1971 veranstaltete ein deutscher Akademiker – mit 32 Jahren und fünf Abschlüssen in Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften – eine Konferenz. Schauplatz war das neu eröffnete Kongresszentrum im schweizerischen Davos, bekannt für seine Tuberkulose-Sanatorien und als Kulisse für Thomas Manns «Der Zauberberg».

Klaus Schwab wollte das Symposium nutzen, um europäische Unternehmen gegenüber anderen Stakeholdern als nur ihren Anteilseignern zu sensibilisieren und sie mit amerikanischen Managementmethoden vertraut zu machen. Die Gebühren der 450 Konferenzteilnehmer brachten einen Gewinn von 25'000 Franken ein (heute entspräche das einem Wert von 75'000 Dollar), mit dem Schwab das Europäische Management Forum aufbaute.

Die 1987 in Weltwirtschaftsforum (WEF) umbenannte Veranstaltung wurde zum hochrangigen Plutokraten-Event. Fast 3000 Geschäftsleute, Politiker, Prominente und Journalisten zieht es Jahr für Jahr nach Davos, die den Zeitgeist spüren wollen. Da einige Besucher keinen Ausweis für den Hauptveranstaltungsort, zu Grossveranstaltungen und Partys in Hotels oder anderen Rand–Events bekommen, wächst das «inoffizielle Davos». (Der «Economist» schickt Journalisten zum Forum und der Verlag erhält Einnahmen aus der Organisation von Kundenveranstaltungen in Davos während des WEF).

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«Ringmaster» Klaus Schwab

Auch mit 81 Jahren ist Klaus Schwab der «Ringmaster»: am 21. Januar eröffnet er das 50. Weltwirtschaftsforum. Diesmal wird neben all dem Hyper-Vernetzen eine weitere Reihe von «Multi-Stakeholder»-Initiativen gestartet, darunter ein Wiederaufforstungsprojekt von einer Billion Bäumen. Zu den Stars gehören Präsident Donald Trump, der 2019 aussetzte, und Greta Thunberg, die zusammen mit einer Reihe anderer Jungaktivisten eingeladen wurde, um an der Konferenz «Blick in die Zukunft» mitzuwirken.

Keiner der Nachahmer des WEF, von Aspen bis Boao, hat es wie das WEF geschafft, Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft zusammenzubringen, sagt Sir Martin Sorrell, Ex-Chef des Werberiesen WPP, der heute das Medienunternehmen S4 Capital leitet.

Schwab sagt gerne, dass das WEF «sich für die Verbesserung der Welt einsetzt». Nicht jeder sieht das so. Für viele Nichtregierungsorganisationen (NGO) dient sein Engagement den globalen Eliten, um für ihre Agenda zu werben, welche die Ungleichheit verschärft. In dieser und der nächsten Woche finden in der ganzen Schweiz Anti-WEF-Kundgebungen statt.

Was mehr überrascht, sind die Kritiker auf Schwabs Seite. «Er schwankt zwischen dem echten Wunsch nach Frieden und Wohlstand in der Welt und dem Wunsch, einfach nur nah an Geld und Macht zu sein», sagt ein Davoser Stammgast. Für seine Veranstaltung gilt dasselbe. In Interviews mit dem «Economist» lobten Davos-Fans und WEF-Mitarbeiter seine Anziehungskraft, in den Alpen und durch sein wegweisendes Netzwerk von regionalen Events, darunter ein «Summer Davos» in China.

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Dieser Beitrag wird im Rahmen der Partnerschaft der HZ mit dem «Economist» veröffentlicht. Übernahme und Übersetzung mit Genehmigung.

Quelle: © The Economist
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Anziehungskraft nach Schwab

Sie sagen aber auch, dass der Anspruch, die Welt zu verändern, häufig hinten ansteht – aus Angst, die Wirtschaftsführer und Politiker zu verärgern, deren Präsenz Davos zu einem Hit macht. Die Entwicklung des WEF ist bemerkenswert: früher brachte es politische Entscheidungsträgern zusammen, heute wird hier Politik gestaltet. Fast alle Interview-Partner fragten sich, ob die Anziehungskraft des WEF auch dann noch Bestand hat, wenn Schwab nicht mehr an der Spitze steht.

Das WEF hat ihm viel zu verdanken. Das Genie von Herrn Schwab, so ein Ex-Kollege, sei es, «eine Art UNO für den öffentlich-privaten Diskurs und die Zusammenarbeit geschaffen zu haben – ein alternatives Forum in einer Welt, in der 'global governance' nicht mehr funktioniert». Schwab verweist auf Gavi, eine vor 20 Jahren in Davos ins Leben gerufene globale Impf-Allianz, als Beispiel für eine erfolgreiche öffentlich-private Partnerschaft, welcher das WEF zu Leben verholfen hat.

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Politiker und Unternehmer

Die Politiker mögen Davos, weil es dort CEOs gibt. Tony Blair kam, um die Wirtschaft für Grossbritannien zu gewinnen, Benjamin Netanyahu, um Israel als Technologie-Hub zu fördern. Die Hürden für zwischenstaatliche Deals sind niedrig. Nach dem Scheitern der UN-Klimagespräche im Jahr 2009 entspannten sich die Staats- und Regierungschefs in Davos und legten den Grundstein für das, was das Pariser Abkommen wurde, sagt Adrienne Sörbom, Co-Autorin eines Buches über das WEF.

