Polizeistunde, das war einmal. Das Nachtleben in den Schweizer Städten beginnt nach Feierabend und dauert inzwischen regelmässig bis zum Morgengrauen. Und darauf richten sich Bars, Restaurants und Clubs mit einem stetig steigenden Angebot aus. Und SBB und regionale Busbetriebe schaffen ergänzend dazu Nachtverbindungen für die Party-Gesellschaft von heute. Der Kreislauf unterhält sich fast von selbst.

Dabei geht es um Milliarden, wie eine Masterarbeit der ZHAW über den Wirtschaftsfaktor Nachtleben in der Stadt Zürich zeigt. Dazu wurden 150 Betriebe befragt. Sie alleine kommen auf einen Jahresumsatz von 300 Millionen Franken. Rechnet man das auf die gesamte Partybranche hoch, kommt man bereits für die Stadt Zürich auf ein Umsatzvolumen von rund einer Milliarde.

Tausende Arbeitsplätze in Party-Industrie

Clubs in der Agglomeration der Stadt Zürich sind bei dieser Hochrechnung nicht berücksichtigt. Eines zeigt sich: Die Party-Industrie in der Schweiz ist längst zu einem Milliarden-Business geworden, doch über konkrete Umsatzzahlen sprechen die Betreiber nicht – viel lieber über die Kosten, die ihnen durch Auflagen und Vorschriften aus den Amtsstuben entstehen.

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Das Milliardengeschäft mit Ausgang und Party hat noch einen anderen Faktor: die Arbeitsplätze. In den befragten 150 Betrieben gibt es 950 Festanstellungen und 2250 Teilzeitmitarbeiter. Wird auch die Zahl der Mitarbeiter auf die gesamthaft 650 Betriebe hochgerechnet, dürften wohl weit über 6000 Jobs in Bars und Clubs alleine in der Stadt Zürich gezählt werden.

Doch viele Städte haben jetzt genug vom feiernden, saufenden und nachtruhestörenden Partyvolk in den Innenstädten. «Bei der Freigabe der Sperrzeiten im Nachtleben haben gewisse Städte und Kantone übertrieben. Da müssen wir wieder einen Schritt zurück machen», lässt sich der neue Städtepräsident Kurt Fluri in der vergangenen Ausgabe der «NZZ am Sonntag» zitieren – und bläst zum Angriff auf die Ausgeh- und Feiergesellschaft.

Zurück zur Polizeistunde

Die Ansage von Fluri sitzt – und die Forderung des Ständepräsidenten nach einer neuen Polizeistunde ist ein Stich ins Wespenset. Sie muss der Party-Industrie in die Knochen gefahren sein. Noch ist nichts entschieden, doch die Betreiber und Veranstalter des Nachtlebens im Lande sehen schon die Errungenschaften der 24-Stunden-Gesellschaft und ihre lukrativen Umsätze davonschwimmen.

Es scheint, die Party-Szene fürchte ein mögliches Revival der Polizeistunde wie der Teufel das Weihwasser. «Die Polizeistunde wäre nur ein weiterer Schritt, das Nachtleben in der Stadt St.Gallen oder auch in anderen Städten komplett zu eliminieren», sagt Ronny Spitzli, Mitinhaber der Partyveranstalterin Unstumpf GmbH inSt.Gallen.

Zurück zur Polizeistunde – da sind sich alle gefragten Clubbetreiber einig – wäre der Todesstoss für das Schweizer «Nightlife». Dies, weil heute vor 23 Uhr offenbar niemand mehr in den Ausgang geht. Vorbei sollen die Zeiten sein, in denen schon um 20.30 Uhr in den Discos die Lampen blinkten und um 0.30 Uhr Schluss war.

Party-Industrie sagt sich selber tot

Kämen die Städte auf eine hypothetische Polizeistunde von 1.30 Uhr zurück, sagt sich die Party-Industrie schon jetzt selber tot. «In den von uns betreuten Unternehmen ist die «Maintime» von 1.30 bis zirka 3 Uhr. Wir müssten also schliessen, wenn die Party auf dem Höhepunkt ist. Ich glaube aber nicht, dass wir Clubbetreiber des Übels Ursprung sind», argumentiert Spitzli.

Eine neue Polizeistunde wird auch in der Innerschweiz schon im Gedanke schlechtgeredet. Pillipp Waldis, Betreiber verschiedener Clubs in und um Luzern, hält nichts von einer Sperrstunde für seine Betriebe. «Würde die Polizeistunde auf 1.30 Uhr verlegt, dann würden in Luzern rund 6000 Partygäste zur gleichen Zeit den Heimweg antreten. Dies würde mögliche Lärmprobleme massiv verschärfen.» Der durchgehende Betrieb bis in den Morgen verteile den Aufbruch der Gäste viel besser.

Stadtbewohner wollen Land-Idylle

Die Party-Industrie rüstet sich zum Überlebenskampf und zum Kampf um den Verbleib in den Innenstädten. Zudem sieht sich die Party-Industrie selbst nicht als Wurzel von nächtlichen Emissionen. So sagt Ronny Spitzli: «Ich kann ja nicht in die Stadt ziehen und eine ländliche Idylle erwarten. Das Problem liegt also eher beim einzelnen Anwohner, der mit Klagen und Beschwerden ganze Clublandschaften vernichten kann.»

Die Positionen im Kampf um die Vorherrschaft in der Nacht sind bezogen.