Sie lehren an der Uni Basel und Luzern und beschäftigen sich mit der Dritte-Welt-Bewegung in der Schweiz, mit dem Kakaohandel und mit Economiesuisse. Was hat am meisten Spass gemacht?
Andrea Franc: Das Archiv eines global tätigen Unternehmens war sicher vielfältiger als die Akten von Schweizer Vereinen.

Was fasziniert Sie dennoch an Economiesuisse, dem grössten Wirschaftsdachverband der Schweiz?
Ursprünglich interessierten mich die Direktinvestitionen der Schweizer Unternehmen im globalen Süden. Darüber brauchen wir Forschung, um gültige Aussagen zu Konzernverantwortung machen zu können.

Und sonst?
Mittlerweile fasziniert es mich fast mehr, wie verzweifelt sich die politische und journalistische Schweiz von links bis rechts an den Mythos des mächtigen, unnahbaren und unendlich vermögenden Wirtschaftsdachverband klammert.

Der Verband, 1870 gegründet, hatte viel Macht. Über die Jahrzehnte hat er an Einfluss verloren. Die grösste Pleite erlebte er mit der Abstimmung über die Masseneinwanderung. Kein Niedergang in Raten?
Der Erfolg des Verbands der Schweizer Unternehmen ist lediglich der Pegelstand für das, was man „Ease of Doing Business“ nennt. Wenn Economiesuisse einen Niedergang erlebt, dann erlebt die Schweizer Wirtschaft einen Niedergang.

Die Vorläufer «Vorort» rsp. Schweizerischer Handels- und Industrieverein prägten die Wirtschaftspolitik über Jahrzehnte.
Bis zum Generalstreik 1918. Ein Jahr danach kam die Proporzwahl und nicht nur die Gewerkschaften und der Gewerbeverband, sondern vor allem der Bauernverband bildeten mit dem Vorort die Spitzenverbände, die sich in der Ständigen Wirtschaftsdelegation trafen.

Speziell war die Verknüpfung von Politik und Wirtschaft, die heute nicht mehr besteht.
Nach der Gründung des «Vororts» waren die meisten Verbandsexponenten gleichzeitig Nationalräte, daher die Bedeutung des Verbands. Bis 1848 war die Schweiz ein Bund von Kleinststaaten und der Ausbau der eidgenössischen Verwaltung ging langsam voran, während die Volkswirtschaft boomte. Also haben die Unternehmer angefangen, sich bottom-up national zu organisieren.

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Wer war der Treiber?
Wichtig war zweifellos Nationalrat Peter Jenny, ein Textilkaufmann aus Glarus. Er war bereits im 19. Jahrhundert ein global vernetzter Unternehmer.

Inwiefern?
Der Bauernsohn absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in Wattwil und in italienischen Ancona, dann arbeitete er in Singapur bei einer deutschen Handelsgesellschaft. Später führte er die Textildruckerei Blumer & Jenny in Schwanden GL und eröffnete eine Hauptfiliale in Manila auf den Philippinen. Dort verkaufte er Schweizer Textilien und Uhren und exportierte Tabak, Zigarren und Zucker. Er war federführend bei der Gründung des Handel- und Industrievereins am 12. März 1870 im Casino Bern.

«Es gab eine grosse Kolonie von Auslandschweizern in Persien.»

Die Schweizer Unternehmer waren also Pioniere der Globalisierung?
Absolut. Aufgrund der Kontinentalsperre Napoleons zu Beginn des 19. Jahrhunderts richteten sich die Schweizer Unternehmen konsequent global aus. Ein Viertel der Exporte ging allein in die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Gezielt erschlossen die Schweizer Unternehmen neue Märkte in Lateinamerika, dem Osmanischen Reich, Russland und Asien.

Den Unternehmern ging es bei der Gründung des Wirtschaftsverbandes primär um die Sicherstellung der Export?
Um viel mehr. Auch um Postwesen, Transportinfrastruktur und den Schutz der Auslandsinvestitionen. Es ging faktisch um das Aushandeln von Rahmenabkommen mit sehr diversen, unberechenbaren und politisch instabilen Staatsgebilden - als es weder eine UNO noch eine WTO gab. Die Unternehmer waren global integriert, ein Beispiel ist die Helvetia Versicherung, die gleich nach ihrer Gründung 1858 im Osmanischen Reich Dienstleistungen verkaufte. Es brauchte klare Regeln für die privaten Unternehmen während einer rasanten ersten Globalisierung. Das ist heute, in der zweiten Globalisierung, nicht anders.

