Obwohl das direkte Treffen ausblieb, war es der grosse Wettbewerb unter den Fotografen auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos: Wer schafft es, die Kluft zwischen den beiden Gegenspielern abzulichten, den Antagonismus von Donald Trump und Greta Thunberg?

Die Herausforderung war umso grösser, als die Antipoden zu keinem Zeitpunkt gemeinsam auf einer Bühne standen. Also wurde die schwedische Klimaaktivistin regelrecht von den Fotografen umringt, als sie bei Trumps Eröffnungsrede am Dienstag im Publikum der grossen Halle auftauchte.

Beide Personen stehen nicht nur für eine unterschiedliche Weltanschauung, sondern auch für verschiedene Wirtschaftsphilosophien. Beide spalten die Gesellschaft wie kaum ein anderes Personenpaar auf dem Planeten. Das gilt inzwischen nicht mehr nur für Staatsbürger, sondern auch für Anleger.

Auch Sparer sehen sich gezwungen, eine Entscheidung zu treffen: Sympathisieren sie mit der Umweltaktivistin Greta oder mit der Weltsicht von Donald Trump? Er hält den Klimawandel nicht für so schwerwiegend, als dass sich das gesamte Tun darum drehen sollte.

Je besser die Bewertung, desto Greta-affiner

Der Politiker agiert nach dem Motto: Wenn es eine Erderwärmung gibt, dann ist sie nicht so gravierend, dass darauf mit Alarmismus reagiert werden müsste. Vielmehr könne die Menschheit darauf vertrauen, dass der technische Fortschritt alle Probleme lösen wird. Trumps Finanzminister Steven Mnuchin sekundierte, Klimaangst dürfe die Menschen nicht davon abhalten, ihr Leben zu leben.

Thunberg hingegen fordert, dass die Menschheit handelt – und zwar sofort: Staaten, Firmen und Investoren sollen umgehend sämtliche Aktivitäten beenden, die Klimagase produzieren. In der Folge würden Unternehmen und damit deren Aktien wertlos, die ihre Geschäfte heute auf der Basis von fossilen Brennstoffen betreiben.

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Wer also Greta-Anhänger ist, muss sein Portfolio komplett umkrempeln und alle Papiere auf den Prüfstand stellen. Anlagestrategen haben bereits die 3R-Formel entwickelt. Gekauft oder gehalten werden dürfen nur noch Papiere von Firmen, die keine schädlichen Klimagase ausstossen oder die CO2-Emission zumindest nennenswert reduzieren (Reduce), die Güter wieder verwenden (Reuse) oder Rohstoffe wiederverwerten (Recycle). Aus dieser 3R-Formel lässt sich ableiten, welche Aktien Greta mit einiger Wahrscheinlichkeit kaufen würde.

WELT hat das globale Aktienuniversum einem quantitativen und einem qualitativen Filter unterworfen. Die Basis liefern die ESG-Ratings von Researchhäusern. Das Kürzel ESG steht für die englischen Wörter Environment, Social und Governance, also Rücksicht auf Umwelt und Soziales sowie gute Unternehmensführung.

Die Analysten bewerten dabei, wie die Firmen auf den drei Gebieten agieren, und vergeben Punkte: Je besser die Bewertung, desto Greta-affiner dürfte das Unternehmen sein, vor allem dann, wenn der Umwelt- und Klimaaspekt – also die Komponente E – ausgezeichnet ist.

Zwölf Aktien für eine bessere Welt

Diese Aktien würde Greta kaufen. Mehr hier.

Einen guten ESG-Score können jedoch auch Aktien erzielen, die Greta aus anderen Gründen ablehnen würde. So weisen auch manche Fluggesellschaften gute Werte auf, da sie im Branchenvergleich passabel abschneiden. Deshalb ist eine qualitative Ergänzung unerlässlich.

Erste Kandidaten für das Greta-Portfolio sind natürlich Anbieter alternativer Energien, etwa der Windturbinenhersteller Vestas, der Windparkbetreiber PNE oder der grüne Versorger EDP RenováveisMicrosoft taucht deshalb in der Greta-Liste auf, weil der weltgrösste Softwarekonzern angekündigt hat, sämtliche Emissionen seiner Unternehmensgeschichte wieder rückgängig zu machen.

