Sieben Uhr morgens in Affoltern, im Norden von Zürich. Es ist Schicht­beginn für Stefan Schrödl. Der Kübelmann schiebt den vollen Züri-­Sack-Container ans Heck des Abfallsammelwagens. Dann zieht er den Hebel nach oben, bis der Bügel die Tonne erfasst, weiter nach oben, bis er den grünen Knopf drückt.

Die Tonne kippt. Kehrichtsäcke, Essensreste, schmierige Flüssigkeiten, Stofffetzen und Plastikflaschen rutschen in den Schlund des Fahrzeugs. Es dampft und gärt, der Geruch beissend und faul. «Man gewöhnt sich dran», sagt Schrödl. «Am besten lässt man sich die Nasenhaare wachsen.»

Knapp 200 Entsorgungslogistiker beschäftigt die Stadt Zürich, 50 davon sind Kübelmänner. Sie sammeln pro Jahr mehr als elf Millionen Züri-Säcke ein, in drei Touren pro Tag, fünf Tage die Woche. Mehr als zwei Millionen Container leeren sie pro Jahr. Ein ­Knochenjob.

Von Abfall zu Rohstoff

Was Schrödl und seine Kollegen als Abfall ein­sammeln, ist für Florian Dolder Rohstoff. Zumindest dann, wenn es dazu taugt. Er ist Verkaufschef bei der Basler Firma Lottner, die sich auf Abfallentsorgung und Recycling spezialisiert hat. Ihr Ziel ist nicht die zentrale Verbrennungsanlage.

Entsorgung und Recycling Zürich; Mülltour Roswiesenstrasse Zürich; Chauffeur: Dominic Haas, Lader: Stefan Schnödl, Dardan Masurica; ERZ Zürich Hagenholz; Heizwerkführer: Peter Kaufmann

Was die Entsorgungslogistiker als Abfall ein­sammeln, ist für andere Rohstoff.

Quelle: Gabi Vogt

Sie verkauft all das, was noch einen Wert hat, weiter. An Eisenhändler, Papier­fabriken oder Kunststoffverarbeiter. 90 Prozent der Ware, die Lottner verarbeitet, kommen von Unternehmen. Parallel dazu betreibt die Firma eine Sammelstelle für Privatkunden, die bei ihr abladen können, was sie nicht mehr brauchen.

Das meiste, was so anfalle, könne irgendwie ­verwertet werden, sagt Dolder. Auf Deponien gehe ­eigentlich nur Bauschutt wie Ziegel oder Zement. ­Alles andere lässt sich verkaufen. Es gibt immer ­jemanden, der darin einen Wert erkennt.

Negativpreise für Karton und Papier

Doch zuletzt wurde das Geschäft mit Recycling­ware stark durchgeschüttelt. Vor allem bei Papier und Karton kamen die Preise unter Druck. Seit Ende 2019 bezahlt nicht mehr der Abnehmer des Rohstoffs, sondern derjenige, der ihn loswerden will.

Die Preise sanken unter null. Schwankungen gebe es immer wieder, sagt Dolder. «Aber dass der Preis so lange negativ ist, ist schon aussergewöhnlich.»

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Der Auslöser für den Preiszerfall liegt in Fernost. 2018 schloss China seine Grenzen für Altpapier­exporte – vor allem wenn das Papier zu hohe Anteile an Fremdstoffen enthielt. Im Jahr darauf zogen auch andere asiatische Länder nach. Seither gebe es zu viel Papier auf dem europäischen Markt, sagt Dolder.

Dass es in der Schweiz gerade mal eine Papierfabrik und einen Betreiber von Kartonfabriken gebe, helfe auch nicht eben, die Preise hierzulande hoch zu halten. «Angebot und Nachfrage spielen da nur bedingt.» Erst recht, da viele Gemeinden verlangten, dass ihr Altpapier im Inland verwertet werde.

