Zehn Reisetrends für die neue Ära: Wir alle haben gelinde gesagt intensive Wochen hinter uns. Und die möchten wir jetzt auch definitiv hinter uns lassen und uns auf das freuen, was kommt. Die Reisetrends, die sich für die kommenden Monate abzeichnen, stimmen sonnig.

Lenkerhof

«Die Erwartungshaltung der Gäste ist sehr konträr», sagt Jan Stiller, Gastgeber im «Lenkerhof» im Simmental.

Quelle: ZVG

▶︎ Ein Gefühl von Sicherheit

Was Corona angeht, ist die Schweiz derzeit das sicherste Land. Dieses Zeugnis hat eine internationale Studie unserem Land ausgestellt. Über die Ausbreitung des Virus sagt dies wenig aus, doch sind wir Weltmeister darin, die Bedenken bei in- und ausländischen Ferienreisenden auszuräumen und das Vertrauen in die landeseigene Umsetzung der Schutzmassnahmen zu stärken. Schaut man sich in heimischen Hotels und Restaurants um, erstaunt jedoch, wie unterschiedlich die Schutzkonzepte im betrieblichen Alltag daherkommen.

Manche gehen nicht über die Empfehlungen des BAG hinaus, andere haben riesige Sitz­abstände in Restaurants und Maskenpflicht für ­Küchenmitarbeitende. «Die Erwartungshaltung der Gäste ist sehr konträr», sagt Jan Stiller, Gastgeber im «Lenkerhof» im Simmental. Er folgt dem goldenen ­Mittelweg und macht damit gegenwärtig ­sicher vieles richtig. Dra­konisch sind die Covid-19-Schutzvorschriften in deutschen Hotels: Masken müssen hier in allen öffentlichen Räumen von allen getragen werden, ausgenommen von den sitzenden Gästen am Restauranttisch. In ­Österreich fiel die Maskenpflicht für Gastgewerbe-Mitarbeitende per 1. Juli.

Sent

Das authentisch gebliebene Alpendorf Sent im Unterengadin ist für viele plötzlich spannender als Ferien auf einer Partyinsel.

Quelle: Andrea Michael Badrutt
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▶︎ Die Nähe gewinnt

Heimische Ferienhotels sind nun begehrt. Familiengeführte Häuser wie das «Bellevue Parkhotel» in Adelboden sind praktisch den ­ganzen Sommer über ausverkauft. «Zum ersten Mal profitieren die Berggebiete von einer Krise», sagt Gastgeberin Franziska Richard. «Das ist eine Riesenchance, Herr und Frau Schweizer längerfristig für Sommerferien im eigenen Land zu begeistern.» Selbst das «Victoria-­Jungfrau» in Interlaken, das bisher stark von internationalen Gästen abhing, war zumindest an allen Juni-Wochenenden besetzt, auch im Spa und in den Restaurants. «Wir wurden von diesem Erfolg überrascht», sagt Hoteldirektor Peter Kämpfer. «Ganz offensichtlich wollen sich die Leute nach dem Lockdown wieder etwas gönnen und schätzen es, in eine andere Welt ganz in ihrer Nähe eintauchen zu können.»

Zwar nimmt auch das Interesse an Badeferien am Mittelmeer an Fahrt auf, doch die grosse Reisewelle in den Süden blieb ­bisher aus. Beliebt sind Ziele, die sich bequem mit dem Auto oder ­öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen lassen. Das authentisch gebliebene Unterengadiner Alpendorf Sent ist für viele Schweizer plötzlich cooler als das feierfreudige Bodrum – und das unaufgeregte Tessiner Dorf Carona über dem Luganersee ist für manche Reisenden nun die erste Wahl fürs sommerliche Dolce Vita.

Zirmenhof

Praktisch Touristenleer: Zirmenhof im Südtirol.

Quelle: zVg

▶︎ Weltentrückte Zufluchten

Serviceperfektion, Gourmetküche, markige Pflegeprodukte im Bad? Viele Reisende winken da heute ab. Sie suchen nach ganz anderen Qualitäten in einem Hotel: weg von allem sein und in die Weite blicken, dem digitalen Alltag und den Menschenballungen entkommen und entspannte Tage in urtümlicher Natur erleben. Ferien in hochwillkommener Abgeschiedenheit sind heute der grösste Luxus und ermöglichen das ultimative Social Distancing. Dem Wunsch, sich vor der gewöhnlichen Welt an einem Ort mit viel Raum und Privatsphäre zu verschanzen, kommen friedvolle, von absoluter Stille umgebene Zufluchten wie die «Villa Honegg» hoch über dem Vierwaldstättersee oder die «Villa Sostaga» am Gardasee entgegen.

