Nun hat es auch Nestlé erwischt. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern musste seine Preise im ersten Halbjahr um 6,5 Prozent erhöhen, der Umsatz stieg um 9,2 Prozent auf 45,6 Milliarden Franken. Beim Ausblick fürs ganze Jahr gibt es eine Korrektur nach oben. Der Konzern geht nun von einem Umsatzwachstum von 7 bis 8 Prozent aus.

Konzernchef Mark Schneider ist damit in bester Gesellschaft. Auch Konkurrenten wie Kraft Heinz, Danone, Unilever und Mondelez, aber auch Coca-Cola geht es nicht besser. Unilever musste seine Preise im zweiten Quartal gar zweistellig, um 11,2 Prozent erhöhen. Und das ist erst der Anfang. Der Hersteller von Hellmann’s Mayonnaise, Dove und Haushaltsreinigern wie Cif stellt für die kommenden Quartale weitere Anpassungen in Aussicht. Dabei verlieren die Briten laut eigenen Aussagen schon jetzt Marktanteile an die Supermärkte und ihre Eigenmarken, vor allem in Europa. 

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Selbst Coca-Cola bleibt nicht verschont

«Wir kommen in eine Phase mit langsamerem Wirtschaftswachstum», sagt Unilever-Chef Alan Jope. «Wie gut wir durch diese Situation kommen, hängt fast vollständig von der Stärke unserer Marken ab.»

Auch Coca-Cola mutet den Konsumenten einiges zu. Der Getränkegigant musste seine Preise um 5 Prozent anheben. Die Fast-Food-Kette McDonald’s gibt mit Discount-Menus Gegensteuer. Walmart, grösster Detailhändler der USA, warnte dieser Tage vor tieferen Gewinnen und schickte damit nicht nur die eigene Aktie auf Talfahrt. Auch die Papiere von Home Depot, Target und der Discounterkette Stores kamen in der Folge unter Druck.

Nestlé schafft den Spagat

Da geht es Nestlé besser. Die Marge lag im ersten Halbjahr bei 17 Prozent. Das ist zwar am unteren Ende dessen, was man sich in Vevey vorgenommen hat, aber immerhin noch im Rahmen der in Aussicht gestellten 17 bis 17,5 Prozent.

Und auch beim Volumen sieht es bei Nestlé vergleichsweise gut aus. Während Konkurrent Unilever bei der Menge der verkauften Produkte im zweiten Quartal einen Rückgang um 2 Prozent hinnehmen musste, konnte Nestlé im ersten Halbjahr ein internes Wachstum von immer noch 1,7 Prozent verzeichnen.

Es gehe darum, verantwortungsvoll mit der Inflation umzugehen und eine «vernünftige Balance» zu finden zwischen Volumenwachstum, dem Schutz der Marge und Preisanpassungen, sagte Konzernchef Mark Schneider am Donnerstag in einem Call mit den Investoren. Wichtig sei, die Konsumenten im Blick zu behalten und sicherzustellen, dass möglichst viele Menschen Zugang zu hochwertigen Nahrungsmitteln hätten.

Zurück in die 1970er Jahre

Für Generationen von Managern war die Inflation ein Thema, das sie nur aus der Theorie kannten. Inflationsraten im hohen einstelligen Bereich, wie wir sie zurzeit erleben, gab es letztmals in den 1970er Jahren. Das ist fünfzig Jahre her.

Nun schlägt die Geldentwertung mit voller Kraft zu. Die Rohstoffpreise schiessen durch die Decke, die Gewerkschaften pochen auf Kaufkraftausgleich, die Lohn-Preis-Spirale nimmt an Fahrt auf.

Prof. Dr. Dr. Hermann Simon, Chairman von SIMON-KUCHER & Partners Strategy & Marketing Consultants, spricht am Aussenwirtschaftsforum 2013, am 11.4.13 in Zuerich, ueber Hidden Champions - Aubruch nach Globalia. (PHOTOPRESS/Alexandra Wey)

Hermann Simon, Bestseller-Autor und Inflationsspezialist, sagt: «Die Inflation wird uns noch während Jahren begleiten».

