Die Meldung aus Mainz und New York kam am Vormittag – und elektrisierte sofort die Weltbörsen, die Devisenmärkte. aber auch die wissenschaftliche Fachwelt. Da meldeten die deutsche Forschungsfirma Biontech und der amerikanische Pharmariese Pfizer, dass ihr Impfstoff gegen Sars-Cov-2 eine 90-Prozent-Wirksamkeit gezeigt habe.

Oder anders: In einer grossen Studie trugen jene Menschen, welche geimpft worden waren, ein um 90 Prozent tieferes Risiko einer Covid-19-Erkrankung als die Personen der Placebo-Gruppe. Insgesamt 43'500 Testpersonen waren in einer weltweiten Studie beobachtet worden.

«Fast ein Best-Case-Szenario»

«Ich habe schon einige wirklich gute Dinge gesehen», sagte William Gruber, der Leiter der Impfstoffentwicklung bei Pfizer: «Aber das ist ausserordentlich». Und weiter: «Es ist ein gutes Zeichen dafür, dass wir die Epidemie in den Griff bekommen und aus dieser Lage herauskommen.»

Auch neutralere Stimmen äusserten sich enorm positiv: Die Daten seien «close to a best-case szenario», kommentiert das Fachmagazin «Statnews» in Boston. Anish Jha, der Dekan der School of Public Health der Brown University in Providence meinte: «Wenn diese Zahl (von 90%) wirklich hält, dann ist dass gross.» 

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«Liebe Welt. Wir haben einen Impfstoff», twitterte der bekannte Virologe Florian Krammer, Professor für Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai: «Die beste Nachricht seit Januar.» (eine Erklärung für seinen Enthusiasmus schob er später hier nach).

«Eindruck eines Wendepunkts»

Peter Horby, Professor für Infektionskrankheiten in Oxford, meinte gegenüber «Reuters»: «Natürlich benötigen wir noch mehr Details und warten auf die endgültigen Resultate; und es ist noch ein langer, langer Weg, bis die Impfungen einen wirklich Unterschied ausmachen. Aber auf mich macht es den Eindruck eines Wendepunkts.»

Eleanor Riley, Professorin für Immunologie an der Universität Edinburgh, sprach von ausserordentlich guten Nachricht – «auf den ersten Blick» – «ein Vakzin, das in der Unterdrückung von symptomatischen Covid-19-Fällen zu 90 Prozent wirksam ist und bei dem bis zum Jahresende Millionen Dosen verfügbar sein werden.» Allerdings, so Riley weiter, seien die Daten noch nicht vollends veröffentlicht, «und so wissen wir noch nicht genau, was gefunden wurde.»

Wo bleiben offene Fragen? Eher optimistisch kann man offenbar bei der Frage der Nebenwirkungen sein: Es kann zu gewissen örtlichen Schmerzen und zu Fieber kommen, aber laut William Gruber lässt sich das «side effect profile» mit anderen Impfungen für Erwachsene vergleichen. Noch ungeklärt ist ferner, ob der Impfstoff schwere Fälle verhindert oder – besonders wichtig – ob er in der Lage ist, asymptomatische Virusträger davon abzuhalten, andere Personen zu infizieren. Ebenfalls offen ist, wie lange die Wirkung anhält: Für ein Urteil darüber ist es schlicht noch zu früh. 

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USA und EU zuvorderst

Speziell heikel – und spannend – ist schliesslich die Frage der Verteilung. Pfizer meldet, man könne noch in diesem Jahr weltweit rund 50 Millionen Dosen produzieren, nächstes Jahr dürften es dann 1,3 Milliarden Impfungen sein. Wobei zu bedenken ist, dass jede Person zwei Impfungen benötigt, jeweils im Abstand von einem Monat.

Die EU und die USA stehen zuvorderst in der Warteschlange, beide haben sich mehrere hundert Millionen Dosen reserviert. Zur Belieferung von China wiederum ist Biontech einen Vertrag mit dem Pharmakonzern Shanghai Fosun eingegangen: Dieser wird das Reich der Mitte beliefern.

Die Schweiz wiederum – so der Eindruck an diesem Tag – hat auf das falsche Pferd gesetzt: Das BAG ging Lieferverträge mit der Oxford University (beziehungsweise deren Industriepartner AstraZeneca) sowie mit der US-Biotechfirma Moderna (beziehungsweise Industriepartner Lonza) ein.

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Allerdings wecken die Erfolgsmeldungen aus Mainz auch diesseits des Rheins Hoffnungen. Denn die Moderna-Impfung basiert auf derselben mRNA-Technologie wie das Vakzin von Biontech. Es gibt also noch mehr Potential für positive Überraschungen.

(rap – mit Material von «Reuters» und «Bloomberg»)