Für Lottner als Händler sind die Preiskapriolen nur bedingt ein Problem, denn er kann die Schwan­kungen weitergeben. Ganz anders sieht es für die ­Gemeinden aus, die das Altpapier bei den Konsumenten einsammeln und ihren Aufwand – normalerweise – über den Rohstoffpreis decken. Ihre Rechnung geht schon seit längerem nicht mehr auf.

Hat der Abfall keinen Wert, braucht es Gebühren

Vor dem Einbruch erhielt man für eine Tonne ­Papier noch 80 Franken, sagt Dominik Egli, Leiter Stadtreinigung in Basel. «Jetzt sind es noch 10 Franken». Bei 80 Franken sei die Rechnung für die Stadt gerade noch aufgegangen.

Jetzt sei man von kostendeckenden Einnahmen weit entfernt. Für Basel ist das nicht nur finanziell ein Problem, sondern auch juristisch. Denn der Bund schreibt vor, dass Entsorgungskosten nicht über die Steuern finanziert werden dürfen.

In Basel plant man nun eine neue ­Abfallgebühr für Altpapier. Faktisch wird es wohl auf eine jährliche Pauschale pro Einwohner oder Haushalt hinauslaufen, denn eine mengenabhängige Gebühr wie beim Hauskehricht mit Gebührensäcken oder Marken ist schwer umzusetzen.

«Einer hat mal ein überfahrenes Reh in den Container geworfen.»

«Entsorgungsmärkli auf dem Altpapier sind nicht praktikabel», sagt Egli. «Grosse Gebührensäcke wiederum funktionieren beim Papier nicht, weil dieses zu schwer ist. Und Karton passt nicht in kleine Säcke.» Heute gibt es in Basel faktisch kaum Vorschriften. Papier und Karton werden gemischt eingesammelt, auf saubere Bündel besteht die Basler Stadtreinigung schon lange nicht mehr.

Die Entsorgungsdisziplin der Zürcher

Vielerorts steht das Altpapier in den Papiersäcken der Detailhändler vor den Häusern. Das sei eigentlich kein Problem, sagt Dolder. «Solange es trocken ist und sich in den Säcken kein Hausmüll befindet.» Doch egal ob Altpapier oder Hauskehricht – nicht jeder hält sich an die Regeln.

Müllmann Schrödl, im Grunde zufrieden mit der Entsorgungsdisziplin der Zürcher, staunt manchmal nicht schlecht, was so vor die Tür gestellt wird. Mal ist es ein Kinderwagen, mal ein Dildo oder ein Riesenpneu. «Einzelne werfen weg, was sie wollen, und schmeissen dann den Züri-Sack auch mal schnell hinterher, um die Sünde zu kaschieren», sagt Schrödl.

Sein krassestes Erlebnis an Nonchalance: «Einer hat mal ein überfahrenes Reh in den Container geworfen.» Nur der Kopf des toten Tiers ragte aus dem Sack, in den es eingewickelt war. Schrödl nimmt es mit Humor: «Man versucht, grosszügig damit umzugehen.»

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Immer häufiger stossen die staatlichen Mistkübelmänner auch auf grüne Säcke. Diese sind nicht für sie gedacht, sondern für Mr. Green. So heisst ein mittlerweile zehn Jahre altes Unternehmen, das all das verwertet, was nicht in den Güselsäcken landen sollte: Altglas, PET-Flaschen, Batterien.

Mr. Green übernimmt die mühselige Einsammlung

Mr. Green nimmt den Konsumenten das Sortieren und Zur-Sammelstelle-Schleppen ab. Dafür lässt sich das private ­Unternehmen über eine monatliche Gebühr von ­zwischen 17.90 und 34.90 Franken entlöhnen.

Entstanden ist Mr. Green aus einem Problem, wie es viele kennen. «Wir waren eine Wohngemeinschaft von Wirtschaftsstudenten», erzählt Gründer Valentin Fisler. «Grün erzogen – also durften die Flaschen und Dosen nicht in den Abfall.» Gelandet seien sie dann aber erst mal auf dem Balkon, weil niemand die Ware wegbrachte. «Irgendwann dachten wir uns: Dieses Problem haben doch sicher auch andere.» Daraus entstand ein Geschäft.