Quelle: Keystone

«Die Inflation betrifft alle Funktionen in den Unternehmen», sagt Hermann Simon, emeritierter Wirtschaftsprofessor aus Deutschland und Autor des Bestsellers «Die Inflation schlagen»; die Beschaffung, Produktion, die Finanzen und natürlich den Vertrieb. Wobei es für die Beschaffung inzwischen manchmal schwierig sei, überhaupt etwas zu bekommen. Wer zu hart mit den Lieferanten umgehe, der riskiere, gar nichts zu bekommen, sagt der «Monsieur Inflation» aus Deutschland.

«Viele denken, Inflation heisse, dass das Geld weniger wert wird. Doch das Entscheidende ist, dass Geld zu einer verderblichen Ware wird.»

Hermann Simon, Bestseller-Autor und international anerkannter «Monsieur Inflation»

Geld wird zu einer verderblichen Ware

«Viele denken, Inflation heisse, dass das Geld weniger wert wird», sagt Hermann Simon. Doch das sei nicht die richtige Sichtweise. Das Entscheidende bei der Inflation sei, dass das Geld weniger wert und damit zu einer verderblichen Ware werde. «Das heisst, dass alle ihr Geld so schnell wie möglich wieder eintreiben und dann wieder loswerden wollen.» Für grosse Konzerne wie Nestlé bedeute das, dass ihr Cash-Bedarf steige, weil es sich lohne, die Bestände aufzustocken. Denn Waren seien werthaltiger als Geld.

Die Weitergabe der Preissteigerungen an die Konsumentinnen und Konsumenten sei eine wichtige Stellschraube, sagt Hermann Simon. «Doch man darf die Kosten nicht einfach eins zu eins abwälzen», warnt er, «sonst springen die Konsumenten und Konsumentinnen ab und man verliert Marktanteile.» Er gehe davon aus, dass die Unternehmen rund 50 Prozent der Kostensteigerungen weitergeben könnten, 20 Prozent liessen sich durch Kosteneinsparungen abfedern und «die restlichen 30 Prozent gehen zulasten des Gewinns». 

Kleinere Packungen sind keine Lösung

Von kleineren Packungen rät der Inflationsspezialist ab. Das hätten in der Vergangenheit schon viele versucht. «Damit verärgert man nur die Kunden.» Zudem lasse sich das nur einmal machen. Die Inflation aber werde uns, wie in den siebziger Jahren, während Jahren begleiten.

«Die Energiekosten werden wieder sinken und auch die Situation bei den Lieferketten wird sich in zwei oder drei Jahren wieder normalisiert haben. Doch die langfristigen Ursachen der Inflation werden bestehen bleiben.» Und das seien: die riesigen Geldmengen, die seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 von den Notenbanken in Umlauf gebracht wurden, und die Alterung der Gesellschaften, die zu einer Verknappung der Arbeitskräfte und damit zu höheren Lohnkosten führen werde.

Nestlé ist gut aufgestellt

Auch Nestlé wird sich also auf eine längere Durststrecke einstellen müssen. Zugute kommt dem Unternehmen dabei der Portfolioumbau, den der Konzern unter Mark Schneider vollzogen hat. Bei Premiumprodukten wie Nespresso und San Pellegrino lassen sich Preissteigerungen leichter durchsetzen als bei Tiefkühlpizzas, die in den Regalen direkt neben den entsprechenden Eigenmarken der Supermärkte liegen. Und auch beim Tierfutter kann sich der Konzern auf die Zahlungsbereitschaft seiner Kundschaft verlassen; vor allem bei medizinischen Produkten, etwa für übergewichtige Hunde oder Katzen, die unter Niereninsuffizienz leiden. Abstriche bei den vierbeinigen Lieblingen sind in vielen Haushalten tabu. Das zeigen Untersuchungen immer wieder.

Der Konzern ist also besser aufgestellt als manch ein Mitbewerber. Doch die Zeiten sind auch für Nestlé alles andere als gemütlich. Hermann Simon jedenfalls rechnet damit, dass die Inflation erst im zweiten Halbjahr so richtig durchschlagen wird.