Aubrey de Grey, hoffen Sie, Ihren 1000. Geburtstag auf der Erde feiern zu können?
Es geht bei der Forschung nicht um mich.

Sie haben gesagt …
… der erste Mensch, der 1000 Jahre alt wird, wurde bereits geboren.

Das ist eine forsche Prognose.
Es erzeugt sehr viel Aufmerksamkeit. Aber ich erforsche eigentlich nicht Langlebigkeit, sondern Gesundheit. Mir wäre es lieber, wenn Menschen im Alter nicht krank werden. Daran arbeite ich.

Langlebigkeit kann ein Resultat dieser Forschung sein, ein Nebeneffekt. Wenn die Leute im Alter nicht krank werden, ist die Wahrscheinlichkeit kleiner, dass sie sterben, also leben sie länger. Ist das geschafft, werden die meisten Menschen mehr als 1000 Jahre alt.

Motiviert Sie dieser Gedanke?
Das ist es nicht, was mich am Morgen aus dem Bett zur Arbeit treibt.

Was dann?
Ich will das Leiden vor dem Tod beenden. Die Zeit vor dem Tod ist oft mit Leid und Abhängigkeit verbunden.

Wir sind nicht profitorientiert, sondern finanziert von Philanthropen und können Grundlagenforschung betreiben.

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Es gibt so viel Leiden und Krankheiten. Wie wählen Sie einen Fokus? Sind es jene Krankheiten, die besonders schlimm sind, oder solche, wo Fortschritte am wahrscheinlichsten sind, oder jene, von denen Sie selber betroffen sind?
Gute Frage. Zum Glück bin ich erst 57 Jahre alt und frei von Krankheiten. Ich will ergründen, wie sich in der Zellreproduktion Fehler einschleichen. Wenn sich das beheben lässt, könnten sehr viele Krankheiten verhindert werden.

Also ist kein Fokus auf bestimmte Krankheiten nötig.
Doch, wir fokussieren als Forschungsstiftung das, was andere Institutionen, mit mehr Geld und Ressourcen, vernachlässigen. Wir sind also dort tätig, wo die Chance auf einen Durchbruch als klein oder die damit möglichen Profite als zu gering eingeschätzt werden.

Also Grundlagenforschung.
Wir sind nicht profitorientiert, sondern finanziert von Philanthropen und können Grundlagenforschung betreiben. Früher waren alle im Bereich Langlebigkeit in der Grundlagenforschung.

Weil es nichts gab, das zu einem Produkt hätte werden können, mit dem Geld verdient wird.
Ja, und heute sind die Fortschritte da, sodass in gewissen Bereichen damit Geld verdient werden kann. Heute gibt es eine ganze Industrie, die sich mit Langlebigkeit befasst, Dutzende Unternehmen. Darunter ist auch ein halbes Dutzen Firmen, die aus unserer Forschungsstiftung entstanden sind.

Es gibt auch immer mehr Investoren in dem Bereich.
Die Investoren erkennen, dass das Ende des Alterns kommt. Und sie wissen, dass diese medizinische Forschung bald extrem profitabel sein wird.

Wie stehen Sie mit Ihrer Forschungsstiftung zu diesen Investoren?
Wir forschen so lange, bis es einen «proof of concept» gibt. Dann kommen Investoren und finanzieren die Spin-outs. Einige von denen sind nahe an klinischen Versuchen.

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Der Wissenschafter

Aubrey David Nicholas Jasper de Grey (57) ist wissenschaftlicher Leiter der von ihm mitgegründeten Sens Foundation. Sie hat verschiedene Spin-out-Firmen hervorgebracht. Zudem ist de Grey Chefwissenschafter bei der börsenkotieren Firma AgeX Therapeutics.

Börsenfirma
Verwaltungsratspräsident der Firma ist Gregory Bailey, der Investor und Verwaltungsrat der Firma Medivation war, bis sie im Jahr 2016 von Pfizer für 14 Milliarden Dollar übernommen wurde. Aber für AgeX läuft es bisher nicht so gut. Seit dem Börsengang im Herbst 2018 hat die Aktie rund 80 Prozent verloren. Die Firma ist noch rund 40 Millionen Dollar wert.

