Am Dienstag beginnt das Strafverfahren gegen Pierin Vincenz, den früheren Chef von Raiffeisen, und Beat Stocker. Letzterer kannte vor einem Jahr noch niemand, nicht einmal Bilder vom Berner Firmenberater gabs, den die «Bilanz» «Schattenmann» nannte. Für Vincenz ist der Prozess das Finale furioso einer langen Karriere, vom einfachen Angestellten bei der Schweizerischen Treuhandgesellschaft in St. Gallen bis zum Hauptakteure auf dem Schweizer Finanzplatz, mit direktem Draht zur damaligen Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, die wie er aus Graubünden stammt. Der Absturz, medial in allen Details nachgezeichnet, begann 2016, als die Finma eine Untersuchung gegen Vincenz und die Raiffeisen-Bank einleitete. Monate zuvor war der Dynamo von seinem Chefposten zurückgetreten.

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Das Bezirksgericht in Zürich wird nun über die Causa Vincenz beraten und entscheiden, doch ein abschliessendes Urteil dürfte erst in drei, vier Jahren vorliegen. Die Prognose ist kaum gewagt, dass die eine oder andere Partei das Urteil bis zum Bundesgericht durchboxen wird.

Wie das Urteil lauten wird, ist offen. Eines ist sicher: Es wäre nie zu diesem Absturz von Vincenz gekommen und zum Reputationsschaden, den die Raiffeisen über all die letzten Jahre hinnnehmen musste, wenn die Corporate Governance in der Genossenschaftsbank gegriffen hätte. Hat sie aber nicht.

Vielmehr haben die beiden VR-Präsidenten und mit ihnen die Verwaltungsräte, die in den Jahren 2008 bis 2015 im Amt waren, versagt. Hätten sie ihre Aufgabe ernst genommen und die Geschäftsleitung hinterfragt und herausgefordert, wäre Raiffeisen vieles erspart geblieben. Wer die Gerichtsunterlagen, die Geschäftsberichte und Aussagen von Verantwortlichen durchliest, kommt zum Schluss, dass sich viele vom Auftritt von Vincenz haben blenden lassen. Und: Der Verwaltungsrat der Bankengruppe war in jenen Jahren nie auf dem Qualitätsstand, den eine Bank dieser Grösse fordern würde. Die dort versammelten Regionalbanker, Lokalpolitikerinnen, Kleinunternehmer oder Professoren waren schlicht eine Nummer zu klein, um Vincenz in der Spur zu halten.