Warum wollen wir überhaupt eigene Kinder? Und wie rechtfertigt man, dass man keinen Nachwuchs will? Zwei Schweizerinnen, die Philosophin Barbara Bleisch und die Rechtswissenschaftlerin Andrea Büchler, haben die Kinderfrage ergründet. Im Gespräch erklären sie, wieso Kinder zu bekommen heute eine Entscheidung und keine Frage des Schicksals mehr ist.

Wieso haben Sie Ihr Buch «Kinder wollen»genannt?
Andrea Büchler: Kinder zu bekommen ist heute meist eine Entscheidung und nicht mehr eine Frage des Schicksals. Das bedeutet, dass man sich mit den Möglichkeiten, die sich uns bieten, auseinandersetzt und auseinandersetzen muss. Es gibt eine ganze Reihe von Optionen, zu denen wir uns irgendwie verhalten müssen, weswegen die Entscheidung eher einem Wollen entspricht.

Barbara Bleisch: Die Frage «Willst du eigentlich Kinder?» ist ja fast schon so etwas wie die Gretchenfrage in Beziehungen geworden. Ob man eine Familie gründen möchte oder lieber kinderfrei bleibt, ist heute oft eine Wahl, die bewusst getroffen wird. Entsprechend kann die Frage Paare näher zusammenbringen, aber auch spalten. In den Generationen vor uns war das nicht so, nicht nur wegen der nicht vorhandenen Verhütungsmöglichkeiten.

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Sie sagen bewusst «kinderfrei» und nicht «kinderlos».
Bleisch: Jene, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, bevorzugen manchmal den Ausdruck kinderfrei, um deutlich zu machen, dass das eben kein Mangel sein muss. Insbesondere Frauen wird immer noch oft mit diesem bedauernden Unterton die Frage gestellt, warum sie keine Kinder hätten, als müssten sich Frauen ohne Kinder rechtfertigen.

Büchler: Männer werden viel weniger häufig mit der «Kinderfrage» konfrontiert als Frauen. Dies lässt sich historisch einordnen. Die Idee der «Mutterliebe» und des Mutterinstinkts sind ein Produkt der Moderne. Indem das emotionale Band zwischen Müttern und ihren Kindern so stark betont wurde, wurde auch die Sorge um die Kinder zur natürlichen Fähigkeit der Frau erklärt. Die Frau wurde auf die Kindererziehung reduziert und damit ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit gerechtfertigt. Diese Ideen sind immer noch wirkmächtig.

«Weil wir aber gerne alles im Leben kontrollieren und insgesamt eine risikoaverse Gesellschaft geworden sind, scheinen Kinder gar nicht mehr so recht in diese Zeit zu passen.»

Barbara Bleisch, Philosophin, Ethikerin und Moderatorin

Interessant fand ich die Aussage in Ihrem Buch, Kinder würden in gewisser Weise nicht in unsere Zeit und unsere Gesellschaft passen.
Bleisch: Kinder passen natürlich immer! Worauf Sie anspielen, ist unsere Idee, dass Kinder eine Art Gegenprogramm zu unserer sicherheitsliebenden Gesellschaft darstellen. Wir wissen nicht, worauf wir uns einlassen: weder, wer da zu uns stossen wird, noch wie wir selbst als Väter oder Mütter sein werden und ob wir der Rolle gewachsen sind. Weil wir aber gerne alles im Leben kontrollieren und insgesamt eine risikoaverse Gesellschaft geworden sind, scheinen Kinder gar nicht mehr so recht in diese Zeit zu passen. Kinder zu bekommen ist ganz schön abenteuerlich.

Weil sie Chaos und Anarchie ins schön geplante Leben bringen können?
Büchler: Andererseits: Bringt die Entscheidung für Kinder nicht auch das Gegenteil in unser Leben, nämlich Stabilität und Orientierung? Tritt ein Kind in unser Leben, ist für einige Jahre die Frage geklärt, welche Aufgaben man hat. In gewisser Weise ist es zwar ein Risiko und ein Abenteuer, es kann aber gleichzeitig Ruhe und Beständigkeit bedeuten.

