Die Bundesanwaltschaft berichtet seit Jahren, dass das Mafia-Problem in der Schweiz lange unterschätzt wurde und fordert härtere Gesetze gegen die organisierte Kriminalität. In diesen Tagen zeigen Verhaftungen im Umfeld der Mafia-Gruppe 'Ndrangheta, dass die sich noch immer in der Schweiz wohlfühlt. Im Visier der Fahnder steht eine Zelle im Kanton Thurgau.

Seit knapp 40 Jahren ist die Mafia im Thurgau aktiv, das erste Mal gestört wurde ihre Ruhe erst im Juni 2007, als die Mafiamorde in der deutschen Industriestadt Duisburg zum Medienereignis wurden und die 'Ndrangheta plötzlich nicht nur für eingeweihte Justizbeamte, sondern auch für Politiker und die Öffentlichkeit ein Thema wurde.

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Ausgangspunkt Singen

Die deutschen Ermittler hatten schon länger bemerkt, dass sich rund um das deutsche Städchen Singen, gleich hinter Schaffhausen, eine Zelle der 'Ndrangheta einnistete und wurden von ihren italienischen Kollegen gebeten, in Singen das Lokal «Ricardo» zu überwachen.

Zu den Exponenten im Raum Singen gehörte Bruno Nesci, der mit seinen Kumpels in Frauenfeld regelmässig auf Tuchfühlung ging - man tauschte sich aus über Geschäfte und teilte das Territorium auf. Sein Boss war Domenico «Don Mico» Oppedisano, zu dessen Einflussbereich die Thurgauer Zelle mit Singen und Umgebung gehörte und der 2009 in abgehörten Telefongesprächen als «uno del Crimine» bezeichnet wurde – ein Mafiaboss der 'Ndrangheta.

Bald darauf, im Jahr 2010, wurden Bruno Nesci und Domenico Oppedisano verhaftet. Diesen Ereignissen voran gingen Abhöraktionen im Jahre 2009 der Ermittler des LKA Baden-Württemberg, die erstmals belegten, dass auch in der Schweiz eine tief verankerte Zelle im Thurgau existiert.

Mit dem Kia nach Kalabrien

Im selben Jahr tauchte am Nachmittag des 18. August 2009 ein Schweizer Personenwagen der Marke Kia mit der Thurgauer Nummer TG 117213 auf dem Gelände von «Don Mico» in Kalabrien auf. Darin sassen vier Mafiosi: Giuseppe O. (55) aus Kefikon - von Beruf «Belagsarbeiter» -, Domenicantonio O. (83) aus Italien, Romeo Carmelo C. (40) aus Frauenfeld und Michele O. (31) aus Kefikon im Kanton Thurgau. Die Ermittlungsakten liegen handelszeitung.ch vor.

Die Gäste aus der Schweiz trafen sich für eine Besprechung über die Aufteilung auf verschiedenen Ebenen. Die Fahnder schnitten das Treffen mit und bezeichnen es als einen wichtigen Beweis in den Ermittlungen gegen «Don Mico» und Co.

«Seid Ihr folgsam?»

Um in der Schweiz schneller ans Ziel zu kommen, haben die Bundesanwaltschaft und die italienischen Behörden eine gemeinsame Untersuchungsgruppe (squadra comune) ins Leben gerufen - damit werden neue Erkenntnisse sofort miteinander ausgetauscht. Dies führte jetzt dazu, dass übers Wochenende Andrea Nesci und Raffaele A. in Italien verhaftet wurden. Raffaele A. besass in Frauenfeld ein Taxi-Unternehmen und war begeisterter Schrebergärtner, berichtet der «Blick». In der Tierwelt haben Biologen für dieses Verhalten einen Begriff kreiert: «Mimikry» - die perfekte Tarnung, wie ein Chamäleon.

So perfekt war die Täuschung jedoch nicht: Nesci ist auch in einem Überwachungsvideo in einer Frauenfelder Beiz erkennbar, das am Montag von der Polizei in Reggio Calabria öffentlich gemacht wurde.

Die Wortwahl in der Beiz ist entlarvend. Es wird über Drogengeschäfte ganz unverblümt gesprochen. Und - scheinbar wegen der Straffreiheit in der Schweiz - schwört Nesci seine Mitstreiter unverblümt auf die einträglichen Geschäfte ein. «Seid Ihr alle folgsam?» - «Ja, wir sind folgsam», erweisen sie ihm die Ehre.