Zwei Wochen nach der verheerenden Brandkatastrophe von Crans-Montana rückt die Frage nach der Verantwortung in den Vordergrund. Gut so. Die lückenlose Aufklärung ist angesichts von vierzig Toten, Dutzenden Schwerverletzten und Hunderten Trauernden, die ein Kind, eine Schwester, einen Bruder, einen Liebsten oder eine Freundin verloren haben, oberste Pflicht. Doch ob das gelingen wird? Im Moment sieht es nicht danach aus. Am Vorgehen der Walliser Staatsanwaltschaft gibt es Zweifel. Dass sie den Besitzer der Bar erst nach einer Woche in U-Haft nahm, ist unverständlich, ebenso wie die Tatsache, dass die Räumlichkeiten der Gemeindeverwaltung nicht durchsucht wurden und dass sie den Angehörigen Anwälte vorschlug, die in ihrem eigenen Aufsichtsgremium sitzen. Und der Versuch des Gemeindepräsidenten, die Gemeinde als Opfer darzustellen, macht geradezu fassungslos.
Das System Schweiz mit seiner grossen Nähe zum Bürger, mit der Subsidiarität und der Betonung der individuellen Verantwortung hat viele Stärken. Der Schock und die Bestürzung sind ja genau deshalb so gross, weil das verheerende Unglück in der Schweiz passiert ist. Ausgerechnet bei uns, wo man das nicht für möglich gehalten hätte. Wer erinnert sich noch, dass vor nicht einmal einem Jahr in Mazedonien in einer Disco mehr als sechzig Menschen bei einem Brand ums Leben kamen? Oder dass in Brasilien vor 13 Jahren fast 250 Menschen in einer Feuerkatastrophe starben und mehr als 600 verletzt wurden. Wo ist Sicherheit noch möglich, wenn selbst in der Schweiz eine solche Katastrophe geschehen kann: Auch das mag bei der Empörung mitschwingen.
Die Schwäche des Modells Schweiz ist, dass ihm in der Krise der «sense of urgency» abgeht; dass es selbst dann beim scheinbar Bewährten bleibt, wenn es wie in Crans-Montana kolossal versagt und damit unendliches Leid verursacht hat. Und so kommt es, dass nach der Katastrophe in der Neujahrsnacht ein zweites Desaster droht. Geht es nach der gängigen Gerichtspraxis, so werden die Zahlungen an die Opfer grotesk tief ausfallen, gemessen am Schmerz, den sie und die Angehörigen erlitten haben und weiter erleiden. Und ob sich das Versprechen des Walliser Staatsratspräsidenten Mathias Reynard, «de faire toute la lumière», noch halten lässt, ist fraglich. Das System Schweiz droht damit ein zweites Mal zu versagen. Das wäre verheerend, für die Opfer und ihre Angehörigen und für alle, die im Wallis und anderswo in der Schweiz gewissenhaft ihre Verantwortung wahrnehmen.

