Der Brexit hat einen regelrechten Exodus vieler qualifizierter Briten in die Länder der EU und Efta ausgelöst – zu der auch die Schweiz zählt. Das Ausmass ist laut einer neuen Studie vergleichbar mit dem einer grösseren wirtschaftlichen oder politischen Krise.

Demnach hat sich das Migrationsverhalten britischer Bürger seit dem Brexit-Referendum von 2016 massiv verändert. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschafter der Universität Oxford und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Die Migration aus dem Vereinigten Königreich in die EU-Länder ist im Vergleich zu den Zahlen vor dem Brexit um etwa 30 Prozent gestiegen. Rund 17'000 Briten verliessen jährlich zwischen 2016 und 2018 ihr Land. Dazu bewogen habe sie die Furcht vor negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen, wenn Grossbritannien aus der EU austritt.

Weniger Briten in der Schweiz

Mittlerweile leben etwa 1,2 Millionen britische Staatsbürger in der EU – mehr als 10 Prozent davon in Deutschland. Nach Spanien und Frankreich zog es seit 2016 die meisten Briten dorthin. 

In die Schweiz hingegen sind seither weniger Menschen aus dem Vereinigten Königreich eingewandert. Daniel Auer vom WZB und Co-Studienautor begründet das so: «Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied kann selbst keine Garantie für eine fortwährende Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit in der EU bieten.» Damit ist sie für Briten derzeit weniger attraktiv als EU-Länder.

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Was sich jedoch verändert hat, sind die Einbürgerungen: Etwa 550 Briten pro Jahr erhielten seit dem Brexit-Referendum den Schweizer Pass – fast dreimal so viele wie zuvor. Etwas erstaunlich ist das schon, denn im Grunde ändert sich nicht viel für sie, zumal die Schweizer und die britische Regierung bereits 2019 Abkommen über die Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger abgeschlossen haben. 

Mehr Briten werden EU-Bürger

Auch in der EU sind die Einbürgerungen von Briten geradezu explodiert: Sehr viele Briten beantragten den Pass des Landes, in dem sie bereits vor dem Votum lebten. Im EU-Raum stieg die Zahl der Einbürgerungen seit 2016 um mehr als 500 Prozent, in Deutschland sogar um 2000 Prozent.

Als Grund nennen die Studienautoren die Unsicherheit über die künftigen bilateralen Beziehungen. Bisher haben die EU und Grossbritannien noch kein Abkommen ausgehandelt. Unklar ist demnach, welche Regeln für Briten gelten, die in der EU leben, sowie für EU-Bürger in Grossbritannien. Nach bisherigem Stand würden sie ab dem 1. Januar 2021 wie Drittstaatenbürger behandelt.

Die Wissenschafter aus Berlin und Oxford haben nicht nur Statistiken aus der gesamten EU ausgewertet, sondern auch in Deutschland lebende Briten befragt. Mehr als ein Drittel von ihnen sagte, ohne das Brexit-Referendum hätten sie Grossbritannien nicht verlassen. Und ohne EU-Austritt hätten sie die Staatsangehörigkeit des jeweiligen Landes, in dem sie leben, auch nicht angenommen. 

Darüber hinaus zeigt die Studie, dass die britischen Migranten zu den am besten ausgebildeten und qualifizierten Personen mit einem entsprechend hohen Durchschnittseinkommen gehören. Die Schlussfolgerung: Der Brexit hat eine stetige Abwanderung der talentiertesten und produktivsten Menschen auf den europäischen Kontinent ausgelöst.