Schätzungen des Internationalen Währungsfonds zufolge beliefen sich die globalen Leistungsbilanz-Ungleichgewichte 2024 auf rund 3,6 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung – Tendenz steigend. Zwar liegt dieser Wert unter den Extremwerten der Zeit vor der Finanzkrise. Mitte der Nullerjahre erreichten die Ungleichgewichte rund 6 Prozent des Welt-BIP. Doch die strukturellen Spannungen, die dahinterstehen, sind heute politisch deutlich brisanter als damals.
Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt. Die Vereinigten Staaten verzeichnen seit Jahren ein erhebliches Leistungsbilanzdefizit – zuletzt rund 1,2 Billionen Dollar. China dagegen erzielt weiterhin hohe Überschüsse. Allein im vergangenen Jahr dürften sie sich auf rund drei Viertel Billionen Dollar belaufen haben. Diese Konstellation ist Ausdruck zweier fundamental unterschiedlicher Wirtschaftsmodelle: eines konsumgetriebenen amerikanischen und eines staatlich gesteuerten, produktions- und exportorientierten chinesischen Modells.
Boris Zürcher war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Seco und ist regelmässig Gastautor der Handelszeitung.
Traditionell wird das amerikanische Defizit mit der niedrigen Sparquote der USA erklärt. Damit erscheint das Leistungsbilanzdefizit wesentlich selbst verschuldet. Tatsächlich gilt gemäss volkswirtschaftlicher Buchhaltung, dass der Leistungsbilanzsaldo der Differenz zwischen nationalem Sparen und den Investitionen entspricht. Weil amerikanische Haushalte und der Staat mehr konsumieren als sparen, muss ausländisches Kapital die Lücke für Konsum, Investitionen und die Staatsdefizite finanzieren.
Viele Ökonomen sehen jedoch andere Ursachen: ein globales Überangebot an Ersparnissen. Länder mit grossen Exportüberschüssen – allen voran China – müssen ihre Kapitalüberschüsse irgendwo anlegen. Ein erheblicher Teil davon fliesst in amerikanische Staatsanleihen und Finanzmärkte, weil diese weiterhin als sicher, liquide und letztlich alternativlos gelten.
Verstärkt wird dieser Mechanismus durch die Rolle des Dollar als globale Reservewährung. Die weltweite Nachfrage nach amerikanischen Vermögenswerten stärkt den Dollar, verteuert US-Exporte und verbilligt Importe. Das amerikanische Leistungsbilanzdefizit wird dadurch strukturell verfestigt.
Auf der anderen Seite steht Chinas Wirtschaftsstrategie. Peking hat seine Industriepolitik in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet, Schlüsselindustrien mit staatlichen Krediten und Subventionen gefördert und den Renminbi künstlich tief gehalten. Exemplarisch dafür steht die Initiative «Made in China 2025». Weil der private Konsum vergleichsweise schwach bleibt, drängt ein grosser Teil der Produktion auf die Weltmärkte.
So entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Chinas Wirtschaftsmodell ist auf ausländische Nachfrage angewiesen, während die Vereinigten Staaten faktisch als «Konsument der letzten Instanz» fungieren. Amerikanische Haushalte und der Staat verschulden sich – und die Ersparnisse der Überschussländer fliessen über die Finanzmärkte wieder in die USA zurück.
In dieser Ausgangslage spielt die Schweiz eine nicht unbedeutende Rolle – obwohl sie wirtschaftlich viel kleiner ist. Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung weist sie einen der grössten Leistungsbilanzüberschüsse der Welt auf und trägt zur Perpetuierung der globalen Ungleichgewichte bei. Der Überschuss der Schweiz entsteht nicht nur durch Exportindustrien wie Pharma oder Maschinenbau, sondern auch durch Kapitalerträge aus Auslandsvermögen, Lizenzeinnahmen und die Gewinnrückführung internationaler Konzerne. Die Schweiz exportiert nicht nur Güter und Dienstleistungen, sondern auch Ersparnisse – und finanziert damit die Defizite anderer Länder.
Was vordergründig ökonomisch als Stärke erscheint, schafft zugleich politische Abhängigkeiten. Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen geraten in einer zunehmend protektionistischen Welt unter Druck – etwa durch Zölle und Forderungen nach Investitionen im Ausland. Anschauungsunterricht dazu geben der Schweiz gegenwärtig nicht nur die USA, sondern jüngst auch Italien und die EU mit ihrer Initiative «Made in Europe» insgesamt. Folge davon kann sein, dass Wertschöpfung aus der Schweiz abwandert.
Die globalen Ungleichgewichte sind damit längst mehr als eine ökonomisch interessante Fussnote. Sie haben eine geopolitische Dimension erhalten und prägen die Konfliktlinien der Weltwirtschaft. Indem die westlichen Industriestaaten sich zunehmend gezwungen sehen, die protektionistische chinesische Handelspolitik zu kopieren, wird das für die offene Schweiz zu einem anhaltenden Problem. Denn ihr Wohlstand beruht auf genau jener offenen Weltwirtschaft, die politisch immer weniger selbstverständlich erscheint.
