Nur dadurch sehen sich die Geldhäuser in der Lage, mit den immer grösser werdenden US-Banken mitzuhalten. Die Chefs von Deutscher Bank, Santander und ING hielten am Mittwoch bei einer Branchenveranstaltung flammende Plädoyers für ein stärkeres Europa und grössere europäische Banken. Ohne den Rückhalt von Regulatoren und Politik werde es aber nicht gehen, betonte Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht Spielräume für eine Konsolidierung in der Branche - auch in den jeweils eigenen Ländern.

«Wir müssen endlich die Grössenvorteile Europas nutzen», sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing bei der Veranstaltung des «Handelsblatt». Es könne nicht im Sinne der hiesigen Banken sein, dass alle globalen Institute ihren Sitz ausserhalb Europas hätten. «Die Bedeutung von Grösse in der Finanzwelt steigt exponentiell an.» Nur grosse Banken könnten die notwendigen Investitionen aufbringen für den Umbau zu einer nachhaltigeren und digitaleren Wirtschaft. Dringend notwendig sei daher eine gemeinsame Kapitalmarktunion.

Deren schleppende Umsetzung sei ein grosser Hemmschuh für die europäischen Banken, sagte die Verwaltungsratschefin der spanischen Grossbank Santander, Ana Botin. Ohne diese Vereinheitlichung des Banken- und Kapitalmarktes werde es keine Fusionen geben und die Börsenwerte der Institute fielen weiter hinter denen der US-Geldhäuser zurück. «Einen echten einheitlichen Finanzmarkt in Europa zu haben, ist von zentraler Bedeutung.» Santander habe vor zehn Jahren etwa einen so hohen Börsenwert gehabt wie die US-Bank JP Morgan. Inzwischen kommen die Amerikaner auf eine Marktkapitalisierung von 475 Milliarden Dollar - rund sieben Mal so hoch wie Santander und 18 Mal so hoch wie der von Deutschlands grösstem Geldhaus.

US-BANKEN EILEN EUROPAS BANKEN DAVON

Zur Jahrtausendwende hätten die 25 grössten europäischen Banken noch einen ähnlichen Börsenwert wie die 25 größten US-Häuser erreicht – derzeit seien allein JP Morgan und die Bank of America so viel wert wie die 18 grössten europäischen Banken zusammen, rechnete Sewing vor. «International sind uns die grossen Banken davon gelaufen, weil sie weniger Regulierung haben», erläuterte Börsenchef Weimer. Die Institute in Europa müssten wieder stärker wachsen. «Die Gefahr ist doch, wenn wir uns aus dem Teufelskreis nicht herausbewegen, dass wir am Ende des Tages unsere Banken verlieren.» Entweder stiegen vermehrt Auslandsbanken ein, oder Fintechs schnappten sich Marktanteile.

Um grenzüberschreitende Fusionen möglich zu machen, sei neben einer Banken- und Kapitalmarktunion auch Rückendeckung der Aufsichtsbehörden und der Politik notwendig, sagte Weimer, der im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sitzt und als möglicher Nachfolger von Aufsichtsratschef Paul Achleitner gehandelt wird. Der Regulator müsse anerkennen, dass Zusammenschlüsse über Landesgrenzen nicht ohne Risiken einhergingen. Auch politischer Wille müsse vorhanden sein.

SEWING WILL ERST VOR EIGENER TÜRE KEHREN

Aus Sicht von EZB-Bankenaufseherin Kerstin af Jochnick sollten in der Euro-Zone nicht nur länderübergreifende Fusionen erwogen werden. «Ich denke, es gibt auch Spielraum für eine Konsolidierung innerhalb jedes einzelnen Landes im Euro-Raum», sagte sie bei dem Branchentreffen. «Somit ist es nicht nur eine Konsolidierung über Grenzen hinweg, die wir sehen möchten.» In einem gewissen Ausmass gebe es in Europa einfach zu viele Banken. Die EZB weist seit einiger Zeit darauf hin, dass Fusionen ein Faktor sein könnten, um die unter Druck stehenden Gewinne zu steigern und Kosten zu senken.

Bevor Sewing sein Haus in eine grosse Fusion führt, will er erst weiter vor der eigenen Türe kehren. «Wir scharren nicht mit den Hufen, wir schauen uns auch nicht um», sagte er. «Wir bereiten uns darauf vor, auf Augenhöhe einmal in eine Fusion zu gehen.» Die beste Vorbereitung dafür sei, selbst fit zu werden. Durch den vor rund zwei Jahren gestarteten Umbau sei die Deutsche Bank auf gutem Weg. «Wir werden fitter und fitter, von Quartal zu Quartal.»

Die Deutsche Bank hatte jahrelang Milliardenverluste angehäuft, bis Sewing im Sommer 2019 einen radikalen Umbau in die Wege geleitet hat. Er machte ganze Abteilungen dicht und stiess riskante Teile des Investmentbankings ab, weltweit fallen 18.000 Jobs weg. Bis Ende 2022 soll der Umbau noch dauern.
(reuters/kop)