Auch in un­prätentiösen, naturnahen Refugien wie dem «Chetzeron» ob Crans-­Montana, der «Halde» im Schwarzwald oder dem «Zirmerhof» in Südtirols Süden gehört die Absenz von touristischem Trubel zum Standard. Eine exorbitante Alleinlage und die Bemühung, die Uhr für die Gäste zu entschleunigen, waren schon immer in der DNS des Maiensässhotels «Guarda Val» ob Lenzerheide enthalten – nun ­kommen diese Qualitäten noch mehr zur Geltung.

Silver Island Yoga Retreat

Silver Island Yoga Retreat: Yoga auf einer Privatinsel in Griechenland.

Quelle: Silver Island Yoga Retreat
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▶︎ Slow Travel

In den letzten Jahren gab es viel «Fast Travel». Diese Haltung hat sich mit Corona ins Gegenteil verkehrt. Viele Menschen möchten weniger rastlos unterwegs sein. Plötzlich schätzen wir nichts so sehr wie die Langsamkeit und erkennen, dass wir einen Teil des Lockdown-­Spirits durchaus gewinnbringend ins weitere Leben integrieren könnten: Zeit zu haben für die kleinen Dinge im Leben, wirkt ja überaus entschleunigend. Alles hinter sich zu lassen, war immer schon eine Hauptmotivation des Reisens. Doch nie wurde es so stark als befreiende Flucht vor dem Alltag verstanden wie heute. In einer Zeit des Zweifelns macht uns nichts glücklicher als ein Gefühl der Versunkenheit, des Sichverlierens in dem, was uns umgibt. Und wir wollen länger an einem Ort verweilen statt gleich wieder zum nächsten aufzubrechen. So sind Orte beliebt, wo man seine Gedanken ordnen, die Welt um sich herum und sich selbst wieder spüren und hören kann.

Ein weiser buddhistischer Mönch hat es mal so beschrieben: «Je mehr Raum man um sich hat, desto mehr Raum entdeckt man in sich selbst. Je leerer dieser Raum ist, desto mehr kann man anderen ­geben.»

«Je mehr Raum man um sich hat, desto mehr Raum entdeckt man in sich selbst. Je leerer dieser Raum ist, desto mehr kann man anderen ­geben.»

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Frei von Touristen: Die Luzerner haben ihre Altstadt wieder zurück.

Quelle: Christof Sonderegger
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▶︎ Das Ende des Übertourismus

Die europäischen Metropolen erwachen langsam, aber sicher wieder aus dem Dornröschenschlaf. Da die bekanntesten unter ihnen in der Vor-Corona-Zeit rund die Hälfte ihrer Besucherinnen und Besucher aus Übersee verzeichneten, sind sie für uns Europäer nun vorerst vom nervigen Übertourismus befreit und lassen sich seit der grossen Lockerung ganz schwerelos und ohne ständiges Schlangestehen erleben. Das ­Kolosseum in Rom ohne asiatische Reisegruppen, die Akropolis in Athen ohne Amerikaner, das Van-Gogh-Museum in Amsterdam ohne Horden von Selfie-Jüngern sind für Grossstadtnomaden eine echte ­Verheissung. Auch Luzern gehört wieder den Bewohnerinnen und Bewohnern, die ihre verkaufte Altstadt gerade wieder lieben lernen – und doch sehnlichst erwarten, dass der Irrsinn wieder anfängt.

Auch die namhaften Ferienziele sind derzeit anders, leerer, gelassener als gewohnt. Mallorca hat so wenige Gäste wie vor dreissig Jahren und der Buchungsstand an der Côte d’Azur oder auf den griechischen Inseln liegt deutlich unter den Vorjahren. «Der Massentourismus lief ohne ­Frage an einigen Orten sehr aus dem Ruder», bemerkte der englisch-­italienische Hotelunternehmer Sir Rocco Forte jüngst in einem Interview mit der «Welt». «Das hat nicht nur vielen die Reisefreude genommen, sondern auch High-End-­Reisende vertrieben, die mit ihrem Geld die Wirtschaft vieler Städte ankurbeln.»