Glücksspiel, Tabak und Alkohol

Netflix wiederum besticht durch eine ausgesprochen gute ESG-Note. Die Videoplattform legt grossen Wert auf Artenvielfalt und Nachhaltigkeit, wenn es um die Auswahl von Filmen und Dokumentationen geht. BlackRock wiederum, mit einer Anlagesumme von knapp sieben Billionen Dollar grösster Vermögensverwalter der Welt, übt dank seiner Anteile an fast allen nennenswerten Konzernen enormen Einfluss auf die Unternehmenslandschaft aus.

Unlängst hat BlackRock-Chef Larry Fink angekündigt, in den kommenden Jahren aus Beteiligungen an Firmen auszusteigen, die den Klimawandel vorantreiben. Er hat gewissermassen Greta-Prinzipien in seine Strategie übernommen. Wenn Investoren wie Fink viel Geld abziehen, wird es für die Firmen teurer, sich Kapital zu beschaffen. Und das könnte automatisch die klimaschädlichen Unternehmen aus dem Markt verdrängen.

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Trump-Fans müssen eigentlich keine aufwendige Analyse veranstalten. Sie kaufen einfach den breiten Markt über einen Indexfonds. Die Unternehmen aus den Vereinigten Staaten dominieren ohnehin die globalen Marktbarometer, so sind im Weltaktienindex MSCI World, der auch vielen Indexfonds zugrunde liegt, mehr als 60 Prozent US-Titel.

Wer sich selber eher auf Trumps Seite sieht und keine Dringlichkeit in Sachen Klimaschutz erkennt, könnte sogar Chancen darin sehen, dass bestimmte Aktien an der Börse derzeit nicht gefragt sind. Manches, was die Gretas dieser Welt für unmoralisch und schädlich halten, entspricht dem Bedürfnis vieler Menschen, in Wohlstand und Sicherheit zu leben.

Und auch Glücksspiel, Tabak, Alkohol und die Ästhetik der Geschwindigkeit sind Teil des menschlichen Daseins. Viele Aktien finden sich im sogenannten Laster-Portfolio, auch Vice-Index genannt. Auffällig ist: Seit Greta ihren Siegeszug angetreten hat, ist der Vice-Index schlechter gelaufen als der Gesamtmarkt. Zahlreiche grosse Investoren haben ihr Anlageverhalten bereits angepasst. Doch möglicherweise stellt sich die Umschichtung als übertrieben heraus.

Öl und Gas aus den USA

Im Vice-Index finden sich selbstverständlich Rüstungswerte wie General DynamicsLockheed Martin und Raytheon. Schliesslich will die freie Welt verteidigt werden. Vertreten sind auch der Zigarettenhersteller Philip Morris (bekannt durch weltweite Marken wie Marlboro), der Alkoholproduzent Constellation Brands sowie die Glücksspielbetreiber Las Vegas Sands und Galaxy Entertainment.

Ebenfalls mit von der Partie ist die Traditionsfirma Ford, die als Verkäufer besonders vieler Pick-ups den Ruf hat, einer der schmutzigsten Autohersteller überhaupt zu sein. Auf keinen Fall fehlen dürfen aus Sicht des Trump-Investors amerikanische Ölwerte.

In Davos warb der US-Präsident für sein Land, das für „saubere Kohle“ stehe und nunmehr der grösste Energieproduzent der Welt sei. Öl und Gas aus den USA repräsentieren zum Beispiel Apache, ConocoPhillips und Hess Corporation. Gerade Letztere haben an der Börse derzeit einen schweren Stand, die meisten notieren gegen den allgemeinen Trend im Minus.

Seit Jahresbeginn hat das Greta-Portfolio die Trump-Aktien abgehängt. Damit ist die Performance an der Börse nicht anders als die Stimmung in Davos.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: Greta vs. Trump - wessen Aktien besser laufen