Yannis P.» war sein Name. Am 20. Januar stach er von Guyana aus in See. Es war der erste Tanker, der Erdöl aus dem südamerikanischen Land exportierte, Ziel: Houston (Texas). Eine Million Fass führte er mit sich, also rund 159 Millionen Liter.

Ihm folgte Anfang Februar der Tanker «Eagle San Antonio», und in den kommenden Jahren werden sich Hunderte, Tausende weitere auf den Weg machen.

Guyana als Spieler auf dem Ölmarkt

Denn Guyana ist seit kurzem Ölexporteur. Noch fliesst das Öl zwar nur spärlich, doch innerhalb kürzester Zeit soll die Produktion kräftig ausgedehnt werden.

Das Land steigt dann zu einem wichtigen Spieler auf dem globalen Ölmarkt auf, und aus einem ärmlichen, überwiegend von Urwald bedeckten Landstrich kann in kürzester Zeit die reichste Nation der Erde werden.

Allein in diesem Jahr soll das Wirtschaftswachstum nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) über 85 Prozent erreichen. Doch ob und inwieweit all dies der Bevölkerung zugutekommt, steht noch in den Sternen. Ausserdem: Diese Prognose galt in der Zeit vor Corona.

So gross wie Weissrussland

Guyana liegt im Norden des südamerikanischen Kontinents, eingerahmt von Venezuela, Brasilien und Suriname. Es ist ungefähr so gross wie Weissrussland, doch gerade mal 775‘000 Menschen wohnen dort.

Bis 1966 war es britische Kolonie, und danach geriet Guyana eigentlich nur ein einziges Mal in die internationalen Schlagzeilen: durch das Jonestown-Massaker von 1978.

Ein gemächlicher Lebensstil

Damals befahl der Sektenführer Jim Jones seinen Anhängern, die sich im Regenwald von Guyana niedergelassen hatten, den kollektiven Selbstmord. 900 Menschen kostete dies das Leben, die Bilder von Leichenbergen mitten im Dschungel gingen um die Welt.

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Doch ansonsten ging das Leben in dem Land in den vergangenen Jahrzehnten seinen gemächlichen Gang. Der Abbau von Bodenschätzen – Bauxit, Mangan, Gold – kam nur einer kleinen Oberschicht zugute, sodass Guyana stets zu den ärmsten Staaten des Kontinents gehörte.

Ausschnitt Karte Südamerika.

Bisher eher unauffällig inmitten grosser Nachbarn: Guyana an der Karibikküste Südamerikas.

Quelle: Getty Images

Der Nachbar Venezuela dagegen stand über Jahrzehnte an der Spitze des Wohlstands in Südamerika, nicht zuletzt wegen der schier unerschöpflichen Erdölvorkommen.

Doch obwohl auch in Guyana unzählige Explorationen durchgeführt wurden, fanden sich dort einfach keinen grösseren Ölfelder. Bis 2015.

Damals verkündete Exxon Mobil, rund 190 Kilometer vor der Küste Guyanas im sogenannten Starbroek Block ein riesiges Ölfeld gefunden zu haben.

Und nach vierjähriger Vorbereitungszeit in einem Konsortium mit dem US-Konzern Hess und der chinesischen CNOOC wurde am 20. Dezember erstmals das Schwarze Gold an die Oberfläche gepumpt.

Neuer Nationalfeiertag für Guyana

Euphorisiert erklärte Guyanas Präsident David Granger prompt den 20. Dezember zum neuen Nationalfeiertag. Die Erdölproduktion bringe dem Land die Aussicht auf ein besseres Leben, sagte er und versprach:

«Jeder Guyaner wird von der Ölförderung profitieren, niemand wird zurückgelassen.»

120‘000 Fass pro Tag soll das nun erschlossene Ölfeld bis Ende des Jahres liefern, bis 2025 wird die Förderung nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds auf 424‘000 Fass steigen, andere Schätzungen gehen von bis zu 750‘000 Fass oder sogar einer Million Fass aus.

Das wäre mehr, als Nachbar Venezuela derzeit noch fördert. Dort ist die Produktion in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen, was Guyana nun zumindest teilweise ausgleichen könnte.

Viel imposanter und wichtiger für Guyana ist jedoch eine andere Zahl, nämlich die Ölförderung pro Kopf. Denn 750‘000 Fass pro Tag entsprächen rund einem Fass Öl je Einwohner, das aus dem Starbroek Block geholt würde.

Das läge weit vor allen anderen Ölförderländern, selbst Kuwait kommt nur auf 0,8 Fass pro Kopf, Katar auf 0,7 und Saudi-Arabien auf 0,3. Und damit nicht genug: Exxon Mobil hat inzwischen weitere Ölfunde vor der Küste Guyanas bekannt gegeben.

Über Nacht zur Ölnation

Quasi über Nacht wurde das kleine, verschlafene Land im südamerikanischen Regenwald damit zu einer Ölnation, und die Petrodollar prasseln fortan auf es nieder. Bis 2024 soll sich die Wirtschaftskraft des Landes von derzeit rund vier Milliarden auf 15 Milliarden Dollar pro Jahr fast vervierfachen.

Das Pro-Kopf-Einkommen würde dann von etwas über 5000 Dollar, was ungefähr dem Niveau von Albanien entspricht, auf fast 20‘000 Dollar steigen – das läge nur knapp hinter Saudi-Arabien. Und noch ein paar Jahre später könnte sich Guyana mit den reichen Emiraten am Golf messen.

