Wie wird man Chef-Drehbuchautor bei einem Streaming-Pionier wie HBO?
Gian Pietro Pisanu:
Ich schrieb nach meiner Promotion in Rechtsphilosophie Theaterstücke und reichte meine Manuskripte an Unis in den USA ein. Zu dieser Zeit gab es in Europa keine offiziell anerkannte Ausbildung dafür. Ich wurde zu einem Lehrgang für kreatives Schreiben eingeladen.

Und HBO machte Sie gleich zum Head Screenwriter?
In der Tat. Ich war der Beste in meinem Kurs und war sechs Jahre lang für ein 17-köpfiges Team verantwortlich. HBO stellte mit mir als Italiener bewusst ein Team zusammen, das nicht amerikanisch war, um andere Sichtweisen für die Eigenproduktionen auszuprobieren.

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Hat es sich gelohnt?
Man wird für sein Talent gut bezahlt. Ich verdiente 8000 Dollar pro Monat.

Konnten Sie auch Hits landen?
«Sex and the City», «Monk» ... Davor haben wir unzählige Testballons geschrieben, die sich bei den Produzenten, Regisseuren und dem Publikum bewähren mussten.

Gian Pietro Pisanu war früher Chefautor von HBO. Nun schreibt er für Helvetiaplatz Productions.

Wie muss man sich das vorstellen?
Zunächst schreibt man den Pilotfilm, der einem Testpublikum präsentiert wird. Das ist eine Zielgruppe, die von HBO/Warner ausgewählt wird. Wir befragen diese Leute über die Story, was ihnen gefällt und was nicht. Für uns Autoren ist das faszinierend, weil es uns zeigt, ob eine Geschichte funktioniert oder ob sie Macken hat.

Und ob sie sich verkauft?
Man muss vieles nach dem Geschmack des Publikums ändern, auch wenn wir es für Blödsinn halten.

Wie viel ist Marketing, wie viel ist Originalität?
Am Anfang einer Serie ist das etwa fünfzig zu fünfzig. Wenn die Sendung weiterläuft, steigt die Bedeutung des Marketings auf 70 Prozent.

Worum geht es Ihnen als Screenwriter?
Ich denke nur an die Logik des Plots und die Perspektive des Publikums. Die Zuschauer sind der King, nicht Quoten und Sponsoren. Eine gute Geschichte ist mir lieber als eine Materialschlacht auf dem Bildschirm.

Wird man damit nicht langweilig?
Einfach ist das nicht. Man steckt zuerst alles in den Pilotfilm: Spannung, Sex, einfach alles. Da kann man zeigen, was man draufhat. Aber man verschiesst so auch sein Pulver. Die harte Arbeit kommt danach, wenn es darum geht, das Tempo und die Geschichte über mehrere Episoden interessant zu halten.

Bei knappem Budget?
Nach 3 Millionen Dollar für den Pilotfilm muss man mit einem Drittel davon weitermachen. Um effizient zu bleiben, muss jedes Mitglied im Autorenteam Skripte von bis zu 200 Seiten pro Woche abliefern. Ein höllischer Job.

Wie wichtig sind gute Autoren?
Im Grunde gar nicht. Niemand schert sich um die Drehbuchautoren. Es ist ein ständiger Kampf darum, sich bei den Produzenten und Regisseuren Gehör zu verschaffen, die bereit sind, eine schlechte Geschichte fortzusetzen, solange genug Sex und Gewalt vorkommen.

Was ist Ihr Erfolgsansatz?
Zeit ist kostbar. Ich möchte nicht die Zeit des Publikums verschwenden. Produzenten denken eher: Gebt dem Publikum etwas Ablenkung, auch wenn die Geschichte nicht so toll ist. Ich finde, es braucht beides: Ablenkung mit einer guten Geschichte.

Führt mehr Wettbewerb zwischen den Anbietern zu mehr Qualität?
Eher zu einem härteren Kampf um Marktanteile. Man sollte meinen, dass mehr Wettbewerb zu besseren Inhalten führt. Aber das Gegenteil ist der Fall, weil man mit mehr Qualität auch grössere Risiken eingeht. Und das Risiko besteht darin, dass man Geld und Marktanteile verliert. Was die Anbieter eher vermeiden wollen.

In welche Richtung geht der Trend?
Produktionen werden sparsamer, bei einer gut geölten Marketing-Maschine.

Was heisst das konkret?
Zum Beispiel wird ein berühmter Schauspieler als Produzent engagiert, der nicht nur selbst Geld in das Projekt steckt. Sondern auch die Hauptrolle in der Eigenproduktion des Streamingdienstes spielt, was wiederum die Kosten erheblich reduziert. Gleichzeitig ist das auch gute PR für die Serie.

Was tut ein Streamingdienst, um die Zuschauer zu halten?
Darin fliesst das meiste Geld. Das geschieht auf technologischer Ebene, indem sie ein Fernseherlebnis in 4K statt nur 1080p anbieten und ihre digitalen Plattformen und Funktionen sowie Bündelangebote weiterentwickeln. Wenn Sie zum Beispiel ein Apple-Produkt kaufen, erhalten Sie drei Monate lang Apple TV gratis. Oder wenn Sie ein Amazon-Prime-Konto haben, können Sie Produkte im Online-Store günstiger bestellen. Und Produktionen unter dem «Original»-Label sind nur über den eigenen Dienst zugänglich, das sind deren Schätze.

Welcher Anbieter wird sich durchsetzen?
Es ist ein Zahlenspiel. Amazon hat die Finanzkraft, um auf dem Markt zu bleiben, auch wenn sie dort nicht ständig Hits produzieren. Für Netflix ist das schwieriger, es kann sich Misserfolge nicht so einfach leisten und muss seinen Investoren Gewinne liefern, wobei es gleichzeitig ein künstlerisches Risiko eingeht, das auch ein wirtschaftliches Risiko ist. Bei Netflix gehört das zum Geschäftsmodell. Deshalb versucht es sich zu diversifizieren und bietet nun auch Gaming-Inhalte an.