Sir Rocco ergänzte hierzu: «Niemand, wirklich niemand will Massenaufläufe wie an der Ponte ­Vecchio in Florenz, wo die Leute dann nur eine Postkarte kaufen, oder die vielen Busse, die sich durch die schmalen Gassen malerischer Orte quetschen, bis es quietscht. Jetzt wird sich zeigen, wie sich künftig auch das Reiseverhalten entwickeln wird.»

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Whitepod Hotel Rhonetal

Das Whitepod Eco-Luxury Hotel zeigt auf, was «grün» heute bedeuten kann.

Quelle: ZVG

▶︎ Mit gutem Gewissen unterwegs

Zum neuen Werteverständnis im Tourismus gehören starke Signale in Sachen Nachhaltigkeit. Viele Reisende legen heute Wert darauf, mit bestem Gewissen zu verreisen und im Hotel oder Restaurant nicht nur auf ein einzigartiges Gesamterlebnis zählen zu können, sondern auch auf eine mustergültige Ökobilanz. Wir alle wollen nicht mehr über umweltkritische Dinge hinwegsehen und sind sensibler dafür geworden, wo wir unser Geld ausgeben. Wir wünschen uns eine Art von emotionaler Verbindung zu den Orten, die wir besuchen, zu den Teams, die uns betreuen, und zu den Werten, die diese Orte ver­körpern. Und wir hoffen, dass wir die Solidarität, die wir in den vergangenen dreieinhalb Monaten gelebt haben, auch weiter mit uns tragen.

Durchschnittliche Angebote, die business as usual verkörpern oder gar auf Kosten der Natur gehen, bringen es heute einfach nicht mehr. Orte, die so engagiert wie lustvoll aufzeigen, was «grün» heute bedeuten kann, sind das «Whitepod Eco-Luxury ­Hotel» im Rhonetal oder das «Hotel Valsana» in Arosa. Restaurants wie das «Regina Montium» im «Kräuterhotel Edelweiss» auf der Rigi begeistern mit einer streng regionalen «Farm to table»-Küche mit minimalem Food-­Waste und handverlesenen Produktlieferanten aus der unmittelbaren Umgebung. Und die «Neue Taverne» in der Zürcher Altstadt hebt die Gemüseküche auf ein neues Niveau – mit Gerichten wie Kaviar vom Felde mit Blinis oder Planted Chicken Yakitori. Was wie echte Fischeier aussieht und schmeckt, sind Besenkrautsamen – und die vermeintlichen Hühnerspiesse sind ebenfalls pflanzlich. Unter dem Motto «Vegetarisch mit Benefits» wird hier jedoch nicht dogmatisch gekocht, weshalb auch mal ein Schuss Fisch- oder ­Geflügeljus sein darf.

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Die Gärten von Schloss Trauttmansdorff, Meran.

Quelle: Seppi Toni

▶︎ Multigenerations-Ferien

Die Familie erlebt derzeit eine Renaissance, auch in den Ferien. Qua­lity Time mit Kindern, Eltern, Grosseltern oder Geschwistern gleich­zeitig zu verbringen und die gemeinsame Zeit mit unvergesslichen Erlebnissen und bleibenden Erinnerungen zu füllen, gewinnt für immer mehr Familien an Attraktivität – so stellen es Tourismusexpertinnen, Hoteliers und Ferienhausanbieterinnen fest. Die Sippe als Zweckgemeinschaft – oder auch als privater Generationenpakt in schwierigen Zeiten. So können die gemeinsamen Ferien die Reisekasse einer finanziell weniger gut dastehenden Generation entlasten, seien es die Grosseltern, die von ihrer beruflich erfolgreichen Tochter eingeladen werden, oder die mittellose Jungfamilie, deren Hotelaufenthalt von Opa bezahlt wird. «Das Wichtigste bei generationenübergreifenden Ferien ist es, die gegenseitigen Erwartungen schon vor den Ferien ­abzuklären», rät die Zürcher Paar- und Familientherapeutin Andrea Kager.

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Jeder soll offen und ehrlich seine Vorstellungen der gemein­samen Reise kundtun und dabei sagen können, worauf er besonderen Wert legt, wie er sich die Ferien vorstellt und wohin er am liebsten ­reisen würde. Damit wissen alle, woran sie sind.