Sens Foundation
Die Sens Research Foundation arbeitet daran, den Zugang zu Therapien zu entwickeln, die die Krankheiten des Alterns heilen und verhindern.

Wissenschaftliche Laufbahn
De Grey hat einen Abschluss in Informatik von der University of Cambridge in Grossbritannien und arbeitete als Softwareingenieur. An der Abschlussfeier seiner Uni lernte er seine spätere Ehefrau, die 19 Jahre ältere Genetik-Professorin Adelaide Carpenter kennen. Durch sie kam er zur Biologie.

Am Institut, wo sie tätig war, suchte man jemanden, der die Fruchtfliegendatenbank führen konnte. De Grey brachte sich das nötige Wissen in Biologie selber bei, unterstützt von seiner Frau. Seinen Doktortitel erhielt er im Jahr 2000 aufgrund der Publikation: «The Mitochondrial Free Radical Theory of Aging». Darin schreibt er, dass es die Nebenwirkungen des Stoffwechsels seien, die uns letztlich töten. Er will das ändern.

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Wie erklären Sie einem vermögenden Investor, der nicht Naturwissenschafter ist, an welchen Themen in der Langlebigkeit geforscht wird?
Etwa mit der Stammzellentherapie. Auf diesem Gebiet waren schon vor 15 Jahren viele Firmen aktiv. Deswegen hat unsere Forschungsstiftung in diesem Bereich wenig gemacht. Inzwischen gibt es schon Produkte in klinischen Versuchen, aber es ist noch immer ein langer Weg.

Wieso?
In einigen Bereichen ist die Stammzellentherapie sehr schwierig. Etwa wenn es um Krankheiten wie Alzheimer geht. Dort müssen Stammzellen im Hirn in ganz bestimmte Regionen migrieren und dort wieder zu Neuronen werden. Daran arbeiten wir.

Was noch?
An anderen Themen haben wir mal gearbeitet, aber heute nicht mehr, weil dort inzwischen profitorientierte Firmen aktiv sind. Ein Beispiel ist die Eliminierung von Abfallprodukten der Zellen mithilfe von Enzymen, die in Bakterien gefunden werden. Da waren wir vor 15 Jahren Pioniere. Da ist auch unser erfolgreichstes Spin-out tätig, Ichor Therapeutics.

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Zell-Abfallprodukte werden auch abgebaut, wenn man fastet.
Ja, aber wir widmeten uns Abfallprodukten, von denen der Körper nicht weiss, wie er sie zerlegen soll. Fasten nützt da nichts.

Wieso ist es wichtig, diese Abfallprodukte loszuwerden?
Lange Zeit ist es nicht relevant, weil sich diese Abfallprodukte sehr langsam kumulieren. Es hat erst Auswirkungen, wenn die Abfallmenge ein gewisses Ausmass überschreitet, dann wird es sehr relevant.

Kann ich mir das wie eine Fabrik vorstellen, wo sich Produktionsabfälle ansammeln, die niemand wegräumt, alle Mitarbeiter laufen dann einfach um diese Abfallhaufen herum, aber irgendwann ist alles so voll mit Abfall, dass die Arbeiter kaum mehr durchkommen?
Ja, perfekte Analogie. Heute arbeiten wir etwa daran, die Versteifung der Blutgefässe zu verhindern.

Das hat etwas mit dem Zucker im Blut zu tun. Kann man diesen Prozess verlangsamen, wenn man weniger Zucker zu
sich nimmt?

Ein bisschen vielleicht. Wenn man die Menge Zucker im Blut unter Kontrolle hat, könnte es die Versteifung etwas verlangsamen. Das würde dann die Wahrscheinlichkeit von hohem Blutdruck verkleinern.