Es gibt keine vergleichbare existenzielle Lebensentscheidung: Man weiss nicht, ob man sich für Chaos oder Sicherheit entscheidet.
Bleisch: Es gibt noch weitere Unterschiede zu anderen Lebensentscheidungen: Ein Haus kann man wieder verkaufen, ein Kind kann man – aus guten Gründen – nicht zurückgeben. Oder denken wir ans Auswandern: eine grosse Entscheidung; sie lässt sich aber rückgängig machen. Für ein Kind trägt man hingegen sehr lange Verantwortung, vielleicht für immer. Das hat natürlich sein Schönes, denn ein Kind kommt einem auch nicht mehr so leicht abhanden. Die Familienbindungen sind in gewisser Weise nicht kündbar.

Ein Kind verbindet auch länger als ein Ehering: Es ist die ultimative Bindung an jemanden.
Bleisch: Ich finde gut, dass Sie die ultimative Bindung an jemanden ansprechen, denn es wird oft nur betont, dass Kinder von ihren Eltern abhängig sind. Aber als Mutter und Vater macht man sich auch abhängig oder vielleicht genauer: verletzlich. Man riskiert, das Kind zu verlieren, gekränkt oder zurückgewiesen zu werden. Nahe Beziehungen sind ohne Verletzlichkeit nicht zu haben.

Sie zitieren in Ihrem Buch den Mediziner und Bioethiker Giovanni Maio: «Wir verkennen, dass aus dem biologisch bedingten Zeitdruck auch ein Wert entspringen kann, und das ist der Wert der Selbstreflexion.» Das gilt aber eigentlich nur für Frauen, oder?
Büchler: Maios Aussage steht im Zusammenhang mit dem «Social Egg Freezing». Heutzutage können Frauen vorsorgen, dass die Uhr nicht ganz so laut tickt. Sie können Eizellen entnehmen und einfrieren lassen. Die Eizellen können sie dann zu einem späteren Zeitpunkt nutzen – dann, wenn es stimmt. So gewinnt Frau etwas reproduktive Zeit. Viele Frauen erwägen Social Egg Freezing und schieben die Verwirklichung ihres Kinderwunsches auf, weil ihnen der Partner fehlt, der zur Vaterschaft bereit wäre. Social Egg Freezing geht aber auch mit medizinischen Risiken für die Frau einher.

Ist das nicht eine Scheinsicherheit? Man weiss ja nicht, ob man später einen Mann findet oder ob beim Befruchten und Einsetzen alles klappt.
Büchler: Sicherheit gibt es nie. Kinderwünsche haben immer etwas Unverfügbares.

Bleisch: Wir stellen im Kern die Frage nach der reproduktiven Autonomie. Freiheitsspielräume zu erweitern bedingt, dass wir nicht in neue Abhängigkeiten geraten, die uns letztlich unfreier machen als zuvor. Zuweilen wird befürchtet, Frauen könnten unter Druck geraten, wenn sie glauben, alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen zu müssen. Giovanni Maios Ansicht ist, dass jede Lebensphase ihre eigenen Fragen aufwirft und es geeignete Phasen für eine Familiengründung gibt. Mit Fragen abzuschliessen kann viel mit Lebensklugheit zu tun haben. Wir werden freier, Neues anzupacken, wenn wir alte Kapitel schliessen. Die Frage ist nur: Reicht das auch, um einander ein Verfahren wie das Einfrieren von Eizellen zu verbieten? Da sind wir skeptisch.

Liegt nicht aber darin auch die Überforderung vieler Frauen? Weil so viel über so einen verlängerten Zeitraum im Leben möglich ist dank In-Vitro und Egg Freezing?
Büchler: Die Freiheit, die wir bei der Verwirklichung unserer Kinderwünsche gewonnen haben, kann tatsächlich als Entscheidungslast empfunden werden. Und Entscheidungen gehen immer mit Verantwortung einher. Insbesondere diagnostische Möglichkeiten wie die Früherkennung von Trisomie 21 können auch mit einer eigentlichen Entscheidungsnot einhergehen. Weil das Kinderbekommen zu einem technologisch begleiteten Ablauf geworden ist, kommen wir nicht darum herum, Experten und Expertinnen zu vertrauen.

