Erst Frau, dann Bundesrätin» – so übertitelte die «NZZ am Sonntag» einen Artikel zum jüngsten Sexismusfall im virtuellen Raum. Es geht darin um Bundesrätin Karin Keller-Sutter (KKS), die Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht hat, weil ein Rentner sie im Netz mithilfe des KI-Chatbots Grok vulgär beschimpft hatte. Die Story spannt den Bogen bis in die USA: Deren Präsident könnte verärgert sein – schliesslich ist Grok ein Kind von xAI, das seinem Freund, Tech-Milliardär Elon Musk, gehört.

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Die Schlagzeile zeigt typische Schemata im Umgang mit solchen Fällen auf. «Erst Frau, dann Bundesrätin» insinuiert, KKS setze die falschen Prioritäten – stelle ihre Strafanzeige in eigener Sache über das Verhältnis der Schweiz zur Weltmacht USA. Und sie zementiert die alte Vorstellung, Frau und Amt seien zwei voneinander getrennte Rollen. Genau das wird Frauen von jeher beigebracht – im Job nicht «Frau sein», sondern angepasstes Funktionieren nach den Regeln einer mehrheitlich männlich geprägten Welt.

Dabei macht unsere Bundesrätin schlicht das, was viele Frauen gern tun würden, aber aus finanziellen Gründen oder Angst oft nicht können: Sie wehrt sich. Juristisch. Öffentlich. Selbstbestimmt. Digitale Gewalt ist kein Randphänomen, sondern Teil eines Systems, das Frauen abwertet und klein hält – mit Ausstrahlung auf ihre berufliche Reputation. Und das alles passiert in einer Zeit, in der Gleichstellung sowieso im Backlash-Modus ist. Grok ist in dieser Situation ein Brandbeschleuniger für einen sichtbaren Rückfall in Misogynie, auch wenn das Management des KI-Chatbots jüngst Verbesserungen versprach.

Die Gastautorin

Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin. Sie ist derzeit als Sabbatical-Vertretung für die Handelszeitung tätig.

Die Zahlen sind eindeutig: Fast 59 Prozent der Frauen in der Schweiz haben im Erwerbsleben mindestens eine Form sexueller Belästigung erlebt, wie eine Studie des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung zeigt. Oft sind es «nur» Sprüche, Gesten, ein ständiges Nicht-ernst-Nehmen. Im Netz verschärft sich diese Dynamik: Rund 70 Prozent der Betroffenen von Onlinehass sind Frauen. Sexualisierte Gewalt ist dort kein Ausrutscher, sondern Methode. Dass sich prominente Frauen dagegen zur Wehr setzen, ist deshalb mehr als ein persönlicher Akt – es ist ein politisches und auch ein wirtschaftliches Signal. Die deutsche Schauspielerin Collien Fernandes hat Anzeige wegen KI-generierter Deepfake-Pornos eingereicht. In Italien zog Ministerpräsidentin Giorgia Meloni vor Gericht, nachdem ihr Gesicht für pornografische Videos missbraucht worden war. Es geht nicht um Empfindlichkeiten, sondern um Schädigung von Würde und Reputation – sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext.

«Die Scham muss die Seite wechseln» – der Satz der Französin Gisèle Pelicot, die ihren Vergewaltigungsprozess bewusst öffentlich machte, gilt auch im digitalen Raum. Wer Frauen erniedrigt, soll sich erklären müssen. Nicht umgekehrt. Frau sein und Bundesrätin – das sind darum eben nicht zwei getrennte Dinge. Oder verlangt jemand von Bundesrat Guy Parmelin, zuerst Amtsträger und dann Mann zu sein? Das eine ist untrennbar mit dem anderen verbunden.

Und doch hält sich der Reflex der Bagatellisierung. Keller-Sutter mache die Sache mit der Anzeige unnötig gross, kritisierte SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel. Genau das ist Teil des Problems: Sexualisierte Aggressionen werden noch immer relativiert, als Privatsache abgetan. Frauen sollten «über der Sache stehen», virtuelle Attacken ignorieren respektive erdulden. Doch vom vermeintlich irrelevanten obszönen Kommentar auf Social Media bis zum globalen Skandal um Jeffrey Epstein zeigt sich das immer gleiche Muster: Es geht um Macht und Entwürdigung, um bewusste Grenzüberschreitungen gegenüber Frauen, mit dem Ziel, diese zu schwächen.

KKS handelt deshalb richtig: Wer das Kleine toleriert, macht das Grosse erst möglich.