Die Schweiz mag es bürokratisch: Wer als Geimpfter künftig von Coronamassnahmen-Erleichterungen profitieren will, muss ein Covid-19-Zertifikat haben, das ihm die Impfung attestiert. Das gleiche gilt für Genesene und Getestete.

Bis es so weit ist, dauert es: Das Zertifikat soll erst Anfang Juli gültig werden. Erst dann können auch die Unternehmer von Restaurants, Hotels, Tourismusbahnen, Parks, Feiern, Messen, Openairs von diesen Lockerungsschritten profitieren.

Nicht so das Tourismusland Griechenland: Dort können ab sofort alle Schweizer Gäste einreisen, die über einen ausländischen Nachweis verfügen. Ein Attest zum Beispiel, das einem ein Schweizer Impfzentrum in deutscher Sprache ausgestellt hat, genügt. Das gleiche gilt für Genesene. Sie müssen bloss nachweisen, dass sie positiv getestet werden. Dieser Nachweis gilt bis 9 Monate zurück.

Nicht so die Schweiz, hier geht alles etwas langsamer. Bis vor zwei Wochen glaubte das Bundesamt für Gesundheit, dass Genesene bloss drei Monate nach einer Erkrankung immun sind. Jetzt sind es sechs Monate. Mit anderen Worten: Athen anerkennt, das Genesene länger immun sind als in der Schweiz. Griechenland handelt nach aktuellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Schweiz nicht.

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Und noch schlimmer: Der Weg für viele ausländische Touristen in die Schweiz bleibt weiter blockiert. Aus über dreissig Ländern, darunter Belgien und Schweden, werden die Besucher nach der Landung für zehn Tage in Quarantäne geschickt.

«Für die Eventbranche die einzige Hoffnung»

Christoph Kamber, Präsident der Veranstaltervereinigung EXPO EVEN gibt Auskunft:

Wie werden die Veranstalter das Covid-19-Zertifikat nutzen?
Christoph Kamber: Das COVID-Zertifikat ist für die Veranstalter eine Möglichkeit ihre Tätigkeit endlich wieder aufnehmen zu können. Somit gehen wir davon aus, dass Sie es nutzen werden. Zudem ist es per Heute ziemlich alternativlos, da eine Vorgabe der Bundes- und schlussendlich der kantonalen Behörde. Ich glaube nicht, dass es grundsätzliche Opposition geben wird. Wir wollen schon längst arbeiten und brauchen klare Ansagen und Instrumente um dies umsetzen zu können.

Ist die Aufteilung «Orange» und «Rot» des BAG/Bundesrates in der Anwendung für die Event-Branche praktikabel?
Aus Sicht der Event-Branche ist die Definition «Grossveranstaltung» und «Veranstaltungen» noch genauer anzusehen. Die Personengrenze von 1’000 erscheint aber auf den ersten Blick ein guter Ansatz. Was hier nicht speziell berücksichtigt worden ist, sind die unterschiedlichen Veranstaltungsformate und deren Voraussetzungen (konzentrierter Einlass (Konzert) oder gestaffelter Einlass (Messe)). Der Vorschlag ist aber grundsätzlich nachvollziehbar.

Gibt es ausländische, bessere Lösungen?
Es gibt unterschiedliche Lösungsansätze aber eine substanziell bessere Lösung ist mir per Heute nicht bekannt. Wichtig ist, dass auch Besucher aus dem Ausland und dem jeweiligen Zertifikat an Veranstaltungen in der Schweiz identifiziert und zugelassen werden können. Hier ist man aber dran und wir gehen davon aus, dass es in der Praxis auch funktionieren wird.

Was empfiehlt der Event-Verband seinen Mitgliedern im Einsatz der künftigen Zertifikate?
Es gilt nun, die Zulassungsprozesse genau zu analysieren und sich vorzubereiten, sodass die Veranstalter bei der definitiven Einführung auch bereit sind die Anforderungen umzusetzen. Die Behörden haben hierzu bei spezifischen Fragen eine Anlaufstelle eingerichtet die genutzt werden kann.

Was sollte das BAG noch ändern? Die Umsetzung ist ja noch in Konsultation...
Die Lösung wie vorgeschlagen ist für einen Grossteil der Veranstaltungsbranche praktikabel. Wichtig ist, dass der Zulassungsprozess in der Praxis sehr schnell und reibungslos funktionieren wird.  Es wäre seitens Veranstalter eine riesige Herausforderung, wenn es zu technischen Problemen kommen würde - das darf nicht passieren!

(val)

Griechenland macht es anders: Bürger aus Schengen-Staaten dürfen ans Mittelmeer ohne Quarantäne einreisen. Das Ziel der Griechen ist klar: Touristen anlocken und die Wirtschaft ankurbeln, «und dies ohne Abstriche bei der Sicherheit», wie der dortige Tourismusminister Harry Theoharis am Samstag gegenüber RTL versicherte. Von einer solchen Fürsprache können Schweizer Touristiker nur träumen.

Zuwarten ist fatal

Der Verband Hotelleriesuisse verlangt seit lange eine Lockerung der Schweizer Vorschriften. Mit dem Covid-19-Zertifikat komme zwar jetzt etwas Hoffnung auf, aber so richtig optimistisch ist man noch nicht. «Die Gruppe der GGG, die Genesenen, Geimpften und Getesteten soll ohne harte Einschränkungen in die Schweiz einreisen dürfen», verlangt Lorenzo Schmiedke vom Verband Hotelleriesuisse. Bis Ende Juni zu warten, bis ein Covid-19-Zertifikat in ganz Europa operativ wäre, sei fatal für die Branche, denn ausländische Gäste buchen in den kommenden Wochen: «Es braucht ab sofort eine Übergangslösung bis Ende Juni».

