1 Der Stoiker

Seit Beginn der Maskenpflicht trägt auch er eine, völlig klaglos und längst routiniert. Wenn die Wissenschaft nun einmal befindet, dass das andere vor Infektionen schützt, besteht er sicher nicht darauf, es besser zu wissen. Falls sie sich doch geirrt hat, hat er sich eben ein paar Monate völlig nutzlos jedes Mal ein Stück Stoff vors Gesicht gebunden, ehe er einen Laden betrat. Das für ein unzumutbares Opfer oder gar für einen Eingriff in seine Freiheitsrechte zu halten, käme ihm albern vor. Natürlich nerven ihn die Masken (die Hitze, der eigene Mundgeruch, das ewige Gefummel), aber, so befindet er, sein Genervtsein ist kein Argument, wenn es stärkere Argumente gibt.

2 Der Nasenbär

Wenn es nun einmal sein muss, trägt er eben eine Maske. Atmen will er dennoch. Das geht nun mal nicht mit Stoff vor der Nase. Deswegen lässt er sie heraushängen. Falls das jemanden stört, soll er sich doch beklagen, dann wird er seine Maske schon höher ziehen. Allerdings hat er längst herausgefunden, dass sich niemand beklagen wird. Es sagt ja auch niemand etwas, wenn man in der S-Bahn breitbeinig sitzt, während die Oma daneben stehen muss.

3 Der Unterm-Kinn-Träger

In den ersten Wochen der Maskenpflicht hat er das Teil beim Wechsel zwischen Innenräumen und Frischluft sich noch jedes Mal aus dem Gesicht gezupft und weggepackt, um es ein paar Minuten später wieder hervorzukramen. Nervt, macht er nicht mehr. Die Maske bleibt jetzt unterm Kinn hängen, schade eigentlich, dass er kein Doppelkinn hat, das man damit kaschieren könnte. Die Virologen befinden zwar, dass das keine korrekte Art des Maskentragens ist, aber die sitzen ja den ganzen Tag in ihren Laboren herum und müssen nicht ständig raus und rein und raus.

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Ein junger Mann trägt eine Sonnenbrille und eine Maske unterm Kinn.

Rein und raus: Deshalb bleibt die Maske auch mal unterm Kinn.

Quelle: Getty Images

4 Der Zusammenfalter

Er hat sich, als es mit Corona losging, umfassend informiert und nicht nur mit Einweghandschuhen, Handsterilisationsmittelflakons und einem Maskenvorrat, sondern auch mit einem Etui für sie eingedeckt. Die Einweghandschuhe benutzt er nicht mehr. Doch die Maske kommt immer noch nach jedem Einkauf glatt gestrichen und penibel nach innen gefaltet in ihr Futteral. Alles andere wäre jedenfalls ihm zu fahrlässig.

5 Der In-die-Tasche-Stopfer

Wie das so ist mit allem, was man zwar tun muss, aber keinen Spass macht: Irgendwann wird man schlampert. Und so wäscht er sich schon längst beim Nachhausekommen die Hände nicht mehr zwei Geburtstagslieder lang, und harrt im Supermarkt nicht mehr geduldig aus, bis die Frau vor dem Kühlschrank sich endlich entschieden hat, welches Joghurt sie denn nehmen soll, sondern schnappt sich einfach seines, obwohl er dazu ihren Abstand verletzen muss, immerhin verringert das die Zeit, die er in Innenräumen verbringen muss.

Auch seine Maske, die er stets klaglos akzeptiert hat, behandelt er so unaufmerksam wie jemanden, mit dem man schon lange verheiratet ist: Man gibt sich keine Mühe mehr und beschränkt sich aufs Nötige, das muss reichen. Nach Gebrauch wird sie zusammengeknüllt und bis zum nächsten Menschenkontakt in die nächstbeste Tasche gestopft. Wenn ihm auffällt, dass das Teil schon ein wenig riecht, fällt ihm wieder ein, dass man es gelegentlich bei 60 Grad waschen sollte, aber zu Hause hat er das längst wieder vergessen.