Die CEOs geniessen es wiederum, sich mit den Staats- und Regierungschefs der Welt zu treffen und Zeugen historischer Momente wie Nelson Mandelas Rede von 1992 vor seiner Wahl zum Präsidenten Südafrikas zu werden oder historischer Ereignisse wie dem von israelischen und palästinensischen Führern 1994 erreichten Gaza-Kompromiss.

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Alle lieben die Effizienz der Vernetzung des WEF. Diejenigen, die kommen, können in wenigen Tagen viel erreichen und Tausende von Flugkilometern sparen. Davos ist nicht allzu schwer zu erreichen, aber doch so abgelegen, dass man, wenn man einmal dort ist, nicht mehr weiterkommt. Kein stundenlanges Fahren zum Mittagessen  mit dem Anwalt in London oder New York.

Gemeinnützige Stiftung

Auch in finanzieller Hinsicht hat sich das WEF als eine Erfolgsformel erwiesen. 42 Prozent des Umsatzes der gemeinnützigen Stiftung – im letzten Geschäftsjahr 345 Millionen Franken – gehen an die 800 Mitarbeitenden, auch auf dem Campus am Genfersee. Sie geniesst einen Sonderstatus, ähnlich dem des Roten Kreuzes, was bedeutet, dass der Schweizer Staat einen Teil seiner (angesichts seiner Klientel beträchtlichen) Sicherheitskosten übernimmt.

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Der Rest wird zu einem grossen Teil für «Aktivitäten» ausgegeben, auch in Davos. Der Rest geht entweder in das Stiftungskapital oder in die strategischen Reserven, die etwas über 300 Millionen Franken liegen. Darüber hinaus ist die Offenlegung nur spärlich: Die öffentlichen Einreichungen des WEF im Genfer Firmenregister enthalten wenig, abgesehen von spärlichen Auszügen von Verwaltungsratsprotokollen und Ankündigungen von Verwaltungsratsmandaten und Rücktritten.

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In den Anfangsjahren war das WEF zu 50 Prozent an einer Eventfirma beteiligt, die Davos organisierte. Diese Beteiligung wurde später verkauft. Zeitungsberichte haben zeitweise die Vermischung von Gewinnstreben und Gemeinnützigkeit in Frage gestellt. Eine offizielle Schweizer Untersuchung des WEF ergab keine Unregelmässigkeit.

Das WEF und Klaus Schwab sagen, dass er ausser seinem Gehalt nie einen finanziellen Vorteil im Zusammenhang mit dem Forum erhalten hat. Seit 1995 wird Davos von PublicisLive, Teil der Publicis-Gruppe, veranstaltet. Der Ex-Chef des französischen Giganten (und heutige Aufsichtsratsvorsitzende), Maurice Lévy, ist ein ehemaliges WEF-Vorstandsmitglied.

Der Auftrag ist «das Kronjuwel» des Publicis-Eventgeschäfts, sagt ein ehemaliger Insider. WPP war lange hinter dem Auftrag her, der die Programmgestaltung, den Bühnenbau, die Koordinierung der Unterkünfte und ähnliches umfasst. Aber, so Martin Sorell, «wir kamen nie in die Nähe davon». Der Auftragswert wird nicht bekannt gegeben. Der frühere Insider sagt, dass die Margen zeitweise über 30 Prozent liegen. Publicis sagt, der Vertrag lasse nicht zu, dass die Nettomargen «eine sehr bescheidene Schwelle überschreiten». Der aktuelle Vertrag endet 2022, dann wird er laut WEF neu ausgeschrieben.

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«Vorsichtiger als die UNO»

Das Geld für all das kommt zum grössten Teil aus den Jahresbeiträgen der «Mitglieder», die 25'000 Franken pro Jahr zahlen, und von den «Partnern», meist Grossunternehmen, ab 120'000 Franken. Für 600'000 Franken erhalten die rund 120 namhaftesten («strategischen») Partner unter anderem bis zu fünf Davos-Pässe und bessere Chancen auf Plätze auf den Panels.

Mit dem Geld der Firmen lädt das WEF Akademiker, Aktivisten und andere weniger teure Leute kostenlos nach Davos ein – was aber auf Kritik stösst. Mark Malloch-Brown, ehemaliger stellvertretender Chef der Vereinten Nationen (und kurz des WEF selbst), sagt, die freie Auswahl sei eingeschränkt, um die Firmenpartner nicht zu verprellen: «Das WEF sieht sich selbst als Katalysator, aber in Wirklichkeit ist es oft vorsichtiger als die UNO», wenn es um politische Reformen geht. Das WEF sagt, dass «viele» seiner Initiativen kurzfristige Unternehmensinteressen in Frage stellen.

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Auch Klaus Schwab wurde wegen seiner Nachgiebigkeit gegenüber der Politik kritisiert. Als Donald Trump 2018 zum ersten Mal in Davos auftauchte, lobte der Gastgeber seine «starke» Führung. Angesichts Schwabs erklärter Sorge um den Klimawandel «sieht es so aus, als hätte er einen Weg gefunden, den Typen, der das Pariser Abkommen aufgekündigt hat, aufzurufen», sagt ein ehemaliger WEF-Manager.

Brabeck: Das WEF ist bereit für die Zeit nach Schwab

Das WEF könne weitermachen, wenn Gründer Klaus Schwab nicht länger das Steuer führe, sagt Ex-Nestlé-Chef Peter Brabeck. Der 75-Jährige sitzt im Board of Trustees des WEF. Wie die Zukunft des Gipfels aussehen kann, sagt er im Video.

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