Ihm steht das Wasser bis zum Hals, denn letzte Umfragen verheissen wenig Gutes. Heute würde Thomas Minders Abzocker-Initiative vom Volk angenommen werden. Trotzdem gibt sich Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta (42) zumindest gegen aussen entspannt wie immer. Wie lange noch?

Es geht um seine Reputation und um die Durchsetzungs­fähigkeit seines Dachverbandes: Der oberste Wirtschaftslobbyist des Landes droht eine prestigeträchtige Schlacht zu verlieren – trotz fünf bis acht Verbands-Millionen. Dabei ist Gentinetta, der passionierte Tennisspieler, keiner, der vorzeitig vom Platz schleicht. In den letzten Tagen vor dem Abstimmungswochenende vom 3. März wird er weitere Angriffe gegen Minders rigides Regelwerk lancieren, das Wirtschaftsakteuren mit Gefängnis bis zu drei Jahren und mit Geldstrafen bis zu sechs Jahreslöhnen droht.

Einfach wird ein Stimmungsumschwung nicht, auch weil das oberste Personal des Schweizer Firmenparks wenig Lust verspürt, in die Niederungen von Gemeindesälen zu steigen, um sich mit einem zähen Gegner zu balgen. In der Meinung, Unlust durch Kreativität zu ersetzen, wurde Regisseur Michael Steiner («Das Missen-Massaker») mit einem Kurzfilm beauftragt, der für 300 000 Franken Politklamauk liefert. 

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Die Freunde

Ein Vertrauensverhältnis hat Gentinetta zu Gerold Bührer, dem langjährigen Economiesuisse-Präsidenten. Mit ihm, Bankier-Präsident Patrick Odier und Swissmem-Präsident Hans Hess wurde der Konflikt zwischen Finanzplatz- und Industrievertretern eingedämmt, der im Dachverband immer wieder aufflackerte. Mit Bührer-Nachfolger Rudolf Wehrli gibt es eine Adjustierung; der neue Präsident will sich – im Gegensatz zum Vorgänger – kaum in der Öffentlichkeit profilieren. Seit dem Studium in St. Gallen ist er mit Felix Grisard, dem Präsidenten der Hiag-Gruppe, und Anwalt Thomas Ladner bekannt. Ladner ist Mitgründer des Clubs zum Rennweg in Zürch, wo die jüngere Managergeneration netzwerkt. Gentinetta ist Mitglied des Entrepreneurs’ Roundtable, wo er SBB-Chef Andreas Meyer und Bär-Chef Boris Collardi trifft. Von dort kennt er auch Banker Thomas Matter: Einen Wirbel löste Gentinetta aus, als er im Wahlkomitee des SVP-Nationalratskandidaten auftauchte. Seit Jahren ist er mit Stadler-Rail-Chef und Rennweg-Kollege Peter Spuhler befreundet. Dieser hielt ihm stets einen Zutrittsbadge fürs Bundeshaus zu. 

Gentinetta ist Mitglied der Männerzunft Bruderschaft zum Osterlamm, die sich in Brig VS trifft. 2014 wird er mit CVP-Staatsrat Jean-Michel Cina das Dinner finanzieren. Im Rotary Club Zürich, wo er als Programm-Co-Chef agiert, arbeitet er mit Präsident Andreas Schmid, Flughafen Zürich, und Markus Neuhaus, KPMG, zusammen.

Die Gegner

Gentinetta gilt als umgänglich und nicht nachtragend. Mit Ständerat Thomas Minder, dem Promotor der Abzocker-Initiative, ist er seit Wochen im Clinch. An jedem Podium rechnet der Schaffhauser Ständerat vor, dass der Wirtschaftsverband mit fünf bis acht Millionen Mitglieder-Franken gegen seine Initiative schiesse. Regelmässig kreuzt der Verbandsdirektor die Klingen mit SP-Präsident Christian Levrat. Mit ihm hat er schon rund um die Post-Reformen gestritten, als Levrat noch Präsident der Gewerkschaft Kommunikation war. Mit Daniel Lampart, dem Chefökonomen des Gewerkschaftsbundes, mit dem er in der Eidgenössischen Kommission für Wirtschaftspolitik sitzt, kämpfte Gentinetta um Unternehmenssteuerreform sowie AHV- und Ferieninitiative. Der Zürcher Ökonomieprofessor Beat Hotz schoss sich kürzlich auf die atomausstiegskritische Haltung von Economiesuisse ein, die in einer ETH-Studie ein um bis zu 25 Prozent einbrechendes Bruttoinlandprodukt prognostizierte. 

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Die Rückhand-Connection

Seit der Jugend steht Gentinetta auf dem Tenniscourt. In seinem Genfer Club spielte er in der Nationalliga A; einer seiner Gegner war Marc Rosset, der spätere Professional. Nach dem Wechsel an die Hochschule St. Gallen hielt er mit dem Lokalclub in der Nationalliga B mit. In den letzten 17 Jahren spielte er Interclub bei den Grasshoppers Zürich. Als einstiges Vorstandsmitglied der Tennissektion lernte er den Ex-GC-Präsidenten Rolf Dörig, VR-Präsident Adecco, sowie den früheren Tenniscrack Marc Walder, CEO Ringier, kennen. Zu seinem Tenniszirkel gehören auch Martin Naville, Direktor AmCham, und Kaspar Wenger, Holcim-Manager. 2012 rutschte Gentinetta mit den GC-Jungsenioren in die B-Liga ab, aus Personalmangel. 

Die Karriere

Der Walliser studierte in St. Gallen Jus und Ökonomie. Er schrieb eine Dissertation über das Finanzieren von Infrastrukturprojekten am Beispiel der Swissmetro. Co-Referenten waren die Professoren Claude Kaspar und Rudolf Volkart. Während des Studiums absolvierte Gentinetta ein Praktikum bei der Banque Paribas in Genf. Seinen ersten Job hatte er im Finanzdepartement von Kaspar Villiger. In der Finanzverwaltung arbeitete er in der Abteilung Ausgabenpolitik, wo er sich unter anderem der FinöV-Vorlage widmete. Vorgesetzter und Vorbild war Vizedirektor Peter Siegenthaler, der später zum Direktor der Finanzverwaltung aufstieg. 

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1999 heuerte der damals 29-Jährige beim Wirtschaftsverband Vorort an, der 2000 mit der Wirtschaftsförderung zur Economiesuisse fusionierte. Als sein Förderer, Economiesuisse-Direktor Rudolf Ramsauer, als Chef Public Affairs zu Nestlé wechselte, bewarb sich Gentinetta fürs Direktorium. Seit 2007 leitet er den wichtigsten Wirtschaftsverband des Landes.

Die Familie

Gentinettas italienischstämmige Familie wanderte vor 300 Jahren über den Simplon ins Wallis ein. Er stammt aus einem Ärzteclan: Der Grossvater war Arzt, der Vater Kinderarzt in Martigny, später in Genf. In der Metropole am Lac Léman besuchte er das Gymnasium. Sein Bruder ist bei einer Genfer Privatbank tätig.

Der 42-jährige Oberwalliser ist verheiratet mit der zehn Jahre jüngeren Eliane Hess, die bei der Credit Suisse arbeitet. Das Paar lernte sich beim Tennis an der Hochschule St. Gallen kennen. Der Verbandsmanager ist polysportiv: Er fährt Ski und hat als Taucher diverse Riffs dieser Welt besucht. Katja Gentinetta, ehemalige Kaderfrau bei Avenir Suisse, und Pascal Gentinetta sind entfernt miteinander verwandt. Ihre Urgrossväter waren Brüder. 

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