Es gibt wenige Persönlichkeiten, die sich sowohl in Unternehmen als auch an der Universität stets wohl fühlen und in beiden Welten vollwertig akzeptiert und gehört werden. Hugo Tschirky war eine von ihnen.

Das ist sicher auch der Zeit zu verdanken, in der er sein Studium als Maschineningenieur an der ETH Zürich mit einem Doktorat abschloss. Der Zeitgeist in den letzten Jahrzenten des 20. Jahrhunderts hiess nämlich Kompetenzen in beiden Welten willkommen anstatt sie im Sinne des Entweder-oder lediglich zu dulden.

So konnte Hugo Tschirky innerhalb von gut 10 Jahren bedeutende Führungspositionen in der Wirtschaft wahrnehmen und gleichzeitig seine akademische Qualifikation ausbauen, um schliesslich 1982 als ordentlicher Professor für Betriebswissenschaften an seine Heimatuniversität, die ETH Zürich, berufen zu werden.

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Verbindung von akademischen Welten und der Praxis

Hugo Tschirky hat die Verbindung der beiden Welten weiterhin und konsequent gesucht. Es war seine Überzeugung, dass akademisches Wissen ohne ihre praktische Anwendung letztlich von keinem Nutzen ist. Dies kam in der von ihm geprägten langjährigen Vision des Betriebswissenschaftlichen Instituts BWI während Jahrzehnten zum Ausdruck: «Through teaching and research, we strive towards qualitative improvement of the use of work and technology. To this end, we endeavor to promote the sociotechnical design of work, the development and utilization of product and process technologies that are beneficial to both businesses and society, and ethically responsible management of businesses and enterprises – and thus, to exert influence on social values and social change.»

Zu Deutsch in etwa: «Wir wollen durch Lehre und Forschung einen wertvermehrenden Einsatz von Arbeit und Technologie bewirken. Zu diesem Zweck wollen wir auf die unternehmerisch und gesellschaftlich nützliche Entwicklung und Nutzung von Produkt- und Prozesstechnologien und auf die ethisch verantwortete Führung von Betrieben, Unternehmen und Organisationen der Öffentlichkeit Einfluss nehmen.»

Werke für Berufsleute

Eine solche Position war und ist schwierig zu vertreten und noch schwieriger umzusetzen, im Vergleich zur rein akademischen Position oder zur rein unternehmerischen Position. Ein echter Brückenbauer – das war Hugo Tschirky’s Meinung – muss das Gebiet, das er beforscht oder worüber er lehrt, zuerst selber kennen und wenn immer möglich auch können.

Im Forschungs- und Lehrgebiet des Managements hiess das für ihn einerseits, gerne und erfolgreich In Verwaltungsräten zu wirken, auch (und gerade auch) als ihr Präsident – wenn nötig auch gegen Missgunst in beiden Welten. Andererseits hiess es für ihn, Bücher und Artikel nicht wegen erhoffter Zitationen durch Akademiker zu verfassen, sondern solche, die von Berufsleuten gerne gelesen werden. Einige dieser Werke wurden u.a. auch ins Japanische übersetzt.

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Begeisterung für Japan

Japan und seine Kultur haben Hugo Tschirky zunehmend begeistert – im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist quasi darin aufgegangen, so wie es einem 50+ jährigen Westeuropäer überhaupt noch möglich ist. So unterhielt er zahlreiche Kooperationen mit japanischen Unternehmen und Universitäten, mit denen er wiederum Studierenden der ETH als ihre Start-Plattform dienen konnte.

Der Begriff «dienen» ist hier bewusst gewählt. Denn die in ihrer Kultur begründete ausgeprägte Dienstleistungsbereitschaft der Japaner sowohl im Allgemeinen als auch im Berufsleben hat Hugo Tschirky tief berührt. Die damit verbundene Demut und Bescheidenheit haben der anspruchsvollen, im ersten Moment vielleicht sogar etwas hochtönenden Vision (siehe oben) ein wertvolles Komplement gegeben.

Es versteht sich von selbst, dass viele gar nicht bemerkt haben, dass Hugo Tschirky seit 2004 kein Angehöriger der ETH mehr war, so wie das allzu viele Instanzen der ETH gegenüber ihren (systembedingten) Emeritierten betonen. Kollegen haben, soweit dies möglich war, für eine Milderung der mit diesem Status verbundenen unliebsamen Folgen sorgen können, um ihm die kontinuierliche Aktivität zu erlauben.

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Hugo Tschirky hat dies mit seiner beinahe schon japanischen Art gedankt: Sein Büro (manchmal auch nur ein Arbeitsplatz) war weit überdurchschnittlich besetzt und dann immer offen und betont zugänglich. So manche junge Forscherinnen und Forscher haben sich – en passant – darin «verirrt» und sind mit einem wesentlich erweiterten Horizont wieder an ihren eigenen Arbeitsplatz gegangen. Und auch Hugo Tschirky selbst hat sich so von den Themen und Ideen der jüngeren Generation beeinflussen lassen.

Am 10. Oktober 2020 ist Hugo Tschirky an den Folgen einer Herzoperation unerwartet und viel zu früh verstorben.