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Was Sie erzählen, hört sich nach Forschung an, die das Leben einige Jahre, vielleicht Jahrzehnte verlängert, aber nicht nach einer fundamentalen Änderung, die 1000 Jahre Lebenserwartung ermöglicht oder gar die Unsterblichkeit.
Nein, die Unterscheidung gibt es nicht. Bei Therapien, über die ich gesprochen habe, geht es darum, Beschädigtes zu reparieren. Ziel ist es, Menschen um 20 oder 30 Jahre zu verjüngen. Jemand, der chronologisch 60 Jahre alt ist, wird biologisch wieder 30Jahre alt.

Aubrey de Greys Doktorarbeit

Mit seiner Publikation: «The Mitochondrial Free Radical Theory of Aging» hat Aubrey de Grey seinen Doktortitel im Jahr 2000 erhalten. Darin schreibt er, dass es die Nebenwirkungen des Stoffwechsels seien, die uns letztlich töten. 

Quelle: ZVG
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Auch das sind erst 30 Jahre, nicht 1000.
Wenn die Person wieder biologisch altert, wieder 60 wird, würden zwar die Therapien von vor 30 Jahren nicht mehr funktionieren. Aber die Forschung hatte auch wieder 30 Jahre Zeit, neue, bessere Therapien zu entwickeln. In der Forschung passiert in 30 Jahren sehr viel. Wahrscheinlich genug, damit immer wieder ein Weg gefunden wird, die Menschen nochmals 30 Jahre zu verjüngen. Ich nenne das «longevity escape velocity», Langlebigkeitsfluchtgeschwindigkeit.

So werden wir 1000 Jahre alt.
Schaffen wir es, mit den Reparaturen jemanden um 30 Jahre zu verjüngen, wird die Langlebigkeitsfluchtgeschwindigkeit genug hoch sein. So werden wir 1000 Jahre alt.

Sie sind 57 Jahre alt. Werden Sie die Langlebigkeitsfluchtgeschwindigkeit erleben?
Kommt darauf an, wie schnell die Forschung vorankommt. Mir geht es gut für mein Alter. Ich bin biologisch viel jünger als die meisten 57-Jährigen. Aber ich weiss nicht, ob das genug ist. Ich hoffe es, aber wir werden sehen.

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Worauf führen Sie zurück, dass Sie biologisch viel jünger sind als chronologisch?
Ich bin einer der Menschen, über die sich andere aufregen: Ich kann essen, was ich mag, ich nehme nicht zu. Ich brauch kein Fitnessprogramm, ich bleibe doch beweglich.

Also ein genetischer Glücksfall. Aber schauen Sie nicht auf Ihren Zuckerkonsum?
Nein, also ich esse schon nicht soo viel Zucker, aber ich achte nicht speziell darauf oder meide Zucker.

Fasten Sie oder nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine, Magnesium oder Nicotinamid zu sich?
Nein, ich nehme nichts dergleichen. Aber ich sage nicht, dass andere das nicht tun sollten. Ich habe genetisch Glück gehabt, andere sind da weniger gesegnet, die sollten mehr tun. Ich muss einfach nicht.

Hilft es denn überhaupt?
Nahrungsergänzungsmittel, auf die Ernährung achten und den Lebensstil optimieren kann etwas helfen. Aber wer genetisch Glück hatte, sollte da konservativ sein.

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LONDON: Geneticist Aubrey Degrey poses for a portrait shoot for Men's Health magazine in London on April 2, 2007. (Photo by Sam Barker/Contour by Getty Images)

«Die Maschinerie zur Reparatur von Schäden ist noch nicht zu 100 Prozent verfügbar. Es gibt Lücken.»

Quelle: Getty Images

Tun Sie irgendwas, um länger zu leben?
Ich werde irgendwann etwas tun müssen.

Wann?
Es ist eine Risikoabwägung. Ich denke nicht, dass ich jetzt schon Therapien nutzen muss, die noch nicht ausgereift sind, ich kann warten. Ich denke, ich werde von Therapien profitieren können, die heute noch nicht entwickelt sind. Ich muss jetzt nicht Therapien anwenden, die noch nicht ausgearbeitet, noch in der Experimentierphase und nicht sehr effektiv sind.

