Eine erste Hürde wird sie, wenn sie denn will, mit Bravour schaffen: die Nomination als Bundesratskandidatin der Kan­tonalberner SP. Mühsamer wird es, die eigene Bundeshausfraktion hinter sich zu scharen. SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga gilt vielen Linken als zu liberal (Ladenöffnungszeiten, Service public) und als zu beliebt (Konsumentenschützerin mit nationaler Strahlkraft). Auch betet sie nicht einfach die alte Parteilitanei herunter, sondern rüttelt immer wieder an Tabus. So plädiert sie seit Jahren für einen effizienteren Staat oder für ein griffiges Ausländerrecht. Worte wie «Die Entwicklung der Sozialausgaben macht mir Sorgen» provozieren Irritationen im eigenen Lager. Das «Gurten-Manifest», das 2005 für eine Öffnung der Partei plädierte, gilt in diesen Kreisen als «Gurken-Manifest».

Teilen der Bürgerlichen und der Wirtschaft passt dieser ­offene Pragmatismus, der sie fähig für Kompromisse über Parteigräben hinweg macht. Schafft sie es parteiintern auf ein Zweierticket, hat sie gute Chancen, als Nachfolgerin von ­Moritz Leuenberger in den Bundesrat gewählt zu werden. Bis Ende Juli weilte Sommaruga in Bildungsferien in Tschechien. Ab August ist die Schonzeit vorbei. Dann muss sie definitiv entscheiden, ob sie nach ganz oben will.

Die Vertrauten

Simonetta Sommaruga arbeitet mit grosser Selbstdisziplin an ­ihren Dossiers. Für Analyse und Formulierung der Positionen bewirtschaftet sie ein enges Netz von Fachexperten. Zum Zirkel der Vertrauten gehören die Professoren Thomas Cottier (Universität Bern), Roger Zäch (Universität Zürich, ehemaliger Vizepräsident der Wettbewerbskommission), Sabine Kilgus (Verwaltungsrätin Finma, Universität Zürich).

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Zum Fachsimpeln trifft sie sich regelmässig mit Jürg Niklaus (Rechtsanwalt, Wettbewerbskommission), Jacques de Haller (FMH-Präsident), Felix Huber (VR-Präsident Medix-Gruppe Schweiz, Managed Care), Andreas Stalder (Präsident IP-Suisse, Landwirtschaft), Wolf Linder (Politologe), Sara Stalder (Geschäftsführerin Stiftung für Konsumentenschutz) und Rudolf Strahm. Mit dem früheren Preisüberwacher publizierte Sommaruga 2005 ein Sachbuch («Für eine moderne Schweiz. Ein praktischer Reformplan»). In ihr Politlager gehören weiter die jungen Berner SP-Frauen ­Ursula Wyss (Fraktionschefin) und Evi Allemann.

Die Gegner

Ihre ärgsten Kritiker sind schnell ausgemacht: Es sind die Pharmalobby und das linke SP-Lager. Manchen Strauss hat die Parallelimport-Kämpferin mit Thomas Cueni, Generalsekretär ­Interpharma, ausgefochten. Krach gab es auch mit Elmar Schnee, CEO von Merck Serono, der die Politikerin der Lüge bezichtigte. Mehr oder minder offen giftelt die SP-Linke, die in Sommaruga eine Bürgertochter sieht, die sich in die Arbeiterpartei verirrt hat. Ins Lager der Schnöder gehören Christine Goll, Susanne Leutenegger Oberholzer, Franco Cavalli, Margret Kiener Nellen, Hans-Jürg Fehr, Andrea Hämmerle, partiell auch Gewerkschafter André Daguet. Der Berner Syndikalist liebt Währschaftes auf dem Tisch und kann mit Sommarugas anspruchsvollen bis exklusiven Essgewohnheiten (Bio, Slow Food) nichts anfangen. Sommaruga und der Berner Immunologe Beda Stadler sind total übers Kreuz, weil ihre Positionen in Sachen Impfkampagnen, Gentech und Homöopathie konträr sind.

Die Wirtschafts-Connection

Die mögliche Bundesratskandidatin pflegt regen Kontakt zu Martin Schläpfer, Cheflobbyist der Migros im Bundeshaus. Die beiden verbinden die Themen Kartellrecht, Parallelimporte und liberale Ladenöffnungszeiten. Regelmässig konferiert sie auch mit Philipp Hildebrand, Präsident der Nationalbank. Dabei geht es um Dossiers wie «Too big to fail» und Finanzplatzregulierung, die Sommaruga in der einflussreichen Ständeratskommission «Wirtschaft und Abgaben» (WAK) besetzt. Ihre Positionen liegen auf der Linie der SNB (sie war einst SNB-Rätin) und der Finma, was wiederum die Grossbanker nervt. Ihr Verhältnis zu Finanzplatzlobbyist Rolf Schweiger, FDP-Ständerat, ist ambivalent. In Bankenfragen ist man uneins, in der Verein­fachung des Steuersystems geeint. Im Stiftungsrat von Swissaid trifft sie sich ­regelmässig mit Stephan Baer (VR Emmi) und Walter Bosch (VR Swiss, KPT).

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Die Karriere

Die Politikerin wuchs mit zwei Brüdern und ­einer Schwester in einem katholischen Milieu in Sins AG auf. Ihr Vater, Marco Sommaruga, war aus Lugano zugewandert und brachte es zum Werkleiter der Lonza in Sins. Seine Tochter besuchte das Gymnasium in Immensee, studierte Ang­listik und Romanistik in Freiburg. Nebenher ­arbeitete sie im dortigen Frauenhaus. Am Konservatorium in Luzern erlangte sie das Lehrdiplom für Klavier und bildete sich in Rom und San Francisco weiter. 1993 übernahm sie die Geschäftsleitung der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) und wurde 1998 in den Stadtrat (Exekutive) von Köniz BE gewählt. Seit 1999 sitzt sie im Parlament in Bern, zuerst als Nationalrätin, seit 2003 als Ständerätin.

Die Familie

Die 50-Jährige ist mit dem 15 Jahre älteren Hans-Rudolf Lehmann verheiratet. Lehmann, der drei Kinder in die Ehe einbrachte, publiziert unter dem Pseudonym Lukas Hartmann Literatur. Ende August wird er den Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern in Empfang nehmen. Preisgeld: 30 000 Franken. Jürg Lehmann, Chef Ringier Journalistenschule und ehemaliger «Blick»-Chefredaktor, ist ihr Schwager, Ex-IKRK-Präsident Cornelio Sommaruga ein entfernter Verwandter. Die Ständerätin wohnt in Spiegel bei Bern im eigenen Haus mit Bio-­Garten. Ein Nachbar ist Publizist Urs P. Gasche, früher Chef der Konsumentensendung «Kassen­sturz». Die beiden treffen sich regelmässig im Stiftungsrat der SKS, die Sommaruga präsidiert.

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