Entsorgung und Recycling Zürich; Mülltour Roswiesenstrasse Zürich; Chauffeur: Dominic Haas, Lader: Stefan Schnödl, Dardan Masurica; ERZ Zürich Hagenholz; Heizwerkführer: Peter Kaufmann

Zürcher Kübelmänner im Dienst: Stefan Schrödl (vorne) und Dardan Masurica.

Quelle: Gabi Vogt
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Mittlerweile hat Mr. Green 10'000 Kunden in den Agglomerationen von Zürich, Winterthur, Bern und Basel. 40'000 Säcke werden pro Monat eingesammelt und sortiert. Für die mühsame Handarbeit arbeite man auch mit sozialen Institutionen zusammen, so Fisler.

Leute finden so Arbeit, die sonst weniger Aussichten auf einen Job haben. Eines spielt für Mr. Green kaum eine Rolle: der Wert des eingesammelten Materials. «Manchmal bekommen wir was dafür bezahlt, manchmal kostet uns die Entsorgung etwas», sagt ­Fisler.

Hohe Recyclinganteile in der Schweiz

Doch das sei Nebensache. Das Einsammeln der Recyclingwaren finanziere sich fast ausschliesslich aus Monatsgebühren. Anders als Lottner verkauft Mr. Green die Ware nicht an meistbietende Fabriken und Verwerter. «Wir speisen die Wertstoffe in die bestehenden Recycling-Kreisläufe ein.»

Entsorgung und Recycling Zürich; Mülltour Roswiesenstrasse Zürich; Chauffeur: Dominic Haas, Lader: Stefan Schnödl, Dardan Masurica; ERZ Zürich Hagenholz; Heizwerkführer: Peter Kaufmann

Karton wird in der Schweiz immer öfter zusammen mit Papier eingesammelt. In Basel beispielsweise lege man schon lange keinen Wert mehr auf saubere Bündel.

Quelle: Gabi Vogt
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Die funktionieren in der Schweiz gar nicht schlecht. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Umwelt (Bafu) werden 80 Prozent des Papiers eingesammelt, 90 Prozent des Glases rezykliert. Auch Getränkedosen und PET-Flaschen kommen auf ordentliche Quoten. Schlusslicht sind die Batterien mit 60 bis 70 Prozent Recyclinganteil. Noch immer landen viele von ihnen im Hausmüll. Und damit zumeist im Ofen.

Das Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz im Norden von Zürich betreibt einen Ofen. Heizwerkführer Peter Kaufmann bereitet dort seit 25 Jahren den Abfall für die Verbrennung auf. Per Joystick hinter Schutzglas steuert er eine riesige Zange, die bis zu 2,5 Tonnen Kehricht aufs Mal fassen kann. Der Abfall wird vor der Verbrennung noch gründlich durchmischt.

Aus Abfall wird Strom und Heizwärme

In Hagenholz enden auch all die Touren der Zürcher Kehrichtsammler. Die bulligen Fahrzeuge öffnen ihr Heck und der gesammelte Abfall, der nicht mehr recycelt werden kann, plumpst in den Bunker. Von dort übernimmt Heizwerkführer Kaufmann.

Aus dem verbrannten Müll entstehen Strom und Fernwärme. 170'000 Haushalte werden in Zürich mit der Energie aus dem Abfall versorgt. Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) stellt mit einer Kläranlage und einem Heizkraftwerk eine Million Megawattstunden Energie her.

Einen Drittel davon verbraucht das städtische Werk selbst. Wenn Schrödl am nächsten Morgen sein Kehrichtfahrzeug startet, geschieht das mit Biogas, einem weiteren Produkt aus der Abfall­verwertung. So schliesst sich der Kreis.