«Das ‹Natürliche› wird aber oft idealisiert. Dabei haben wir schon immer versucht, die Natur, dort, wo sie Gefahren birgt, zu überwinden.»

Andrea Büchler, Professorin und Ethikerin

Braucht man Vertrauen in das Schicksal?
Büchler: Was würde dies heissen? Eine Art Vertrauen, dass schon alles gut komme? Ich würde dann eher von Hoffnung sprechen, und sicher: Die braucht man als Eltern gewiss. Denn vieles wird sich nie kontrollieren lassen. Gerade weil sich viele Fragen nicht rational beantworten lassen, betonen viele Paare immer noch gern, dass sich ein Kind ungeplant angekündigt hat. Man setzt die Pille ab, um «einfach mal zu schauen». Das «Natürliche» wird aber oft idealisiert. Dabei haben wir schon immer versucht, die Natur, dort, wo sie Gefahren birgt, zu überwinden. Zum Beispiel haben Eingriffe wie der Kaiserschnitt schon so manches Leben gerettet.

Bleisch: Dennoch muss der Kinderwunsch mit einer Haltung der Demut verbunden sein, weil vieles unverfügbar bleibt. Und um noch einmal zur Hoffnung zurückzukommen: Hannah Arendt betonte, dass in jeder Geburt die Möglichkeit eines Neuanfangs liege. Deshalb war für sie die Botschaft des Weihnachtsoratoriums «Uns ist ein Kindlein geboren» der ultimative Hoffnungsgedanke. Weil wir «zum Neuanfang begabt» sind, dürfen wir auch mit «politischen Wundern» rechnen, sagt sie. Denken wir an Greta Thunberg: Hätten deren Eltern entschieden, kein Kind zu bekommen, würde es vielleicht die Klimaschutzbewegung nicht geben. Kinder zu bekommen, kann in diesem Sinn auch ein Ausdruck von Hoffnung sein.

Gerade erschien allerdings eine Studie der Partnervermittlung ElitePartner, nach der jedes vierte Paar überlegt, aus Klimaschutzgründen kein Kind in die Welt zu setzen.
Büchler: In die Entscheidungsfindung von Frauen und Paaren können durchaus auch Überlegungen zum Klima einfliessen. Reproduktive Autonomie ist aber ein Menschenrecht und in vielen Rechtstexten verbrieft. Im Kern bedeutet reproduktive Autonomie die Freiheit von Fremdbestimmung: Wir können weder gezwungen werden, ein Kind auszutragen, noch daran gehindert werden, eines zu bekommen. Auch wenn moralische Erwägungen, die das Klima betreffen, wichtig sein können: Die Ausübung der reproduktiven Autonomie können wir nicht verbieten.

Die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti schrieb in ihrem Buch «Mutterschaft»: «Wenn ich Kinder wollen würde, dann hätte ich doch längst welche.» Woher weiss man, dass man kein Kind will?
Bleisch: Eine interessante Frage! Man könnte ja auch fragen: Wie kann ich wissen, dass ich keinen Marathon rennen will? Vielleicht, weil sich zum Beispiel mir nicht einmal die Frage stellt. Aber die Kinderfrage steckt als Option immer schon in uns drin, vor allem, wenn wir in einer gemischtgeschlechtlichen Beziehung leben. Deswegen sprach ich eingangs von der Gretchenfrage. Interessanter finde ich Hetis Aussage, dass Frauen, die keine Kinder wollen, einen Plan B brauchen. Weil von ihnen erwartet wird, dass sie Kinder bekommen. Aber die wenigsten können sagen, warum sie Kinder wollten. Könnten sie es, wäre dies ein Stück weit sogar irritierend – als müsste das Kind einen bestimmten Zweck erfüllen.