Gordevio im Tessin: einer der über 24 Camping-Plätze des TCS.

▶︎ Die neue Genügsamkeit

«Weniger ist mehr», lautet das Motto. Denn oft ist das Ferienbudget geschrumpft – und in Krisenzeiten wächst das Bedürfnis nach Einfachheit. «Die Menschen wenden sich vermehrt den primären Grundlagen zu, gerade wenn die Welt um sie herum düster und die wirtschaft­lichen Aussichten trüber werden», sagt Tourismus-Professor Prashant Das im Magazin «Hotelier». Der TCS, der über 24 Campingplätze verfügt, verzeichnet Buchungsrekorde. Fehlende ausländische Reisende können durch Schweizer Gäste ersetzt werden. Manche TCS-Plätze warten mit neuen Attraktionen auf: In Gordevio am Maggia-Ufer lockt die Möglichkeit zum Glamping ohne eigene Ausrüstung – glamouröses Campen in Iglu-ähnlichen Holzhütten für bis zu vier Personen. Auch Jugendherbergen blicken einem starken Sommer entgegen: Am 13. Juni hat der neuste Ableger auf Schloss Burgdorf eröffnet, wo in 800-jährigen Mauern ein Stück Schweizer Geschichte erlebbar wird. Manche Ferienhotels, wie das «Giardino Mountain» im Engadin, konzentrieren sich auf ihre grundlegenden Funktionen und Angebote. Damit werden Betriebskosten gespart, was den Gästen zugutekommt.

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Die Stiftung Ferien im Baudenkmal bietet einmalige Wohnerlebnisse wie hier im Plantanahaus in Malans.

Quelle: NAKARIN_SAISORN

▶︎ Zuhause auf Zeit

Waren Ferienwohnungen und -häuser schon vor Corona gut auf Kurs, melden Anbieter wie Interhome oder E-Domizil selbst für die normalerweise schwächeren Monate wie Juni und September einen Nachfrageschub. Ein mietbares Zuhause für ein, zwei Wochen bedeutet Freiheit, Flexibilität und Platz – und ist oftmals günstiger als ein Hotel mit vergleichbaren Komfortstandards. Wer auf Nummer ­sicher gehen will, bucht bei spezialisierten Anbietern, die auf ein handverlesenes Sortiment fokussieren und punktgenau die indivi­duell passenden Empfehlungen geben können. So bietet die Stiftung Ferien im Baudenkmal einmalige Wohnerlebnisse in alten Gutshöfen, Villen und Patrizierhäusern in der Schweiz – neuster Zugang ist das «Plantahaus» in Malans.

Das Non-Profit-Unternehmen Living ­Architecture setzt auf moderne Ferienhäuser in der Idylle englischer Landschaften. Der Spezialist The Thinking Traveller vermittelt fabelhafte Ferienvillen in Sizilien, Apulien, Korsika und auf den kleinen italienischen Inseln. Ein Netzwerk für aussergewöhnliche Ferienhäuser ist zudem das Portal Urlaubsarchitektur.de, zu dessen Perlen in der Schweiz die «Chesa Plattner» in Pontresina und das 300-jährige Chalet «Im Spycher» am Bürgenstock zählen.

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Venedig_Canal_Grande

Touristenleer: Die wohl beste Zeit, um Venedig zu besuchen.

Quelle: zVg

▶︎ Tiefere Preise, maximale Flexibilität

Die beste Zeit, um nach Venedig, Paris oder Capri zu reisen, ist jetzt. Zum einen, weil Amerikaner, Russen und die Touristen aus Fernost noch nicht da sind. Zum andern, weil insbesondere die Luxushotels in den Städten – aber auch an notorisch überteuerten Ferienorten wie St. Moritz, Porto-Vecchio oder Mykonos – ihre Zimmerpreise in diesem Sommer deutlich senken oder zumindest Upgrades oder kostenlose Zusatznächte anbieten. Zudem wird für Last-Minute-­Stornierungen oftmals nichts in Rechnung gestellt, auch wenn in ­Ferienhotels heute typischerweise eine Annullationsfrist von sieben Tagen besteht. Die Schlacht um Prozente hielt sich nach dem Restart zwar im Rahmen, doch angesichts der sehr ungewissen touris­tischen Entwicklung im Herbst und Winter rutschen die Preise auch auf weitere Sicht eher nach unten als nach oben.

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