht.

Warum er den Job überhaupt annahm, das sei ihm erst im Nachhinein klar geworden: «Als man mich als Teamleiter ins Spiel brachte, fühlte ich mich gebauchpinselt. Es beflügelte meinen Ehrgeiz, die anderen Kandidaten auszustechen.»

Nicht jeder Karriereknick ein Scheitern

Scheitern ist letztlich etwas Individuelles und eine Frage der Definition. Was der eine als persönliche Katastrophe wertet, ist für den anderen ein Versuch, der schiefgegangen ist. Scheitern ist eine Frage der Betrachtungsweise, der Begleitumstände, der Auswirkungen.

In der Gesellschaft wird auch längst nicht jeder Karriereknick einem Scheitern gleichgesetzt: Wenn die Konzernleitung von Novartis beschliesst, 2000 Leuten zu kündigen, und man unter den Gekündigten ist, muss man zwar mit der Niederlage fertig werden, hat aber persönlich meist nichts falsch gemacht. «Arbeitslosigkeit ist vielfach gesellschaftlich akzeptiertes Scheitern», sagt Gerhard Scheucher.

Muss hingegen ein Kleinunternehmer aufgrund der Wirtschaftskrise und des starken Frankens Konkurs anmelden und seine Belegschaft entlassen, wird man ihn eher zum Versager stempeln. Auch wenn er mit seinem Start-up Mut und Pioniergeist bewiesen hat und nun vor den Trümmern seines Lebenstraumes steht.

Gescheiterte Vorbilder

Dass für den Erfolg als Unternehmer oft herbe Fehlschläge und mehrere Anläufe notwendig sind – dafür gibt es viele bekannte und grosse Beispiele. Thomas Alva Edison sagte: «Unsere grösste Schwäche ist das Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch zu wagen.» Edison hatte 9000 Kohlefäden ausprobiert, ehe er jenen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. Auch Henry Ford hat drei Versuche gebraucht, bis er die Ford Motor Company gründen konnte.

Doch was nützen einem derartige Vorbilder? Experten warnen vor vermeintlich einfachen Lösungen nach dem Motto: «So schlagen Sie Profit aus ihrer Niederlage». Scheitern bringe Menschen nicht selten an den Rand des Ruins, finanziell, aber auch psychisch. Da wirkten manches Ratgeberbuch und der Umstand, dass Scheitern fast zur Lifestyle-Frage hochstilisiert werde, ziemlich zynisch, warnt Gerhard Scheucher. Wichtig ist, wie der Betroffene mit der Niederlage umgeht und was er daraus lernt.

Frage der Einstellung

Christian Zech hat sich nach der Kündigung lange geweigert, nach den Ursachen zu forschen. Er war gekränkt und wütend und suchte die Fehler bei anderen. Nach und nach aber wurde ihm klar, warum er seinen Job verloren hatte – und dass er dafür selbst verantwortlich war. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er als Marketing-Mitarbeiter in einer anderen Firma. Aus seiner «Teamleiter-Episode» hat er zwei Dinge gelernt – dass Ego und Eitelkeit schlechte Karriereratgeber sind und dass es nichts bringt, eine Bauchlandung kaschieren zu wollen.

Natürlich sei er im Vorstellungsgespräch gefragt worden, ob er keine Ambitionen mehr habe, eine Führungsfunktion zu übernehmen. Seine Antwort: «Definitiv nein. Ich habe es versucht und musste feststellen, dass es mir nicht liegt und dass ich es nicht kann.» Fragen habe es zu diesem Punkt dann keine mehr gegeben.

(Autorin: Vera Sohmer)

Tipps: So scheitern Sie «erfolgreich»

  • Stecken Sie sich unrealistische Ziele, arbeiten Sie mit vollem Einsatz darauf hin.
  • Vernachlässigen Sie Freunde und Familie.
  • Ignorieren Sie sämtliche Warn­signale, suchen Sie die Schuld an Fehlern ausschliesslich bei anderen.
  • Behalten Sie Ihre Ziele unbedingt bei, auch wenn sie sich als unerfüllbar herausstellen.
  • Nehmen Sie keine Ratschläge an.
  • Resignieren Sie schliesslich und ­gehen Sie unter. Bleiben Sie sodann möglichst lange am Boden liegen, hadern Sie mit Ihrem Schicksal.
  • Fühlen Sie sich als Opfer, zer­fliessen Sie in Selbstmitleid oder schämen Sie sich für Ihr Versagen. Aber denken Sie keinesfalls über die Ursachen Ihres Scheiterns nach.
  • Lernen Sie nicht aus Ihren Fehlern, sondern stecken Sie sich wieder möglichst unerreichbare Ziele…

Quelle: «Die Aufwärtsspirale. Wie man mit ­Erfolg Niederlagen meistert», Gerhard Scheucher, Christine Steindorfer, Leykam-Verlag.

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