Die grossen Wirtschaftsorganisationen äussern eine Art kritische oder zähneknirschende Zustimmung zur Ausweitung der Zertifikatspflicht durch den Bundesrat. Dies müsse eine vorübergehende Massnahme darstellen «und darf nicht zu einem Dauerzustand werden», teilt beispielsweise der Dachverband Economiesuisse mit.

Nun gelte es, die Impfanstrengungen voranzutreiben – weshalb Economiesuisse die Arbeitgeber nochmals auffordert, «dass sich ihre Angestellten auch während der Arbeitszeit impfen lassen können: «Wir müssen alles dafür tun, damit die Hürden fürs Impfen möglichst tief sind. Das Ziel ist, dass spätestens zu Beginn der kalten Jahreszeit auch alle Unschlüssigen und Zuwartenden geimpft sind.»

Kritischer ist der Tonfall beim Gewerbeverband: Die Ausweitung der Zertifikatspflicht sein «nicht zielführend», der Schritt gefährde Umsätze wie Arbeitsplätze. «Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass kein empirischer Zusammenhang zwischen der Zertifikatspflicht und der Senkung der Anzahl von Hospitalisierungen besteht.» Insgesamt sei es notwendig, wieder zu einer «evidenzbasierten Politik» zurückzukehren.

Ein Problem sei insbesondere – so das SGV-Statement –, dass erneut Branchen und Unternehmen diskriminiert werden, «die bereits von den letzten Lockdown-Massnahmen stark betroffen waren.» Dies sei stossend, weil ja die Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit selber zeigten, dass nur die allerwenigsten Ansteckungen in Restaurants, Fitnesscentern oder am Arbeitsplatz erfolgen.

«Es muss nun darauf geachtet werden, dass am Arbeitsplatz der Datenschutz gewahrt bleibt und keine Diskriminierung stattfindet.»

Statement des Gewerkschaftsbundes SGB

Logischerweise enttäuscht geben sich die Restaurateure. Die Massnahme sei «nur schwer nachvollziehbar, da sich die Dynamik der Pandemie in den letzten Tagen wieder abgeschwächt hat», kommentiert ihr Verband Gastrosuisse. «Viele Betriebe werden nun zusätzliche massive Umsatzeinbussen haben.» Die Ausweitung sei weder nachvollziehbar noch zu begründen, so Verbandspräsident Casimir Platzer.

Speziell fürchtet sich Platzer um die Lage der Gastwirtschaften in den ländlichen Gebieten. Gerade dort – wo weniger Menschen geimpft sind – erwarten die Restaurateure Umsatzeinbrüche von 50 Prozent und mehr. Auf der anderen Seite sei zu befürchten, dass sich viele Treffen und Anlässe nun in den privaten Raum verschieben – ohne Schutzkonzepte.

Einsatz diffus

Als «lückenhaft» bezeichnet der Gewerkschaftsbund die heutigen Entscheide der Landesregierung. Auch die Dachorganisation der Arbeitnehmer erwartet, dass die Zertifikatspflicht in diversen Branchen zu Umsatzeinbussen führen kann – und so sei es umso wichtiger, dass die betroffenen Betriebe weiterhin auf Kurzarbeit zurückgreifen können.

«Doch wichtige Corona-Regeln bei der Kurzarbeit fallen Anfang Oktober weg», so der SGB: «Beispielsweise das vereinfachte Abrechnungsverfahren.»

Enttäuscht zeigen sich die Gewerkschaften zudem darüber, dass der Einsatz des Covid-Zertifikates in den Betrieben zu diffus sei: «Der Entscheid, ob ein Zertifikat eingeführt wird und wie dies genau geschieht, wird weitgehend dem Arbeitgeber überlassen.» Immerhin sei die SGB-Forderung übernommen worden, dass die Arbeitnehmer vorgängig konsultiert werden müssen.

Doch grundsätzlich wäre es die Rolle der Behörden gewesen, den Einsatz von Zertifikaten am Arbeitsplatz rechtsgleich und verhältnismässig zu regeln, befinden die Gewerkschaften. Nun müsse nun darauf geachtet werden, «dass am Arbeitsplatz der Datenschutz gewahrt bleibt und keine Diskriminierung stattfindet.»

(rap)