Der Verband war enorm wichtig, steuerte die Wirtschaftspolitik. Das wäre heute unvorstellbar.
Die Kaufleute waren zwangsläufig auch Politiker und Diplomaten. Es gab in der Schweiz ja noch keine Zentralregierung. Diese ad hoc Wirtschaftspolitik geht bis ins Mittelalter zurück. Bereits nach der Niederlage von Marignano 1515 begannen die Schweizer ein Freihandelsabkommen auszuhandeln. Damals sicherte ihnen der König von Frankreich im «Ewigen Frieden» den freien Zugang zum französischen Absatzmarkt zu, auf der anderen Seite durfte er in eidgenössischen Orten Söldner ausheben.

Und was waren die wirtschaftlichen Folgen?
Dieses Abkommen war die Grundlage für ein jahrhundertelanges Wirtschaftswachstum. So stieg ausgerechnet die kleine Schweiz zum Tigerstaat Europas auf. Diese Position wurde 1648 mit dem Westfälischen Frieden weiter verstärkt. Wieder gaben Kaufleute den Anstoss bei den Verhandlungen. Damals holten die Kaufleute für die Eidgenossenschaft faktisch die Souveränität heraus, weil sie keine Lust mehr hatten, sich bei jeder internen Streitigkeit an den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu wenden. Nebenbei hat man so auch noch das Zinsverbot gekappt, allerdings nur in den protestantischen Kantonen. Die Unternehmer, die ins Ausland zogen, brauchten weitere Handelsverträge, etwa mit dem damaligen Persien. Diese Verträge färbten ab auf die Schweiz, die auch durch diesen Austausch mit fernen Ländern dem Liberalismus verpflichtet war.

Was wollten die Perser?
Es waren die Schweizer, die grosses Interesse hatten. Es gab eine grosse Kolonie von Auslandschweizern in Persien. Das Land war ein wichtiger Handelspartner, vor allem wegen Uhren und Textilien. Also wollten die Exportunternehmer einen neuen Freihandelsvertrag. Es gab aber noch ein Problem: Die Niederlassungsfreiheit in der Schweiz galt nur für Christen. Dieses Verbot zielte zwar auf die Juden, aber es betraf auch die Muslime. Das aber wollten die Perser nicht akzeptieren.

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Das Ergebnis?
Auf einer Europa-Reise besuchte Schah Nasir ad-Din 1873 auch die Schweiz, wo er einen Freundschafts- und Handelsvertrag unterschrieb. Gleichzeitig musste die Schweizer Verfassung liberalisiert und die Niederlassungsfreiheit gestärkt werden. Die Schweiz war damals unglaublich vernetzt: 300'000 Schweizer lebten im Ausland, 150'000 davon in Übersee. Der «Vorort» stand klar für einen Ausbau der Bundesverwaltung, wie sie bis zum Ersten Weltkrieg auch langsam erfolgte.

Heute drängt die Wirtschaft auf weniger Staat.
Man muss die Dimensionen sehen. Damals hatte die gesamte Bundesverwaltung im Bundeshaus West Platz. Einen derart drastischen Rückbau verlangt heute aber niemand.

Die Spurensucherin

  • Name: Andrea Franc
  • Funktion: Privatdozentin Universität Basel, Universität Luzern
  • Alter: 42
  • Ausbildung: Geschichtsstudium und Habilitation Uni Basel, Doktorat Universität Genf, Visiting scholar Universität Oxford
  • Bücher:
    • «Wie die Schweiz zur Schokolade kam: Der Kakaohandel» (2008)
    • «Schweizer Imperialismus in Afrika» (2007)
    • «Die Basler Handelsgesellschaft im Westafrika-Kartell» (2011)
    • «Von der Makroökonomie zum Kleinbauern. Der Wandel des Fair-Trade-Konzepts in der schweizerischen Dritte-Welt-Bewegung (1964–1984)» (2019)
    • «Ein Verband wie die Schweiz» – Geschichte der Economiesuisse zum 150-Jahr-Jubiläum (März 2020)

Richtig ausgebaut wurde der Staat mit den beiden Weltkriegen. Welche Rolle spielte der Wirtschaftsverband?
Er blieb bis Ende des 2. Weltkrieges sicher einflussreich, allerdings teilte er sich diesen Einfluss mit den anderen Spitzenverbänden. Zudem waren weiter einige Vertreter des Vororts oder der 1943 gegründeten Wirtschaftsförderung gewählte Nationalräte. Der Vizepräsident des Vororts Ernst Wetter wurde 1938 gar Bundesrat. Hans Sulzer war 17 Jahre lang Vorort-Präsident und im 2. Weltkrieg Minister mit Diplomatenpass.

