Der Ukraine-Krieg hat Nestlé eingeholt. Am Samstag hat der aus dem von russischen Truppen eingekesselten Kiew per Video auf den Berner Bundesplatz zugeschaltete ukrainische Präsident Wolodimir Selenski kritisiert, dass der Schweizer Nahrungsmittelkonzern weiterhin in Russland präsent sei. «Keine Geschäfte mehr mit Russland», hiess die Forderung an die internationalen Konzerne. Bereits zuvor hatte die ukrainische Regierung Nestlé in den sozialen Medien als «Sponsor von Putins Krieg» bezeichnet und dabei Kinderfotos aus der Nestlé-Werbung Bildern von kriegsversehrten ukrainischen Kindern gegenübergestellt.

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Das darf sie, das muss sie sogar. Das ist ihre Rolle. Als Präsident eines Landes, das in einem seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa beispiellosen Angriffskrieg von seinem Nachbarn überfallen wurde, kann es für Selenski nur Maximalforderungen geben: Flugverbotszone über der Ukraine, sofortiger Stopp aller Gas- und Ölexporte, totaler Rückzug aller ausländischen Unternehmen aus Russland.

Kindernahrung, aber kein Nespresso

Der Westen und seine Unternehmen aber müssen abwägen. Eine Flugverbotszone muss durchgesetzt werden, und das geht nur mit militärischen Mitteln. Das birgt das Risiko einer direkten Konfrontation zwischen der Nato und Russland. Ein Verbot von Gas- und Ölexporten macht nur dann Sinn, wenn Deutschland und andere Länder, die am russischen Rohstoff-Tropf hängen, ein solches auch durchhalten können.

Es wäre verheerend, wenn der Westen einen Importstopp nach kurzer Zeit mit der Begründung wieder aufheben müsste, man halte ihn selber nicht durch. Anders als für die ukrainische Regierung gibt es für den Westen in diesem Konflikt kein Schwarz und Weiss, sondern nur die Wahl zwischen schlechten und noch schlechteren Lösungen.

Nach allem, was wir wissen, hat Nestlé-Chef Mark Schneider diese Abwägung verantwortungsvoll vorgenommen. Nestlé hat sein Russland-Geschäft auf ein Minimum geschrumpft. Verkauft werden nur noch Nahrungsmittel des täglichen Bedarfs wie Kindernahrung und Frühstücksflocken und medizinisch Notwendiges wie Spezialfutter für Haustiere. Premiumprodukte wie San Pellegrino und Nespresso sind in Russland nicht mehr erhältlich. Auf Werbung wird verzichtet, weil man die russischen Staatsmedien nicht unterstützen will, die den ganzen Unsinn von «Spezialoperationen» und der Notwendigkeit einer «Entnazifizierung» der Ukraine in die russischen Wohnzimmer tragen.

Hilfe für die Ukraine

Gleichzeitig versucht der Konzern nach Kräften, seine Operationen in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Nestlé zählt zu den wenigen Unternehmen, die zurzeit noch im Kriegsgebiet präsent sind. Die Nestlé-Fabrik in Charkiw, der Grenzstadt im Nordosten der Ukraine, die von den Russen besonders massiv unter Beschuss genommen wurde, ist zwar nicht mehr in Betrieb. Aber die Nahrungsmittel aus dem Verteilzentrum können verteilt werden. 100 Palette werden so aktuell jeden Tag von Nestlé-Mitarbeitern aus dem Zentrum geholt und an die Bevölkerung verteilt. 90 Tonnen Kindernahrung konnten so schon abgegeben werden, ebenso wie 20 Tonnen Fertiggerichte und ein Lastwagen voller medizinischer Produkte.

Bis jetzt hat Nestlé in der Ukraine und in ihren Nachbarländern 450 Tonnen Fertiggerichte, über 100 Tonnen Schokolade, 100 Tonnen Kindernahrung, über 50 Tonnen Tiernahrung und 11 Tonnen Health-Sciences-Produkte wie medizinische Nährlösungen gespendet. Zudem beherbergen Nestlé-Mitarbeitende zurzeit 597 Familienangehörige von Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine, darunter 180 Kinder.

Im Krieg gibt es keine guten Lösungen

Nach skrupelloser Geschäftemacherei hört sich das alles nicht an und eine solche würde auch nicht zum neuen Stil passen, der mit Mark Schneider vor fünf Jahren in in Vevey eingezogen ist. Stattdessen ergibt sich das Bild eines Konzerns, der in einer für uns alle beispiellosen Kriegssituation in Europa versucht, das Richtige zu machen, und dem sich dabei schwierige Fragen stellen wie die, ob es wirklich richtig ist, russische Babys nicht mehr mit Kindernahrung zu versorgen, weil ihr Präsident einen verbrecherischen Angriffskrieg führt.

Krieg ist schrecklich. Mit einer weissen Wäsche kommt hier niemand raus, der zuvor mit dem Aggressor Geschäfte gemacht hat. Das gilt aber nicht nur für Unternehmen wie Nestlé, sondern für uns alle. Schliesslich finanzieren wir alle noch immer die russische Kriegsmaschinerie mit, indem wir unsere Stuben mit Öl und Gas beheizen, das wir vom Kriegspräsidenten in Moskau beziehen und der sich dafür von uns gut bezahlen lässt.

Nestlé und Russland: Drama in drei Akten