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Crispr ist eine Methode, die Schlagzeilen gemacht hat. Damit lässt sich DNS gezielt schneiden und verändern. Gene können eingefügt, entfernt oder ausgeschaltet werden.
Es ist ein sehr vielseitiges Werkzeug, sehr wichtig. Dort könnte es in den nächsten Jahren eine Explosion von neuen Forschungsergebnissen und neuen Möglichkeiten geben.

Sie haben schon im Jahr 2005 gesagt, dass der erste Mensch, der 1000 Jahre alt wird, schon geboren sei. Hat sich die Wissenschaft seither schneller entwickelt, als Sie damals annahmen, oder langsamer?
Eher langsamer, aber nur aus einem Grund. Das Einzige, was langsamer ging, als ich mir damals vorstellte, war, Geld für die Forschung aufzutreiben, um so schnell wie möglich voranzukommen. Ich dachte, das wäre relativ einfach, war es aber nicht.

Das heisst?
Ich denke, wir könnten heute schon drei bis vier Jahre weiter sein, wenn wir damals zehnmal mehr Geld für die Forschung hätten auftreiben können.

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Wie geht es jetzt voran?
Je mehr Fortschritte wir machen, desto einfacher wird es, Geld aufzutreiben, Investoren zu überzeugen, um die nächsten Fortschritte machen zu können. Weil es heute einfacher ist, Geld aufzutreiben, gibt es jetzt eine Industrie um das Thema Langlebigkeit, die es vor fünf Jahren noch nicht gab.

Jungbrunnen: Die Ultra-Reichen vom Silicon Valley investieren

Ewiges Leben können sich selbst Milliardäre nicht kaufen. Noch nicht, würden die Vertreter der Longevity-Bewegung anfügen. Ihnen geht es um Langlebigkeit, nicht um einige Jahre mehr Lebenserwartung, sondern Hunderte Jahre. Die Anhänger sind keine pseudo-wissenschaftlichen Sektierer, sondern richtige Wissenschafter. Die renommierte Stanford University in den USA hat ein Longevity-Institut und das Word Economic Forum (WEF) hat einen Global Future Council on Longevity.

Die Ultra-Reichen im Silicon Valley investieren inzwischen viel Geld in Unternehmen, die sich mit Longevity beschäftigen. Jeff Bezos, mit 200 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Erde und CEO von Amazon, und Peter Thiel, Investor und Mitgründer von Paypal, haben beide in die US-Firma Unity Biotechnology investiert. Deren Ziel ist es, die Zeitspanne des Lebens zu verlängern, die nicht durch die Krankheiten des Alterns belastet ist. Die Firma ist an der Börse bisher kein Erfolg, sondern hat seit Börsengang rund 80 Prozent an Wert verloren.

Neben Bezos und Thiel ist auch Google mit den zwei Gründern Larry Page und Sergey Brin am Thema interessiert. Im Jahr 2013 gründete Google die Firma Calico, die sich dem Thema widmet. Larry Ellison, Mitgründer der Softwarefirma Oracle und mit über 70 Milliarden Dollar Vermögen einer der reichsten Menschen, hat einige hundert Millionen Dollar für die Langlebigkeitsforschung gespendet.

Es gibt eine Reihe anderer Unternehmen, die sich mit dem Altern befassen, darunter BioAge, BioViva, The Longevity Fund, AgeX und die Methuselah Foundation. Letztere wurde von Aubrey de Grey gegründet. Sie schreibt einen Preis für Wissenschafter aus, denen es gelingt, einen neuen Rekord bei der Langlebigkeit von Mäusen zu erzielen.

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Wie viel Geld haben Sie zur Verfügung?
Die Forschungsstiftung hatte nie mehr Budget als 5 Millionen Dollar pro Jahr. Das war ungefähr das jährliche Budget in den letzten Jahren. Wenn wir 50 Millionen Dollar hätten, kämen wir in den schwierigen Themen, an denen wir arbeiten, wahrscheinlich dreimal so schnell voran.

