Die Zwangswerbung beim zeitversetzten TV der deutschsprachigen Privatsender startet am 4. Oktober. Dann müssen Kunden Reklame beim Überspulen von Werbeblöcken erdulden oder mehr bezahlen.

Konkret wird den Zuschauern eine dreiteilige Werbung beim Spulen vorgesetzt, wie die Mediengruppe CH Media am Dienstag in einem Communiqué mitteilte, die eine Reihe von Fernsehsendern betreibt. Zunächst müssen die Zuschauer einen Werbespot von 5 bis 7 Sekunden zu Beginn des Replay-Programms über sich ergehen lassen, wie man es bereits von Video-Plattformen kennt.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Dann folgt eine statische Display-Werbung nach und während des Drückens der Pausentaste im Live- oder im Replay-Modus. Und zuletzt kommt ein Werbeblock zwei bis drei Spots von maximal 130 Sekunden, der eingespielt wird, wenn die Zuschauer während des Replays den viel längeren Werbeblock überspulen möchten.

Aufpreise noch nicht bekannt

Wer keine Zwangswerbung will, bezahlt künftig mehr. Dafür muss er die Werbung nicht mehr von Hand überspulen, sondern kann punktgenau ans Ende des Werbeblocks springen. Möglich machen dies neue Markierungen, welche die Sender in den elektronischen Programmführer eingefügt haben.

Die Preisgestaltung liege bei den Verbreitern, also bei Swisscom, Sunrise, Salt, Quickline und Co., teilte CH Media weiter mit. Die Telekomunternehmen wollten die Zusatzgebühren noch nicht bekannt geben, wie sie auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP mitteilten. Der Kabelnetzverband Suissedigital will am Mittwoch Einzelheiten an einer Medienkonferenz enthüllen.

Massiver Aufschlag von 300 Prozent

Mit den Zusatzeinnahmen wollen sich die privaten TV-Sender die Taschen füllen. Sie beklagen, dass durch das Überspulen der Werbung die Haupteinnahmequelle der Privatsender, der Verkauf von Werbespots, beeinträchtigt wird. Denn die Werbewirtschaft hat am Überspulen keine Freude. Die TV-Sender kritisierten dass die bisherige Entschädigung fürs zeitversetzte TV durch die Telekomanbieter zu gering sei.

Die Telekomanbieter wiesen dies stets zurück. Der Einnahmeverlust der Sender bei der TV-Werbung sei auf die Konkurrenz durch die Onlinenutzung zurückzuführen, hiess es.

Im vergangenen Jahr hatten TV-Sender, Telekomfirmen und Verwertungsgesellschaften im langen Streit um das zeitversetzte Fernsehen einen Kompromiss gefunden. Der so genannte «Gemeinsame Tarif 12» (GT12), der die Entschädigung der TV-Sender für das zeitversetzte Fernsehen neu regelt, wurde mehr als verdreifacht und hätte eigentlich schon auf Anfang Januar in Kraft treten sollen.

Aber wegen technischen Problemen verzögerte sich die Einführung auf den Herbst.

Öffentlich-rechtliche Sender machen nicht mit

Und es machen auch nicht alle Sender mit: So bleiben die öffentlich-rechtlichen Programme der SRG, ARD, ZDF oder ORF aussen vor. Auch die französischsprachigen Sender sind nicht dabei, wie es aus Branchenkreisen hiess. Bei ihren Werbeblöcken gibt es beim Überspulen auch keine Zwangswerbung.

Diese startet am 4. Oktober bei fast allen Sender von RTL Deutschland (RTL, Vox, Nitro, RTLZWEI), der Seven.One Entertainment Group (ProSieben, SAT.1, Kabel Eins, ProSieben Maxx, SAT.1 Gold, Sixx, Puls 8) und von CH Media (TV24, TV25, S1, 3+, 4+, 5+, 6+, 7+/Nick Schweiz).

Weitere TV-Sender wie TeleZüri, TeleBärn, Tele1, Tele M1, TVO und Swiss1, Super RTL und NTV werden voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2023 mit der Zwangswerbung starten. "Weitere Sender werden folgen", schrieb CH Media.

Allerdings liebäugelt auch die SRG mit der Zwangswerbung: Ein Beitritt zur Branchenvereinbarung werde in Betracht gezogen, teilte SRG-Sprecher Edi Estermann auf Anfrage mit: "Hierzu laufen aktuell ergebnisoffene Gespräche."

Keine Begeisterung bei Telekomfirmen

Die Telekomfirmen betrachten den Kompromiss als Kröte, die sie zu schlucken haben, um das zeitversetzte Fernsehen in der Schweiz zu behalten. Denn im Ausland gibt es kein siebentägiges Replay. Dort müssen die Zuschauer auf die Mediathek der einzelnen Sender zugreifen.

Die Schweizer Telekomfirmen befürchten, dass nun der Ärger der Kunden über die Zwangswerbung oder die Zusatzgebühren bei ihnen hängen bleibt, wie ein Branchenvertreter sagte.

Eine Studie im Auftag des Internetvergleichsdienstes Comparis zeigte Mitte August, dass rund 48 Prozent der befragten Personen mit der Rückspulfunktion die Werbung überspringt. Mehr als die Hälfte ist bereit, Replay-TV mit Zwangswerbung zu nutzen.

Die Studie zeigte weiter, dass vor allem jüngere Personen unter 36 Jahren Werbung überspulen, während die älteren Generationen zurückhaltender sind. Die Jungen sind sich von Youtube und anderen Kanälen keine minutenlangen Werbeblöcke gewohnt.

Die Hälfte der Replay-TV-Abonnenten ist bereit, einen Aufpreis von bis zu 5 Franken in Kauf zu nehmen, um weiterhin die Rückspulfunktion nutzen zu können. Bei den jungen Leuten ist die Zahlungsbereitschaft am höchsten.

(AWP/mth)