Im Hauptamt war er ein bedeutender Industrieller aus Winterthur.
Richtig. Als die Schweiz im 2. Weltkrieg unter der Blockade der Kriegsgegner litt, reiste er nach Berlin und London und verhandelte monatelang wegen einer Lockerung. Bereits früher - im Ersten Weltkrieg war er Gesandter in Washington, wo er für die Versorgung der Schweiz mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen sorgte. Für den Staat war der Einsatz von erprobten Unternehmern eine effiziente Lösung: Er hatte professionelle Verhandler, welche mit der Welt vertraut waren und fremde Sprachen redeten - und gleichzeitig brauchte der Staat wenig Ressourcen.

Mit den Weltkriegen verlor der Wirtschaftsverband an Macht?
Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und den Weltkriegen wurde der Einfluss des Staates stark ausgebaut. Denn ab den 30er Jahren gab es keine freie Marktwirtschaft mehr. Zwischen den Staaten gab es nun Clearing-Verträge, die den Export und Import kontrollierten. Der Vorort übernahm die Kontrolle und rutschte damit in Staatsfunktionen hinein, obwohl er diese Aufgabe gar nicht suchte.

Weshalb nicht? Das versprach Macht.
Aber gleichzeitig auch Bürokratie und Abhängigkeit von der Verwaltung. Unternehmer wollen von der Politik und der Verwaltung am liebsten in Ruhe gelassen werden. Da es aber den freien Handel nicht mehr gab, liessen sie sich in die Krisen- und Kriegswirtschaft einbinden. So erhielt der Vorort-Direktor ein eigenes Büro im Bundeshaus. Aber sie bekamen auch Konkurrenz?

Vom Gewerkschaftsbund?
Ja, aber vor allem vom Bauernverband, der mit der Nahrungsmittelversorgung im 2. Weltkrieg enorm an Gewicht gewann. Dass der Wirtschaftsverband nach dem 2. Weltkrieg aber tatsächlich an Bedeutung verlor, zeigte sich daran, dass er sein Büro im Bundeshaus – das legendäre Büro 62 im Bundeshaus West – aufgeben musste.

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Die Nachkriegszeit war geprägt von einem Wirtschaftsaufschwung. Mit der Ruhe war es allerdings vorbei, als die 68er-Generation mit ihrer Kapitalismus-Kritik für Unruhe sorgten - und Unverständnis und Ängste aus. Vorort-Direktor Gerhard Winterberger lästerte über die jungen Wilden: Das seien «leistungsscheue junge Leute ohne berufliche Qualifikation».
Winterberger war noch ein Vertreter der Generation der Geistigen Landesverteidigung und kannte die heutigen Gesetze der Political Correctness noch nicht (lacht). Meines Erachtens hat er jedoch sehr luzide erfasst, was in einer Gesellschaft passiert, wenn Leistung und harte Arbeit als rechtskonservatives Bünzlitum lächerlich gemacht wird.

Man glaubte, in der Schweiz würde eine Revolution ausbrechen.
Es gab in den 1970er Jahren eine Systemdebatte, die zweite übrigens. Bei der ersten ging es um den Wettbewerb zwischen den Wirtschaftssystemen Kapitalismus und Kommunismus. Dass die Wirtschaft maximal wachsen soll, wurde jedoch nicht in Frage gestellt. Bei der zweiten Systemdebatte ging es um Fragen wie: Wirtschaftswachstum ja oder nein? Konsum ja oder nein? Und wie steht es um die Dritte Welt?

Ihre Antwort?
Ohne Wirtschaftswachstum kein Sozialstaat.

Dafür hatten die 68er kein Verständnis.
Richtig, sie redeten von Ausbeutung, Gerechtigkeit, Moral. Und von Machtkonzentration. Sie fanden damit viel Sympathie bis ins bürgerliche Lager, auch bei den KMUs. Selbst Vorortdirektor Winterberger war nicht begeistert von der Machtakkumulation bei den Grosskonzernen.