Beim Budget sind die Spin-outs aber noch nicht eingerechnet.
Die Spin-outs laufen besser, denn sie erhalten eher Geld. Dort gibt es weniger Limits als bei den Themen, an denen die Stiftung arbeitet.

Bei den Themen geht es darum, etwas im Körper zu reparieren, um das biologische Alter zu verjüngen. Das braucht Repara turen in komplexen Strukturen wie dem Gehirn. Aber heute ist es schon schwierig, Knorpel zu reparieren. Dabei ist das eine relativ einfache Struktur.
Bei Knorpel ist man schon weit, da gab es vergangenes Jahr sehr gute Resultate mit einer ersten klinischen Versuchsphase. Das geht jetzt in die zweite Phase.

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Hört sich jetzt fast zu gut an.
Ja, die Maschinerie zur Reparatur von Schäden ist noch nicht zu 100 Prozent verfügbar. Es gibt Lücken. Die Schäden kumulieren sich. Aber wenn man diese Lücken schliesst, wird der Körper so etwas wie Knorpel selber reparieren können.

Muss ich mir das wie bei einem Salamander vorstellen, dem sogar Gliedmassen wie Beine nachwachsen, wenn sie abgetrennt wurden?
Ja, was ein Salamander kann, würden wir auch gerne können. Wir können es bereits auf molekularer Ebene. Aber es ist schwierig, das im Menschen zu replizieren.

Weil es auch Krebs auslösen kann.
Ja, wenn man mit Stammzellen arbeitet, die sehr viel können. Mit denen ist die Gefahr gross, dass daraus Krebs entsteht. Wir wissen nicht, wie wir das verhindern. Was wir wissen: Tiere, bei denen Glieder nachwachsen, sind sehr gut darin, keinen Krebs zu bekommen.

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Ich mag das nicht «unsterblich» nennen, wegen der Konnotationen. Die Untoten.

Ich habe gelesen, wenn man Salamander Chemikalien aussetzt, die Krebs auslösen, werden die trotzdem keinen Krebs bekommen.
Wir wissen nicht, wie das funktioniert.

Dann sind wir also doch noch nicht so nah an der Unsterblichkeit?
Wir sind ziemlich nah dran, das Altern unter umfassende medizinische Kontrolle zu bringen. Ich mag das nicht «unsterblich» nennen, wegen der Konnotationen. Die Untoten.

Ich denke, die Chancen stehen mindestens 50 Prozent, dass wir die Langlebigkeitsfluchtgeschwindigkeit innert der nächsten 15 Jahre erreichen.

Was braucht es dafür noch?
Wir müssen die Technologien entwickeln, um die Schäden reparieren zu können, und wir müssen diese Technologien alle in einem Menschen zusammenführen. Es braucht einiges, aber wir werden es schaffen.

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Denken Sie, dass bald grosse Durchbrüche in der Langlebigkeit kommen?
Ja, auf jeden Fall. Man kann es auch daran erkennen, dass jetzt viele Investoren einsteigen.

Auch bei Ihnen?
Ich verbringe viel Zeit mit Investoren, stelle sie Firmen und Leuten in der Forschung vor.

Es gibt auch Firmen im Bereich Langlebigkeit, die an der Börse kotiert sind.
Ja, es gibt einige wenige. Aber ich denke, die wären besser noch nicht an die Börse gegangen.

Wieso?
Wegen all dem, was dort auf sie wartet, etwa Investoren, die darauf setzen, dass die Aktienkurse dieser Firmen fallen.

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Also raten Sie Investoren davon ab, in diese börsenkotierten Unternehmen zu investieren?
Es ist noch nicht die richtige Zeit dafür. In einem oder in zwei Jahren dürfte die Zeit gekommen sein, in börsenkotierte Firmen zu investieren.

Auf welchem Gebiet gab es in den vergangenen zehn Jahren die grössten Fortschritte?
Überall gab es grosse Fortschritte. Auch dort, wo man dachte, dass man nicht vorwärtskommen könnte. Etwa dabei, die Arterien elastisch zu halten. Dort kamen wir mit einem Durchbruch vorwärts.

