Gegen Journalisten der Tessiner Tageszeitung «La Regione» und der von der Gewerkschaft Unia verlegten Zeitung «Area» seien im Rahmen der Berichterstattung zum sogenannten «Fall Hospita» Strafanzeigen eingereicht worden, bestätigte die Medien-Gewerkschaft Syndicom auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Gegen das Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz RSI wurde zudem eine Zivilklage eingereicht, wie die Gewerkschaft erklärte.
Zwei Journalisten von «La Regione» seien wegen einer angeblichen Persönlichkeitsverletzung/Ehrverletzung im Rahmen eines Artikels zum Fall «Hospita» angezeigt worden, bestätigte auch Chefredaktor Daniel Ritzer auf Anfrage von Keystone-SDA. Schriftlich sei jedoch noch nichts bei ihnen eingegangen. Sie wüssten aber über den Anwalt der ehemaligen Lega-Grossrätin Sabrina Aldi und dem ehemaligen medizinischen Direktor von Hospita, Claudio Camponovo, von den Anzeigen.
Dem Vernehmen nach sind auch ein Journalist von «Area» und ein Mitarbeiter von RSI wegen angeblicher Persönlichkeitsverletzung/Ehrverletzung angezeigt worden. Von RSI werde zusätzlich Schadenersatz in der Höhe von 40'000 Franken gefordert.
Die RSI-Medienstelle bestätigte auf Anfrage lediglich, dass ein Rechtsstreit hängig sei, weitere Informationen würden wegen des laufenden Verfahrens nicht veröffentlicht. Die «Area»-Redaktion reagierte zunächst auf eine Anfrage von Keystone-SDA nicht. Die Medien-Gewerkschaft Syndicom zeigte sich in einer Medienmitteilung über die Vorgänge im Tessin besorgt. Sie erinnerte die Kritik- und Kontrollfunktion der Medien in einem Rechtsstaat.
PUK soll Klarheit schaffen
Der «Fall Hospita» beschäftigt das Tessin bereits seit einiger Zeit. Vor zehn Tagen sprach sich der Tessiner Grosse Rat für die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) aus. Die PUK soll klären, inwiefern die frühere Lega-Grossrätin Sabrina Aldi ihre Funktion als Vizepräsidentin der Justizkommission für private Geschäftsinteressen genutzt hat.
Aldi - für die Auswahl und Empfehlung von Staatsanwälten zuständig - schlug Anfang 2024 Alvaro Camponovo als einzigen Lega-Kandidaten vor, wenig später wurde er gewählt. Was sie jedoch nicht offenlegte: Camponovo ist der Sohn ihres damaligen direkten Vorgesetzten bei der auf Anästhesie spezialisierten Firma Hospita Suisse SA. Gemäss Tessiner Medienberichten ging der Wahl eine Absprache unter führenden Lega-Vertretern, Hospita-Verantwortlichen und Alvaro Camponovo voraus.
Wenig später wurde Aldi bei Hospita entlassen, wie es weiter heisst. Gleichzeitig mehrten sich Hinweise auf finanzielle Probleme im Unternehmen. Aldi, Camponovo und weitere Partner hätten daraufhin eine neue Firma gegründet, die bereit gestanden sei, Hospitas Geschäft im lukrativen Gesundheitsmarkt zu übernehmen. Nach anonymen Hinweisen leitete die Tessiner Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Hospita-Chef Eolo Alberti ein, der im August 2024 wegen Verdachts auf Veruntreuung verhaftet wurde. Der Gerichtstermin steht noch aus.
«Parallel-Untersuchung»
Aber nicht nur die zurückgetretene Grossrätin, sondern auch Lega-Regierungsrat Norman Gobbi soll mit dem Fall zu tun gehabt haben. Laut Medienberichten waren mehrere Lega-Spitzenpolitiker früh über die Probleme bei Hospita informiert.
Gobbi habe in seiner Funktion als Lega-Koordinator eine parteiinterne Untersuchung zu den Problemen bei Hospita angestossen, heisst es - was strafrechtlich zwar nicht relevant ist, von Politbeobachtern im Südkanton aber kritisch betrachtet wird.
Auf Anfrage nahm Gobbi wie folgt Stellung: «Das Ziel des Berichts bestand darin, eine Überprüfung der Situation ausserhalb der Politik sicherzustellen mit dem alleinigen Zweck, die Bewegung 'Lega dei Ticinesi' zu schützen.» Es habe sich dabei nicht um eine geheime Untersuchung gehandelt, die Überprüfung sei mit Zustimmung der betroffenen Personen erfolgt.
Der Koordinationsstelle der Lega seien zuvor Hinweise eingegangen. «Es war deshalb angezeigt, für Klarheit zu sorgen.» Diese Abklärungen seien von der Lega als Verein im Sinne des Schweizerischen Zivilgesetzbuches und nicht von Norman Gobbi in seiner Funktion als Regierungsrat oder von kantonalen Institutionen vorgenommen worden.
