Jahrzehntelang lieferte die Crypto AG, verdeckt kontrolliert vom deutschen Geheimdienst (BND) und der CIA, offenbar manipulierte Chiffriergeräte in alle Welt. In all diesen Jahren stellten die Bundesbehörden nach Verdachtsmeldungen ihre halbherzigen Untersuchungen jeweils rasch ein. Nun, da dieses Geschäftsmodell seit 2018 Geschichte ist, die Firma aufgespalten wurde und beide Teile in privatem Besitz sind, fährt die Bundesanwaltschaft auf breiter Front ein.

In der ersten März-Woche fuhren die Polizisten bei der Crypto International AG im Zugerischen Steinhausen vor, durchsuchten das Gebäude und transportierten Geräte ab. Über die Umstände der Razzia, den Umfang und die Art der konfiszierten Maschinen sowie den konkreten Auslöser der Aktion hüllen die Bundesbehörden und die Crypto International AG sich in Schweigen. Die Bundesanwaltschaft teilt auf Anfrage nur mit, dass sie damit «die unaufschiebbaren sichernden Massnahmen getroffen» habe, bevor allenfalls ein Strafverfahren eingeleitet werde.

Verdacht auf Verstösse gegen das Exportkontrollrecht

In Bewegung gesetzt wurde die Bundesanwaltschaft durch eine Strafanzeige des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Bereits im Dezember, als erste Recherchen zur dunklen Geschichte der (alten) Crypto AG anliefen, hatte das Amt, ermächtigt durch Wirtschaftsminister Guy Parmelin (SVP), die bestehenden Generalausfuhrbewilligungen in sichere Länder für die (neue) Crypto International sistiert. Exportieren darf sie seither nur noch in zeitaufwendig geprüften Einzelfällen.

Zudem hat das Seco am 25. Februar «im Fall Crypto AG wegen möglicher Widerhandlungen gegen das Exportkontrollrecht» bei der Bundesanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt eingereicht. Näheres, etwa zur Grundlage ihres Verdachts, teilt das Seco auf Anfrage nicht mit.

Auch die Bundesanwaltschaft gibt nur bekannt, dass sie beim Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) um die Ermächtigung zur Strafverfolgung ersucht habe. Bis zum Entscheid von Bundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP) werde sie schweigen. Somit bleibt offen, ob tatsächlich konkrete Anhaltspunkte für einen Gesetzesverstoss vorliegen oder ob es sich um eine behördliche Hyperaktivität handelt, ausgelöst durch den belastenden Namen «Crypto».

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Nicht mehr nur Verschlüsselungen

Für das Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern – drei Viertel arbeiten in der Schweiz, die andern in Schweden – steht Existenzielles auf dem Spiel. Vor zwei Jahren hatte der schwedische Unternehmer Dan Ove Andreas Linde, der mit seiner Familie inzwischen in die Schweiz gezogen ist, den internationalen Teil der Firma übernommen, mit der Strategie, das Angebot völlig umzubauen: statt nur Verschlüsselungen umfassende Sicherheitslösungen für Firmen und staatliche Stellen, IT statt Chiffriergeräte.

Gegen Ende Februar, als er von der Anzeige des Seco offenbar noch nichts wusste, gab Linde, der auch als Chef der Firma agiert, sich in einem langen Interview mit der NZZ frohgemut bis kämpferisch: «Wir werden die Firma umbenennen, wir werden den Markenauftritt verändern, wir werden neue Büros beziehen. Wir können nicht in dem Bürogebäude bleiben, weil es zu viele schlechte Erinnerungen hochkommen lässt… In einem Jahr werden wir den Sturm überwunden haben, wir werden eine frische, neue Firma sein. Ich freue mich darauf, wenn wir sagen können: Das alles ist jetzt vorbei.»

Nun sitzt Linde in der Vergangenheit fest. Anfragen zur Razzia und zu den juristischen Reaktionen darauf werden, wohl aus Angst und um Imageschäden zu vermeiden, in zwei dürren Sätzen nicht beantwortet: Man befinde sich im Dialog mit dem Seco zur der Sistierung der Generalexport-Lizenzen und werde bis zum Abschluss der Gespräche keinerlei Kommentare abgeben.

Politische Aktion?

Der grüne Nationalrat Balthasar Glättli, der die Affäre um die alte Crypto für allerlei medienwirksame Auftritte nutzt, hatte via NZZ gefordert, der Bund müsse auch alle Geräte der neuen Crypto International von der ETH oder einer andern Stelle überprüfen lassen. Fachleute zweifeln, ob die Bundesanwaltschaft überhaupt in der Lage sein wird, aus den beschlagnahmten Geräten relevante Erkenntnisse zu gewinnen: «Dazu wäre Spezialwissen nötig, das nur die Firma selbst besitzt, die ja absolute Vertraulichkeit verkauft.»

Glättlis Wortmeldung deutet darauf hin, dass die Aktion der Bundesanwaltschaft einen starken politischen Einschlag hat.

Nationalrat Alfred Heer (SVP), der als Präsident der Geschäftsprüfungsdelegation die gesamte Crypto-Affäre aufarbeitet, konnte die Razzia der Bundesanwaltschaft nicht konkret bestätigen: «Warten Sie unseren Bericht ab, der hoffentlich vor den Sommerferien erscheinen wird.»