Wird diese Therapie bald erhältlich sein?
Bald, in den nächsten zwei Jahren. Auch der Abbau von Zellabfall wird in diesem Zeitrahmen als Therapie möglich werden.

Werden die Therapien teuer sein?

Es wird so wertvoll für die Gesellschaft sein, dass die Leute biologisch nicht mehr altern, dass man nicht selber für diese Therapien bezahlen muss, sondern sie werden allen Menschen zugänglich gemacht werden. Das gilt auch für ein Land wie die USA.

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Wie bitte?
Die Therapie wird für sich selber bezahlen.

Wie?
In den letzten Lebensjahren wird am meisten für Gesundheitskosten ausgegeben.

Diese Ausgaben sparen wir dann?
Ja, und die jüngere Generation wird mehr Zeit für sich haben, um produktiv zu sein, weil sie sich nicht um die kranke ältere Generation kümmern muss. Zudem werden die Älteren weiter produktiv zur Gesellschaft beitragen.

Deswegen werden diese Therapien über die Steuern finanziert werden?
Ich bin komplett davon überzeugt, dass das so sein wird.

Longevity-Konferenz Für Investoren

Aubrey de Grey wird am 1. Oktober an der Longevity Investors Conference teilnehmen. Dieses Jahr noch virtuell, soll sie ab nächstem Jahr jeweils im Sommer vor Ort in St.Moritz stattfinden. Den Anlass haben die Schweizer Finanzunternehmer Marc P. Bernegger (41) und Tobias Reichmuth (41) auf die Beine gestellt. Sie lancierten bereits die erfolgreiche Crypto Finance Conference.

«Die Longevity-Konferenz richtet sich ausschliesslich an Investoren», sagt Bernegger, der mehrere Firmen erfolgreich aufbauen konnte. Er sitzt unter anderem im Verwaltungsrat der Crypto Finance AG, die von Tobias Reichmuth mitgegründet wurde. Reichmuth führt die Vermögensverwaltungsgesellschaft SUSI Partners, die auf Infrastrukturinvestitionen im Kontext der Energiewende spezialisiert ist.

Beide Gründer der Konferenz sehen die Zeit gekommen, ins Thema Langlebigkeit zu investieren. Das sähen auch einige Milliardäre so, die sich schon für die Konferenz angemeldet hätten. Bekannt ist, dass mit Jim Mellon ein britischer Milliardär an der Konferenz auftritt, der das Buch «Juvenescence: Investing in the Age of Longevity» veröffentlicht hat.

Als Redner konnte auch David Sinclair verpflichtet werden. Der Professor für Genetik an der Harvard Medical School in den USA ist bekannt für seine Arbeit über kleine Moleküle, die das Altern verzögern, indem sie die Abwehrkräfte des Körpers stärken. Sein Buch «Lifespan» wurde 2019 ein Bestseller.

Weitere Informationen: www.longevityinvestors.ch

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1000 Jahre Leben wäre Stress für das Pensionskassensystem.
Ja, ich weiss (genervt). Aber wieso sollen die Älteren ab 65 Jahren nichts mehr tun. Wir lassen die jetzt nicht mehr arbeiten, weil wir Mitleid mit denen haben. Wir haben Mitleid mit denen, weil sie dem Sterben überlassen werden. Das wird
nicht mehr so sein.

Wir werden die Pensionskassensysteme überdenken müssen.
Natürlich. Aber nicht nur wegen der Fortschritte in der Langlebigkeit, sondern auch wegen der Automation. Viele Jobs von heute werden wegfallen. Es macht keinen Sinn, über das Pensionskassensystem von morgen mit dem heutigen Bezugssystem nachzudenken.