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Auch die Reisequarantäne bei der Einreise von Touristen sollte fallen, sagt Schmiedke. «Die Reisequarantäne ist heute für die Touristen aus den allermeisten Staaten nicht mehr gerechtfertigt, weil die Touristen geimpft, genesen oder getestet sind».

Zankapfel Reisequarantäne

Die Covid-19-Einreiseerleichterungen sollten auch für Gäste aus Drittstaaten gelten, etwa aus den USA, China oder Grossbritannien. «Die EU plant eine solche Regelung auch für Drittstaaten», weiss Schmiedke. Warum die Schweiz nicht in diese Richtung plant, ist unklar. Für die Schweiz sind USA-Gäste das wichtigste Herkunftsgruppe, gefolgt von Gästen aus China, Deutschland und den Golfstaaten.

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Das Bundesamtes für Gesundheit (BAG) bekräftigt auf Anfrage, sie wolle an der Reisequarantäne festhalten. Die Reisequarantäne basiere «auf evidenzbasierten Erkenntnissen zur Eindämmung der Einschleppung von Sars-CoV-2 Fällen in die Schweiz». Dies sei «im jetzigen Zeitpunkt mit dem Auftreten von Varianten des Virus’ ausgesprochen relevant», darunter die indische Variante. Diese Variante und weitere andere würden vom BAG als «ansteckender als die ursprüngliche Variante des Sars-CoV-2» eingeschätzt. Sie führten «zu schwereren Krankheitsverläufen als die bisherigen Virusvarianten.» Auch seien Immune, ob geimpft oder genesen, weniger sicher vor neuen Virusmutanten als vor älteren. Das Amt wolle diesem Vorgehen «schneller und effektiver die Verbreitung der neuen Varianten einschränken».

Was auffällt: Das BAG formuliert ihre Antwort vage mit Begriffen wie «möglicherweise» und es werde «befürchtet». Mit anderen Worten: Gewissheit hat das Amt nicht. Dieses Vorgehen steht quer zur Erkenntnis mehrerer Studien, die zeigen, dass eine Reisequarantäne epidemiologisch nicht effizient aber teuer ist. Eine auf dieser Weise verhinderte Infektion führt zu volkswirtschaftlichen Kosten von rund einer halben Millionen Franken pro verhinderte Infektion, hatte die Covid-19-Taskforce Wirtschaft letzten Sommer errechnet.

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Nebulöse Vorteile für die Nutzung des Zertifikats

Ob und wie Hoteliers die Covid-19-Zertifikate im Inland ab Juli tatsächlich einsetzen, sei noch unklar, sagt Schmiedke. Dies, weil der Bund die gelockerten Schutzmassnahmen unter dem Einsatz des Covid-19-Zertifikat für Teilnehmende noch nicht definiert hat. Unklar ist, ob sich dies lohnt.

Beispielsweise könnte die Distanz- und Maskenpflicht in Innenräumen fallen, etwa für eine Hochzeitsgesellschaft, die in einem Hotel, Ballsaal oder einem Restaurant stehend einen Apéro einnimmt, ist oder tanzt.

Aber nur, wenn die Schutzmassnahmen mit einer Nutzung der Covid-19-Zertifikate massiv kleiner sind, also ohne Zertifikat, werden Hoteliers und Veranstalter eine Zugangskontrolle exklusiv für Leute mit Covid-19-Zertifikat in Anspruch nehmen und betrieblich einrichten. Es wird also wesentlich drauf ankommen, wie das BAG die Nutzungsbedingungen in den kommenden Wochen ausformuliert.

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Offen ist auch zum Beispiel, ob der Wirt oder der Veranstalter eines Festes für diese Zugangskontrolle verantwortlich ist. So bleiben bis heute die Vorteile eines Covid-19-Zertifikats für die sogenannten orangen Bereiche der Wirtschaft nebulös.

Es geht auch umgekehrt: Florida verbietet Covid-Zertifikate

In Florida wird es ab Juli gesetzlich verboten sein, einen Impfausweis oder irgendeine Art von «Covid Passport» zu verlangen. Gouverneur Ron De Santis hatte solch ein Verbot bereits im April per Regierungsverordnung – Executive Order – ausgesprochen, inzwischen wurde es durch das Parlament des drittgrössten US-Bundesstaates zum Gesetz gemacht.

Ron De Santis, ein Republikaner, erachtet den Zwang zum Impfausweis als unstatthaften Eingriff in die Privatsphäre. Letztlich bestehe die Gefahr, dass die Menschen damit gezwungen würden, persönlichste Gesundheitsinformationen grossen Unternehmen anzuvertrauen. «Du hast ein Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und ins Kino oder zu einem Ballspiel zu gehen, ohne dass sie dich nach dieser Art von Gesundheitsinformation fragen», sagte der Gouverneur, nachdem er das Gesetz kamerawirksam in einem Restaurant unterschrieben hatte.

«Ich denke, das ist evidenzbasiert», so De Santis weiter. «Wer zum jetzigen Zeitpunkt noch sagt, wir müssten die Menschen überwachen, der glaubt nicht an die Impfung, glaubt nicht an die Daten und glaubt nicht an die Wissenschaft.»

Quelle: Florida Gov. DeSantis Signs Bill Banning Vaccine Passports

(rap)

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