Internationalen Druck gabs auch, weil die Schweizer Wirtschaft trotz Sanktionen gegen das südafrikanische Apartheid-Regime Südafrika munter Geschäfte betrieb.
Der Vorort verhielt sich passiv und drängte nicht auf Normen, das war so. Schliesslich schossen sich auch internationale NGOs wie Amnesty International oder Greenpeace auf die Schweiz ein. Der Wirtschaftsverband war nun mehrfach gefordert: Industriestaaten machten Druck, auch Europa und NGOs im In- und Ausland, dazu die Linke im Land.

Eine wichtige Rolle bei der Kapitalismuskritik spielte die Erklärung von Bern (heute Public Eye). Ihre Zielscheibe war auch der Wirtschaftsverband.
Treiber waren anfänglich Theologieprofessoren aus Basel und Genf, Drittweltaktivisten und linke Ökonomen wie Rudolf Strahm. Die Theologen gaben 1970 eine Studie in Auftrag über das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, dem Vorläufer der EU. Aus entwicklungspolitischen Gründen stemmte man sich gegen einen Beitritt der Schweiz zu europäischen und internationalen Organisationen. Sie bildeten eine unheilige Allianz mit dem mächtigen Bauernverband. Dieser lancierte das Bild von der Bauernfamilie als Gegenentwurf zum anonymen Grosskonzern. Und behindert damit bis heute das Abschliessen von Freihandelsverträgen, zuletzt jenes mit den USA vor ein paar Jahren. Der Vorort fürchtete seit dem 2. Weltkrieg die Blockade durch die Bauern und warf dieser unheiligen Allianz «Öko-Protektionismus» vor.

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Auch der Unternehmer und SVP-Stratege Blocher schoss sich auf den Wirtschaftsverband ein. Der Verband sei gezeichnet von «Sattheit und Selbstgenügsamkeit». Die Economiesuisse-Direktoren tat er noch 2015 als «Wirtschaftsbürokraten» ab.
Die Globalisierungsgegner und Drittweltaktivisten spielten ihm direkt in die Hände. Der Sieg bei der EWR-Abstimmung im Dezember 1992 kam auch dank der Nein-Parole der Grünen und vieler Entwicklungspolitiker aus dem linken Lager zustande. Im Mai 1992 kam ja zunächst das Referendum der Hilfswerke gegen den Beitritt der Schweiz zu IWF und Weltbank zur Abstimmung. Von dieser Vorarbeit der Linken hat Christoph Blocher enorm profitiert. Obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Lagern stammten, sangen sie das Loblied auf die Kleinbauern und kritisierten die Grosskonzerne. Aus Globalisierungskritik wurde faktisch Nationalismus. Für den Wirtschaftsverband, der vom Generalstreik 1918 her einzig den Konflikt mit den linken Arbeitern gewöhnt war, war dieser Zangenangriff von Rechts und Grün ein Schock.

Economiesuisse hat die Saläre der Banker in zweistelliger Millionenhöhe nie kritisch hinterfragt. Die Folge war die Annahme der Abzocker-Initiative.
Wie gesagt, es gibt den Mythos vom allmächtigen Wirtschaftsverband und der Realität eines Schweizer Vereins, der viele Interessen vereinigen muss und nicht von oben herab geführt werden kann.

Der nächste grosse Abstimmungskampf steht bevor, die Begrenzungs-Initiative. Wird sie angenommen, fällt die Personenfreizügigkeit – und vermutlich die bilateralen Verträge mit der EU. Kann sich der Wirtschaftsverband durchsetzen?
Die Stimmbevölkerung entscheidet sich nicht immer für „ease of doing business“. Manchmal entscheiden sich die Leute bewusst gegen Wirtschaftswachstum und für Identitätsanliegen - und tragen dafür ja auch selber die Kosten. Bei Economiesuisse arbeiten traditionellerweise gut ausgebildete Ökonomen, die diese Kosten prognostizieren können.

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150 Jahre Economiesuisse

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse wurde 1870 im Berner Casino unter dem Namen Schweizerischer Handels- und Industrieverein (auch bekannt als «Vorort») gegründet. Federführend waren die kantonalen Handels- und Industrievereine. Ein Kantonalverband sollte jeweils für ein Jahr die Führung übernehmen. 2000 fusionierte der Vorort mit der Wirtschaftsförderung; das Fusionsprojekt nannte sich in Economiesuisse um. Die Festivitäten zum diesjährigen 150-Jahr-Jubiläum des wichtigen Wirtschaftsverbands werden wegen Corona auf 2021 verschoben.