Aber viele Therapien, die heute Leben verlängern, sind sehr teuer, kosten teilweise Millionen Franken.
Weil diese nicht wirklich viel bringen. Mit den heutigen Therapien werden meist kranke Menschen am Leben erhalten, die weiter krank bleiben und der Gesellschaft nichts zurückgeben können. Erst wenn wir Therapien haben, die Menschen um 30 Jahre verjüngen, gibt es überhaupt eine ökonomische Rechtfertigung dafür, dass diese Therapien den Einzelnen wirklich nichts kosten. Erst wenn wir die Langlebigkeitsfluchtgeschwindigkeit erreicht haben.

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Aber auch dann werden die Therapien etwas kosten. Sonst könnten die Investoren nichts daran verdienen und würden erst gar nicht investieren.
Ja, die Investoren sollen daran verdienen. Aber die Staaten werden das über Steuern bezahlen. Für die Patienten wird es gratis sein. Das wird aber erst so sein, wenn die Medizin für ältere Menschen wirklich funktioniert. Heute braucht die Medizin Kranke, die sie heilen kann.

Und künftig?
Wenn die vorbeugende Medizin kommt, wie wir sie propagieren, werden die Menschen erst gar nicht krank. Wenn die Leute sehen, dass sie so viel länger gesund bleiben, werden sie das wollen. Dann wird auch die Pharmaindustrie das wollen. Weil man dafür bezahlen wird.

LONDON: Geneticist Aubrey Degrey poses for a portrait shoot for Men's Health magazine in London on April 2, 2007. (Photo by Sam Barker/Contour by Getty Images)

«Tiere, bei denen Glieder nachwachsen, sind sehr gut darin, keinen Krebs zu bekommen.»

Quelle: Getty Images
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Gibt es schon Beispiele?
Ja, es gibt schon vorbeugende Medizin, mit der viel Geld verdient wird. Statine etwa, die den Cholesterinspiegel herunterbringen und einen Herzinfarkt vermeiden.

Zählen da auch Nahrungsmittelzusätze wie Nicotinamid dazu?
Wir brauchen viel besseres, als was wir heute haben.

Das Mikrobiom transplantieren, also die Darmflora von jungen in ältere Menschen einpflanzen.
Wir wissen nicht, ob das etwas bringt. Ich vermute, dass es keine grosse Rolle bei der Lebensverlängerung spielen wird.

Aber heute wird es teuer angeboten, auch in der Schweiz für mehrere zehntausend Franken. Wieso glauben Sie nicht daran?
Weil sich das Mikrobiom leicht verändert, es passt sich der Umwelt an.

Wenn man in einen anderen Kulturkreis mit anderen Essgewohnheiten zieht, verändert sich das Mikrobiom.
Wir werden etwas im Körper verändern, die Reparaturfähigkeit des Körpers. Dann wird der Körper das Mikrobiom selber reparieren.

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Im Silicon Valley sollen einige Multimillionäre versuchen, mit Bluttransfusionen von jungen Menschen jung zu bleiben. Bringt das etwas?
Das ist gerade ein interessantes Thema. Das Blut ist zwar nur eine Autobahn, die Zellen von einem zum anderen Ort transportiert. Aber es sieht so aus, als ob junges Blut oder Komponenten von jungem Blut nützlich sind.

Das heisst?
Wir verstehen noch nicht, welche Komponenten des Blutes wichtig sind. Es könnte sein, dass wir irgend etwas Schlechtes
aus altem Blut entfernen müssen. Möglich wäre auch, dass wir mehr von speziell guten Teilchen aus jungem Blut brauchen.

Privatleben

De Gray ist als Einzelkind ohne Vater aufgewachsen. Als seine Mutter im Jahr 2010 starb, erbte er 10,5 Millionen Pfund. Davon behielt er 2,1 Millionen für sich. Den Rest spendete er an seine Stiftung, die Sens Foundation. De Grey ist mit einer sechs Jahre jüngeren Biologin verheiratet. Es sei nützlich, mit ihr über seine Arbeit reden zu können. Wie er selber, tue auch seine Frau nichts gegen das Altern. «Sie achtet höchstens etwas mehr auf die Ernährung.»