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Für viele ist es der ultimative Sinn im Leben, oder?
Bleisch: Der Kinderwunsch ist wohl meist eher ein diffuses Gemenge aus Sehnsüchten, Selbstbildern und Lebensvorstellungen. Im Rückblick sagen viele, dass ihre Kinder ihrem Leben Sinn und Tiefe verliehen hätten. Aber niemand sollte Kinder bekommen, weil er eine Sinnkrise durchmacht. Gerade weil wir uns heute für oder gegen Kinder entscheiden, wird der eigene Nachwuchs zuweilen aber auch in einer Weise zelebriert, der irritieren kann.

Schwierig ist auch die Reue: wenn man nie wissen wird, wie es gewesen wäre, ein Kind zu haben.
Büchler: Aber umgekehrt ist das auch so: Entscheidet man sich für ein Kind, wird man auch nie wissen, wie das kinderfreie Leben verlaufen wäre.

Die Autorinnen

Die Philosophin Barbara Bleisch ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich und moderiert die Radio- und TV-Sendung «Sternstunde Philosophie». Sie ist Autorin des Buchs «Warum wir unseren Eltern nichts schulden».

Andrea Büchler ist Professorin an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich und forscht und lehrt zu Familien- und Medizinrecht. Sie ist Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin der Schweiz.

Gemeinsam haben Bleisch und Büchler das Buch «Kinder wollen» (Hanser Verlag) geschrieben.

Sie widmen sich auch der Frage der Eltern als Identifikationsfiguren. Zum einen werden gleichgeschlechtliche Paare gefragt, ob sie Bezugspersonen des anderen Geschlechts für ihre Kinder finden, dabei ist der Gedanke der Patenonkel und Patentanten gar nicht neu. Entlastet Eltern das sogar?
Bleisch: Der Schriftsteller Peter Weiss nannte Eltern die «Portalfiguren» unseres Lebens. Das stimmt sicher: Sie entlassen uns ins Leben und prägen uns für immer. Gleichzeitig kann man bei Immanuel Kant lesen, dass Eltern verpflichtet sind, ihre Kinder so früh wie möglich zur Mündigkeit zu befähigen und in die Freiheit als «Weltbürger» zu entlassen. Die Kindheit ist bei Kant eine Übergangsphase, in der das Kind eng an seine Eltern gebunden ist. Aber es gehört seinen Eltern nicht, und deshalb müssen sie ihm beibringen, ein autonomes Individuum zu werden und auch seinen Kreis an Bezugspersonen zu erweitern.

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Es gehört sich also selbst?
Bleisch: Sicher prägen Eltern ihre Kinder. Aber es hat ein Recht auf eine offene Zukunft. Das gilt mit Blick auf Erziehungsfragen genauso wie im Hinblick auf genetische Eingriffe, wenn es sie denn je geben sollte. Kein Kind darf auf einen abzuspulenden Parcours festgelegt werden.

Büchler: Man sorgt für das Kind, geht die erste Strecke des Lebens mit ihm, gibt ihm Werte mit, zeigt ihm Optionen auf, begleitet es bei seinen Entscheidungen – und die eigenen Pläne werden auch immer wieder von der Entwicklung der Kinder durchkreuzt. Hat sich ein Kinderwunsch erst einmal in unser Leben gedrängt, kann es eine unerträgliche Vorstellung sein, ihn wieder aufzugeben. Man ergreift dann alle erdenklichen Mittel, will nichts unversucht lassen. Und die vielen Möglichkeiten, die sich uns präsentieren, erhöhen auch im Sinn eines «Diktats der Fruchtbarkeit» den Druck auf Paare. Entscheidungen finden nie im luftleeren Raum statt, sondern in bestimmten Kontexten. Wir müssen unbedingt darauf achten, Bedingungen zu schaffen, die selbstbestimmte Entscheidungen ermöglichen.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel «Mit Kind wird man nie wissen, wie das kinderfreie Leben verlaufen wäre».