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6 Der Fummler

Hat Christian Drosten eigentlich eine Brille? Weiss ein Nichtbrillenträger, wie es sich anfühlt, jedes Mal, wenn man Mund und Nase verpackt hat, kurz alles wie hinter Milchglas zu sehen? Haben Maskenhersteller je zur Kenntnis genommen, dass es keine Standard-Erwachsenenkopfgrösse gibt? Sind stabil sitzende Ohrgummis zu viel verlangt? Im Herbst, wenn man nicht nur Maske, sondern auch Rollkragen, Schal und Mütze tragen muss, wird das alles noch viel schlimmer werden. Und er noch mehr an sich herumfummeln. Scheiss Corona!

7 Der Masken-Dandy

Er hat auch auf die Pandemie reagiert wie seit jeher: mit Stil, bekanntlich die Antwort der Zivilisation auf alles Übermenschliche, was den Menschen daran erinnert, dass er ein recht ekeliger, von Zerfall und Verwesung bedrohter Fleischklumpen ist. Das beseitigt die Probleme nicht, aber es gibt ihm das schöne Gefühl, dass er sich unter keinen Umständen gehen lässt.

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Selbstverständlich lassen sich auch Gesichtsbedeckungen mit Sinn fürs Ästhetische tragen. Deswegen hat er sich schon früh eine Kollektion von Masken angeschafft, die zu seiner Garderobe passen, schwarz, hanseatenblau, sogar eine mit Nadelstreif, und für jene Tage, an denen ihm souveräne Zeichen wichtig sind, auch welche in Neonpink und mit Bourbonlilien-Muster. Wenn er sie nicht trägt, dienen sie ihm als Einstecktuch. Ob ihm dafür andere Anerkennung zollen, ist ihm übrigens egal. Es reicht ihm, wenn er weiss, dass er zu jenen gehört, denen Color Coordination unverzichtbar die Selbstachtung erscheint.

Porträt eines Mannes, der in rosa Hemd, roter Fliege und mit blauer Maske freundlich in die Kamera lächelt.

Der Masken-Dandy begegnet der Pandemie wie immer: mit Stil.

Quelle: Getty Images
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8 Die Fashionista

Noch ein wenig virtuoser als der Dandy. In den Monaten der Maskenpflicht hat sie ihr Augen-Make-up perfektioniert, ihre Brauen sehen mittlerweile so fein aus wie von Vermeer gemalt. Das ist etwas, was sie ganz sicher in die Post-Corona-Zeit hinüberretten wird. Schon weil es ihr auf Insta jede Menge neuer Follower gebracht hat.

Eine Frau mit markanten Augenbrauen fixiert den Betrachter über eine königsblaue Maske hinweg.

Mit Masken-Trend zu neuen Followern auf Insta: die Fashionista.

Quelle: Getty Images/EyeEm

9 Der Werbeträger

In einer Welt, in der alles, wirklich alles verwertet und jedes, wirklich jedes Terrain symbolisch besetzt werden muss, dauerte es nur ungefähr zwei Sekunden, ehe jedes Unternehmen und jede Institution Masken mit Absendernachweis unter die Menschen gebracht hatte – sie könnten sonst ja vergessen, dass jeder immerzu jemandem gehört. So gibt es nun Blau-Weiss für den bayerischen Ministerpräsidenten, die HSV-Raute für den getreuen Zweitliga-Erdulder, das Logo der deutschen EU-Ratspräsidentschaft für Angela Merkel, oder die weissen Pfeile des Fashion-Labels Off-White, die Eingeweihten mitteilen, dass hier fast 300 Euro für eine Atemschutzmaske ausgegeben wurden, die ausser Angeben auch nicht mehr kann als das Zeug, das man beim Discounter bekommt.

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Albert Füracker (CSU), Finanzminister von Bayern, setzt nach der Pressekonferenz eine Mund-Nasen Maske auf. Das Thema der Pressekonferenz ist die regionalisierte Sondersteuerschätzung für Bayern wegen der Corona-Krise.