Doch die grosse Frage ist, was von diesem neuen Reichtum wirklich bei den Menschen ankommt. Viel zu wenig jedenfalls, sagt die internationale Nichtregierungsorganisation Global Witness, die gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung im Zusammenhang mit der Rohstoffgewinnung vorgeht.

Sie wirft Exxon Mobil vor, die unerfahrene Regierung Guyanas letztlich über den Tisch gezogen zu haben.

Ein schlechter Deal

In einer Analyse liess die Organisation Anfang des Monats den Vertrag, den Guyanas Ölminister Raphael Trotman 2016 mit Exxon Mobil geschlossen hatte, mit den sonst üblichen Konditionen bei ähnlichen Projekten vergleichen.

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«Der Deal, den Trotman erreichte, ist ein ausserordentlich schlechter», folgern die Analysten darin.

So wäre ein Anteil von 69 Prozent an den Einkünften aus der Ölförderung für Guyanas Regierung fair, der Vertrag sieht jedoch nur 52 Prozent vor. Dadurch entgingen Guyana pro Jahr rund 1,3 Milliarden Dollar – bei einem Haushalt von rund 1,6 Milliarden Dollar in diesem Jahr.

Ein Containerschiff legt von Guyana ab, während die Wellen an die Küste rollen.

Ein Containerschiff sticht von Guyana aus in den Atlantik.

Quelle: Getty Images

Auch der IWF kritisierte die Vertragsbedingungen als «relativ vorteilhaft für die Investoren nach internationalen Standards». Denn normalerweise, so der IWF, gingen zwischen 65 und 85 Prozent der Einkünfte aus der Ölförderung an die Regierungen.

Und auch die Bevölkerung hat Zweifel an der Arbeit der Regierung. Premierminister David Granger verlor schon Ende 2018 ein Misstrauensvotum, konnte sich aber durch einige juristische Tricks bis heute im Amt halten.

Am 2. März jedoch soll nun ein neues Parlament gewählt werden – und Granger wirbt mit vollmundigen Versprechen.

So solle jeder Bürger künftig jedes Jahr einen Scheck von der Regierung erhalten, finanziert aus den Öleinnahmen, so ähnlich wie das in Alaska üblich ist. Die Opposition dagegen will das Geld vor allem in das Gesundheitssystem und die Armutsbekämpfung stecken.

Guyana unerfahren im Handel mit Erdöl

Doch letztlich wird die neue Regierung – egal, wer sie führen wird – weit grössere Probleme zu lösen haben. Denn Guyana ist nicht nur unerfahren in Verhandlungen mit professionell agierenden internationalen Ölkonzernen.

Dem Land fehlen auch die Institutionen und Regeln, um mit dem Geldsegen umgehen zu können.

Korruption als grosses Problem

So erhält Guyana im Index der Regierungseffizienz der Weltbank nur eine Bewertung von minus 0,27 Punkten und befindet sich damit auf demselben Niveau wie der Senegal. Deutschland erhält in dieser Rangliste 1,62 Punkte.

Auch beim Korruptionsindex von Transparency International liegt Guyana nur auf Platz 85 von 180 Nationen, in Nachbarschaft zu Ländern wie Indonesien oder Burkina Faso.

Nur die Oberschicht profitiert

Gerade vor dem Hintergrund der Ölfunde macht dies den Korruptionsexperten Sorge. «Missmanagement und Korruption im Zusammenhang mit Einnahmen aus der Rohstoffindustrie haben sich nachteilig auf zahlreiche staatliche Institutionen auf der ganzen Welt ausgewirkt, darunter auch auf den Nachbarn von Guyana, Venezuela», schreiben sie in einer aktuellen Analyse.

Allzu oft landen die Gewinne aus der Ölförderung in Entwicklungsländern nur bei einer kleinen, korrupten Oberschicht. Die Gefahr besteht, dass Guyana diesem Beispiel folgt.

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Zumal es in dem Land eine unrühmliche Tradition von Banditentum gibt, organisiert von diversen Gangs. Diese seien meist entlang ethnischer Zugehörigkeiten entstanden und mitunter auch mit den politischen Parteien verwoben, die ebenfalls diesen ethnischen Trennlinien folgen, stellt das International Security Sector Advisory Team (ISSAT) in Genf fest. Rund 45 Prozent der Bevölkerung Guyanas haben indische, etwa 30 Prozent afrikanische Wurzeln.

Öl-Einnahmen sollen in Staatsfonds fliessen

Immerhin regiert derzeit jedoch eine Koalition aus Parteien mit unterschiedlichen ethnischen Wurzeln, und die Regierung hat – auch nach Ansicht diverser Nichtregierungsorganisationen – einiges getan, damit der neu gefundene Ölreichtum nicht versickert.

Seit der Regierungsübernahme 2015 kletterte Guyana im Korruptionsindex von Transparency International beispielsweise von Rang 119 auf den aktuellen Platz 85.

Verpflichtung zur Transparenz

Das Land trat zudem der Extractive Industries Transparency Initiative (EITI) bei, einer Initiative aus Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Staaten mit Sitz in Oslo. Sie unterstützt Entwicklungsländer dabei, die Einnahmen aus dem Abbau von Rohstoffen angemessen zu verwenden.

Ein Ergebnis davon ist, dass Guyana inzwischen einen Staatsfonds aufgelegt hat, in den ein grosser Teil der Einnahmen fliessen soll.

Doch mit der Auflegung eines solchen Fonds ist es nicht getan, wichtig sei auch, dass dieser nicht für politische Zwecke missbraucht werde, merkt Transparency International an und warnt: «Es steht viel auf dem Spiel, und die kommenden Jahre werden für Guyana entscheidend sein.»

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Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: Das nächste reichste Land der Welt.