Ein Fintech-Unternehmen, welches dazu beigetragen hat, das Geschäft mit Geldtransfers zu revolutionieren, geht an die Börse. Die Transaktion ist für Grossbritannien ungewöhnlich und wird zeigen, ob das Königreich auch nach dem Brexit schnell wachsende Unternehmen anziehen kann.

Wise Plc, vormals TransferWise, umgeht einen traditionellen Börsengang und setzt stattdessen auf eine direkte Notierung an der London Stock Exchange: Aktionäre gaben nach einer dreistündigen Auktion, die den Eröffnungspreis festlegte, einen Anteil von wenigstens 2,4 Prozent ab. Wise sammelt dabei kein frisches Geld ein. Bestehende Anteilseigner können nun direkt auf dem Markt verkaufen.

Fintech mit Milliardenwert

Die Aktien eröffneten den Handel in London um 11 Uhr Ortszeit bei 800 Pence. Damit liegt der erste Börsenwert des Unternehmens bei 8 Milliarden Pfund (10,2 Milliarden Franken). Eine Finanzierungsrunde im Juli 2020 hatte das Unternehmen mit weniger als der Hälfte davon bewertet.

Während solche Transaktionen in New York zur Routine gehören, ist es die erste grosse Tech-Notierung dieser Art in Europa und «ein Wendepunkt für London», sagte Alasdair Haynes, Chef des Aquis Exchange, einer Aktienhandelsplattform. «Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer, aber innovative Deals dieser Art werden dazu beitragen, Grossbritannien als globales Drehkreuz zu etablieren, das mit den USA konkurrieren kann.»

Zwei Klassen von Investoren

Wise geht ausserdem den Weg einiger US-Technologieunternehmen, indem es bestehenden Aktionären zusätzliche Stimmrechte gewährt. Solche Zweiklassenstrukturen, die es auch beim Google-Mutterunternehmen Alphabet und bei Facebook gibt, waren in Grossbritannien bislang nicht gerne gesehen. Sie ermöglichen es einer ausgesuchten Gruppe zeitiger Investoren, auch nach einem Börsengang die Kontrolle zu behalten.

Bei einem Erfolg würde der Fall Wise die Pläne der britischen Regierung stärken, Zweiklassen-Aktienbesitz im prominentesten Segment der LSE zuzulassen, wo sie derzeit verboten sind. Die vorgeschlagene Änderung ist Teil von umfassenderen Bemühungen Londons, es Unternehmen einfacher zu machen, dort an die Börse zu gehen.

Peter Thiel ist Investor der ersten Stunde

Wise zählt den Milliardär Peter Thiel, Andreessen Horowitz aus dem Silicon Valley und die in Grossbritannien ansässige Baillie Gifford zu seinen frühen Investoren. Eine Notierung in den USA war erwogen worden, die Wahl fiel aber letztlich auf London: «Ein grossartiger Ort, um Zugang zu globalem Kapital zu erhalten und ein grossartiger Ort, um eine direkte Notierung durchzuführen, ein gut gehütetes Geheimnis, das wir gerade lüften», so Finanzchef Matt Briers im Juni.

Obwohl die von der britischen Regierung vorgeschlagenen Lockerungen bei den Börsenzulassungsvorschriften noch nicht in Kraft sind, hat London seine kontinentaleuropäischen Konkurrenten am IPO-Markt bereits hinter sich gelassen.

Von Schuhhersteller Dr. Martens bis zum russischen Discount-Händler Fix Price brachten IPOs im ersten Halbjahr kumuliert 14 Milliarden Dollar ein, der höchste Wert für ein erstes Halbjahr seit 2014, so von Bloomberg zusammengestellte Daten.

Grosses Wachstum

Die zusätzlichen Stimmrechte der Wise-Aktionäre verfallen nach fünf Jahren. Der Umsatz des Unternehmens im letzten Geschäftsjahr stieg um fast 40 Prozent auf 421 Millionen Pfund, der Gewinn vor Steuern verdoppelte sich auf 41 Millionen Pfund.

Der Preisfindungsprozess könnte das Papier anfangs volatil machen, so Beobachter. Die LSE ermahnte in einer ausserordentlichen Marktmitteilung ihre Mitglieder, den Preis nicht durch grosse Aufträge zu beeinflussen.

(bloomberg/mbü)