Der Brexit hat auch am Tag danach in Grossbritannien wie in der EU gemischte Gefühle ausgelöst. Der britische Premierminister Boris Johnson bezeichnete den Austritt aus der Europäischen Union am Samstag in einem Schreiben an Unterstützer als «atemberaubenden Moment der Hoffnung».

Der linksliberale «Guardian» hingegen präsentierte sich mit einer geknickt wirkenden britischen Bulldogge auf der Titelseite und der Zeile «Der Tag, an dem wir Abschied nahmen».

Emmanuel Macron meldet sich mit einem Facebook-Post

Der französische Präsident Emmanuel Macron schrieb in einer Botschaft an die Briten auf Facebook von einem «Schlag für Europäer». Dennoch versuchte es EU-Ratspräsident Charles Michel mit Humor. «Always look on the bright side of life» - immer positiv bleiben, zitierte der Belgier auf Twitter die britische Komikertruppe Monty Python mit Hinweis auf die neuen Beziehungen zwischen der EU und Grossbritannien. Diese müssen nun im Eiltempo geklärt werden.

Grossbritannien hat die Europäische Union in der Nacht zum Samstag verlassen. Bis Ende des Jahres bleibt das Land noch in einer Übergangsphase, während der sich praktisch kaum etwas ändert. So lange haben beide Seiten, um sich zu einigen, sonst droht wieder ein harter Bruch mit schweren Folgen für die Wirtschaft. Eine Verlängerungsoption, die noch bis Juli offensteht, lehnt Premier Johnson kategorisch ab.

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«Wir werden sehr fair verhandeln, aber sehr hart»

Ob in der kurzen Zeit ein Abkommen erreicht werden kann, ist fraglich, zumal sich beide Seiten hart geben. Macron warnte vor einem «schädlichen Wettbewerb». Der Zugang zum EU-Markt hänge davon ab, inwieweit EU-Regeln eingehalten würden, so der französische Präsident.

«Wir werden sehr fair verhandeln, aber sehr hart», kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an. Die EU habe eine gute Ausgangsposition, weil sie bisher Absatzmarkt für fast die Hälfte aller britischen Exporte sei. Grossbritannien habe grosses Interesse am Zugang zu diesem Markt.

Von der Leyen stellte auch klar, dass die EU alle strittigen Punkte der künftigen Beziehungen nur im Paket vereinbaren will. Dazu gehören nicht nur die Handelsbeziehungen, sondern zum Beispiel auch Fischereirechte oder die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen. «Erst wenn alles durchverhandelt ist, machen wir den Sack zu und eine Unterschrift drunter, es gibt keine Rosinenpickerei vorher.»

Boris Johnson will ein Freihandelsabkommen

Johnson will mit der EU ein Freihandelsabkommen nach dem Vorbild Kanadas, das Zölle und Mengenbeschränkungen weitgehend eliminiert. Brüssel verlangt im Gegenzug einheitliche Standards für Umweltschutz, Arbeitnehmerrechte und staatliche Wirtschaftshilfen.

Doch das kommt für Johnson nicht in Frage. Souveränität steht über reibungslosem Handel, lautet nach Informationen des «Telegraph» das Credo des Premierministers. Am Montag will er sich in einer Rede zu seinen Verhandlungszielen äussern. Auch die EU-Kommission will dann ihre Vorschläge für ein Verhandlungsmandat vorlegen.

Grossbritannien wäre wie «irgendein Drittland»

«Wenn wir am Ende des Jahres keinen Vertrag fertig haben, dann wird es für die britische Wirtschaft sehr schwierig, ihre Waren rüber zu liefern, zu uns zum europäischen Markt», warnte von der Leyen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Brüssel. Dann wäre Grossbritannien nur «wie irgendein Drittland».

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Doch auch europäische Unternehmen dürfte ein Scheitern der Gespräche teuer zu stehen kommen. Wie der "Telegraph" berichtete, plant die britische Regierung nun doch, vollständige Kontrollen für EU-Waren einzuführen, sollte kein Abkommen zustande kommen. Bislang hatte es immer geheissen, Grossbritannien werde selbst im Falle eines No Deal auf Kontrollen verzichten, um Verzögerungen in der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu vermeiden.

(sda/me)