Hier geht's (nicht nur) um Farbe: Bayerns Finanzminister Albert Füracker setzt nach einer Pressekonferenz eine blau-weisse Mund-Nasen-Maske auf.

Quelle: Keystone

10 Der Aktivist

Er wird es nicht zugeben, aber eigentlich ist er für die Maskenpflicht durchaus dankbar. Schliesslich ermöglicht sie ihm, jedem, der ihm ins Gesicht schaut, eine Botschaft mitzugeben: «Feminist» zum Beispiel oder «systemrelevant», und selbstverständlich hat die Tierschutzorganisation Peta schon eine «Go Vegan»-Maske in ihrem Merchandising-Angebot. Am schönsten aber sind die Corona-Leugner, für die Masken Maulkörbe sind und diesen Unsinn durch Masken kundtun, auf denen «Maulkorb» steht.

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11 Der Improvisator

Die selbst gebastelte Maske ist seit Beginn der Pandemie, als das Internet mit Anleitungen zum Umbau von Kaffeefiltertüten und alten T-Shirts überflutet wurden, aus der Mode geraten. Doch immer noch begegnet man Menschen, die sich nie wirkliche Masken angeschafft haben, obwohl sie mittlerweile für kleines Geld überall angeboten werden. Ein Schal tut es ja auch. Und wenn man auch den vergessen hat, kann man sich in der Strassenbahn das T-Shirt zu Mund und Nase hochziehen – was allerdings oft die Wampe freilegt.

12 Der Humorist

Vampirzähne, der berühmte Rolling-Stones-Mund mit herausgestreckter Zunge, Clownsnasen, Pandagesichter: Von einer «Pandamie» muss man sich echt nicht den Spass verderben lassen. Ganz besonders sophisticated sind jene, die sich die untere Hälfte ihres Gesichts auf die Maske drucken haben lassen – so funktioniert die Gesichtserkennung am Smartphone wieder.

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Junge Frau mit Mütze trägt eine Maske aufgedrucktem mit Totenkopf-Gebiss.

Humor auf der Maske: Diese Humoristin setzt auf das Totenkopf-Gebiss.

Quelle: Pixabay
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13 Der Paniker

Er sitzt auch in seinem Auto (das er den Öffis sowieso, aber auch dem Fahrrad vorzieht, auf dem man an Kreuzungen angehustet werden kann) nur mit Maske. Sicher ist sicher – auch wenn Autofahren mit Maske wegen des eingeschränkten Sichtfelds nicht gerade der Verkehrssicherheit dient. Wenn er sich doch unter Menschen bewegt, hat er keine Hemmungen, andere zu verscheuchen, wenn die den «Abstand! Abstand!» nicht einhalten. Ihm jedenfalls wird man die zweite Welle nicht anlasten können. Höchstens, dass sie seinetwegen noch schwerer erträglich sein wird als ohnehin schon.

Eine Frau trägt über ihrer Schirmmütze eine Kapuze, dazu eine Schirmmütze und eine Schutzmaske.

Umfassender Schutz: Den Panikern kann die zweite Welle nicht angelastet werden.

Quelle: Getty Images
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14 Bonustrack: Der Verweigerer

Maske wird er nie tragen, wieso auch, Corona gibt es schliesslich nicht und falls doch, keineswegs schlimmer als eine Grippe. Masken sind was für Untertanen, nicht für freie Menschen, die Virologen sind alle entweder Deppen oder sinistre Bösewichter, niemand kann ihn dazu zwingen, sein eigenes CO2 einzuatmen, und hat Drosten nicht ganz am Anfang gesagt, dass Masken nichts bringen, aber das darf man alles ja nicht sagen, und doch sagt er es, die ganze Zeit, so oft und so penetrant, dass man sich sofort wünscht, es gäbe endlich all die Sprechverbote, von denen er spricht.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel «Was die Art, wie Sie Ihre Maske tragen, über Sie verrät».