Haus mit Pool
Mit seiner Frau lebt er in einem Haus mit Pool in den kalifornischen Bergen von Santa Cruz. Auf seinem Grundstück mit 60'000 Quadratmetern stehen fünf zusätzliche Wohnungen oder Hütten. Diese werden «für 1000 Dollar pro Monat oder weniger» vermietet, wie er der «Financial Times» verriet. Sein Büro ist 25 Autominuten entfernt, in Mountain View, wo auch der Hauptsitz von Google ist. 

Kryoniker
Falls er stirbt, lässt sich de Grey einfrieren, was mindestens 200'000 Dollar kostet. Den Vertrag dazu hat er mit der US-Non-Profit-Organisation Alcor unterschrieben. Die Firma friert Menschen in flüssigem Stickstoff ein, mit der Hoffnung, sie wiederzubeleben und zu heilen, sobald neu entwickelte Technologien das ermöglichen. Kryonik wird in der Wissenschaft mit Skepsis betrachtet. Trotzdem hat Alcor fast 1800 Mitglieder, darunter 180, die gestorben sind und deren Leichen eingefroren wurde.

Markenzeichen
Seine Ex-Frau hatte eine Vorliebe für Bärte. «Und ja, es spart Zeit, denn ich muss mich nicht rasieren. Ich wasche ihn einfach mit Seife. Es ist bequem und heute natürlich auch eine Marke.»

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Nehmen Sie Blut von jungen Menschen?
Noch nicht. Wie ich gesagt habe, ich bin noch jung. Alles ist gut.

Tun Sie es nicht, weil der Effekt klein ist?
Nein, ich denke der Effekt kann substanziell sein. Aber nicht für jemanden, der noch nicht biologisch alt ist. Also warum soll ich es jetzt tun? Wahrscheinlich wird es schon nächstes Jahr mehr Informationen darüber geben, welche Komponenten des Blutes am wertvollsten sind. Und dann gibt es eine sichere, effektivere Therapie.

Beobachten Sie Unternehmen, die klinische Versuche mit Blutinjektionen machen?
Ja, sicher, ich schaue alle an, die in diesem Gebiet tätig sind.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Leute mit guten sozialen Beziehungen länger leben.
Ja, es gibt Verbindungen zwischen Psyche und Körper. Darum ist etwa Yoga gut für die Leute. Der Effekt auf die Langlebigkeit ist aber gering, weniger als einige Jahre. Oft werden Leute 100 Jahre alt, die gut auf Stress reagieren, die in Stresssituationen ruhig bleiben können.

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Alles tun, was Ihnen möglich ist, damit die Forschung zum Thema Langlebigkeit schneller vorankommt. Das erhöht die Chancen, noch am Leben zu sein, wenn die Forschung bereit ist.

Okay, wir sind jetzt etwas im Stress mit diesem Interview, denn Sie müssen gleich in ein anderes Meeting. Also zum Schluss noch drei Tipps, was man tun sollte, wenn man sein Leben verlängern will.
Einen Sicherheitsgurt tragen.

Oder erst gar nicht Auto fahren.
Ernsthaft: Als Erstes gilt es, das Risiko zu vermeiden, an etwas anderem als dem Alter sterben.

Okay, zweitens?
Die total offensichtlichen Regeln: Nicht rauchen, vernünftig essen, ein massvoller Umgang mit Alkohol, nicht übergewichtig sein und so weiter.

Drittens?
Alles tun, was Ihnen möglich ist, damit die Forschung zum Thema Langlebigkeit schneller vorankommt. Das erhöht die Chancen, noch am Leben zu sein, wenn die Forschung bereit ist.

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Das heisst?
Wenn Sie reich sind, geben Sie mir einiges Geld für die Stiftung oder investieren Sie in eine Firma in dem Bereich. Wenn Sie ein Biologe sind, dann arbeiten Sie in einem wichtigen, vernachlässigten Feld dieser Forschung. Wenn Sie ein Journalist sind, dann tun Sie, was Sie jetzt tun. Interviewen Sie mich. Und überhaupt können alle das Bewusstsein für diese Themen in ihrem persönlichen Umfeld schärfen, indem sie darüber sprechen.

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