Söder oder Laschet, war die eine Frage. Zwei rechtlich unabhängige Parteien mussten darüber entscheiden, mit wem sie als Spitzenkandidaten in den Bundestagswahlkampf im Herbst ziehen wollen. Acht Tage haben sie dafür gebraucht. Acht Tage einer schwierigen Auseinandersetzung um die Macht. 

Baerbock oder Habeck, war die andere Frage. Eine parteiinterne Diskussion hat es bei den Grünen nicht gegeben. Nur eine strahlende Siegerin und einen geknickten Verlierer, der seine Niederlage auf den modernen Sexismus seiner Partei zurückführt.

Demokratiefeindlicher Tenor

Für jene, welche die politische Diskussion Deutschlands verfolgen, war das eine schwierige Zeit. Nicht, weil dort um Spitzenpositionen gerungen worden ist. In einer repräsentativen Demokratie müssen Kandidatinnen und Kandidaten bestimmt werden, die das Volk im Parlament und im Erfolgsfall auch in der Regierung vertreten.

Dass dabei auch die Personen diskutiert werden, ist selbstverständlich. Unverständlich ist hingegen, dass es in der Diskussion so gar nicht um politische Themen ging. Söder ist inhaltlich nicht Laschet. Baerbock ist nicht Habeck.

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und leitet das von ihm gegründete Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Er war Chefökonom der UBS und unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

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Noch verstörender ist der demokratiefeindliche Tenor vieler deutscher Medien gewesen. Dass die Konservativen die Auseinandersetzung um ihren Kanzlerkandidaten öffentlich ausgetragen haben, wurde auf das Heftigste kritisiert.

Dem geräuschlosen Auswahlverfahren der Grünen im Hinterzimmer wurde fast ausnahmslos Vorbildcharakter zugestanden. Fragen nach inhaltlichen Differenzen wurden praktisch nie gestellt.

Es geht nicht mehr um die Sache, sondern um Gesinnung

Diskussion ist zentraler Bestandteil einer Demokratie. Wenn wir das medial aber nur noch als Streit bezeichnen und damit negativ belegen, tun wir der Demokratie keinen Gefallen. Das Ausblenden von Sachfragen und die starke Personalisierung tun der Demokratie nicht gut.

Wenn wir nicht mehr um die Sache ringen, sondern nur noch die Menschen in den Mittelpunkt stellen, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Wählerinnen und Wähler sich nach starken Anführern sehnen.

Auch bei Corona geht es in Deutschland längst nicht mehr um die Sache. Es geht um Gesinnung. Aktuelles Beispiel: die satirische Aktion #allesdichtmachen. Die kurzen Videoclips von einer Reihe von Schauspielerinnen und Schauspielern zum Thema Lockdown machen nachdenklich und entbehren nicht eines gewissen Humors.

Den scheint die Social-Media-Community der Lockdown-Befürwortenden nicht zu besitzen. Reaktion: vom Shitstorm bis zur Morddrohung. So macht man Andersdenkende mundtot. Zwei von fünf Schauspielern haben ihre Beiträge bisher zurückgezogen. 

Deutschland ist auf Abwegen! Nur Deutschland? Wie häufig haben wir in einer Diskussion das Bedürfnis, zu den «Guten» zu gehören?

Wie oft haben Sie in letzter Zeit betont, dass sie kein Corona-Leugner sind, dass sie die Gleichberechtigung der Geschlechter für selbstverständlich halten oder dass Sie mit einer Schweiz ausserhalb der EU gut leben können? Vielleicht sind auch wir schon auf der schiefen Bahn?

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