Der Bundesrat hat die Summe für Überbrückungskredite nochmals aufgestockt – um 20 Milliarden Franken. Damit sollen insbesondere KMU vor Geldnöten bewahrt werden. Die bereits am 20. März versprochenen 20 Milliarden reichten also bei weitem nicht: Wie Finanzminister Ueli Maurer in Bern meldete, wurden bis Donnerstag 76’000 Kredite bezogen – mit einem geschätzten Volumen von 14 Milliarden Franken.

Und so blickt auch Achim Strohmeier auf intensive Tage zurück. «Am vergangenen Donnerstag war das ­gefühlt wie im Ausverkauf. Als die Formulare für die Covid-19-­Kredite aufgeschaltet wurden, brachen die Anträge über uns herein», so der Kreditkunden-Chef Nordwestschweiz der Bank Cler.

«Es meldeten sich Kunden aus allen Branchen: von der Gastronomie bis zu Freiberuflern aus dem Dienstleistungssektor.» Strohmeier und sein Team hatten eine knappe Woche Zeit, sich darauf vorzubereiten. Automa­tische Abläufe, Online-Schulungen und Merkblätter sollten sicherstellen, dass alle Kredite schnell abgewickelt werden können. Vieles läuft auto­matisch. «Nur dort, wo Dinge unklar sind, kontaktieren wir die Kunden.»

Auch bei der Zürcher Bank Avera herrscht Hochbetrieb: «Wir sind überrascht worden von der starken Nachfrage», sagt Chef Rolf Zaugg. Das Team von 15 Kreditbearbeitenden, alle im Homeoffice, habe bislang rund 10 Millionen Franken gesprochen. «Ein Teil behandelt den Krediteingang und macht eine erste Grobprüfung. Der andere kontrolliert, ob die Kriterien eingehalten werden, und plausibi­lisiert kurz das Gesuch.» Etwa eine Dreiviertelstunde dauert die Kreditprozedur.

Wenig Anträge für Grosskredite

So wie diesen zwei Bankern erging es in den letzten Tagen vielen Angestellten in der Finanzindustrie. Bis Dienstagabend bewilligten die zehn grössten Banken gemäss einer Umfrage der «Handels­zei­tung» rund 44 000 Kredite mit einer Summe von 5,4 Milliarden Franken.

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Allein die beiden Grossbanken wickelten Kredite von 2,8 Milliarden Franken ab. 20 Milliarden Franken budgetiert der Bundesrat für das staatlich garantierte Kreditprogramm. «Angesichts der hohen Kreditnachfrage ist für uns offen, ob die Bundesgarantien bis Ende Juli reichen werden», so Avera-Chef Zaugg. Denn von den Anträgen für grosse Kredite über einer ­halben Million Franken sind erst we­nige bearbeitet worden. Der Bundesrat hat denn auch bereits angekündigt, das Budget zu erhöhen.

Die grossen Tickets kommen noch. Auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Die durchschnittliche Kreditsumme beträgt derzeit rund 100 000 Franken», sagt Firmenkunden-Leiter Jürg Bühlmann. Er macht über alle Branchen hinweg ein Bedürfnis nach Covid-19-Krediten aus: «Der Zweck ist klar: Liquiditätsengpässe aufgrund von Umsatzeinbrüchen decken.»

Wobei zur­zeit von der Menge und vom Volumen her die kleinen Unternehmen überwiegen. Kleine, die kaum Erfahrung mit Firmenkrediten haben. Bei der Bank Avera waren von 130 Kreditnehmern 95 Prozent Kunden, die zuvor gar keine Kredite hatten.

Jedes vierte Gesuch abgelehnt

Viele Gewerbler betreten Neuland: Die ZKB muss derzeit jedes vierte ­Kreditgesuch im ersten Durchgang ablehnen. «In der Regel, weil das Kreditformular nicht ordnungsgemäss ausgefüllt wurde», so Bühlmann. Die Anträge für Covid-19-Kredite bis 500 0000 Franken basieren auf einer Selbstdeklara­tion. Die Banken plausibilisieren die Gesuche lediglich.

Selbstdeklara­tion. Die Banken plausibilisieren die Gesuche lediglich.
Keine einfache Angelegenheit. Vor allem, wenn das Unternehmen nicht direkt mit einem Pandemie-bedingten Betriebsverbot belegt wurde.

Der grösste Teil der Kreditnehmer sei ­sekundär oder tertiär tangiert, sagt Stefan Wälchli, Chef der Clientis Bank Oberaargau. Zum Beispiel Vorlieferanten wie Metzgereien, Bäckereien oder andere Zulieferbetriebe, die durch das Restaurationsverbot einen Auftragseinbruch erleiden.

Oder Immobiliengesellschaften, die durch Mietzins-­Stundungen in Liquiditätsengpässen stecken. In solchen Branchen sei der Plausibitätscheck schwierig, sagt Wälch­li: «Was sind Corona-bedingte Einbrüche und was nicht?»

Das Covid-19-Programm wird das Firmenkundengeschäft jedenfalls nachhaltig verändern. Zwar wurden die Darlehen als vorübergehende Not­hilfe angekündigt. Auch gab sich der Bund Mühe, die Verwendung der Gelder auf die Liquiditätssicherung zu beschränken. Verboten sind Inves­ti­tionen, die nichts mit den aktuellen Umsatzeinbrüchen zu tun haben.

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Doch bereits vereinbarte, ordent­liche Amortisationen normaler Kredite sind zulässig. Damit dürfte in mittlerer Frist kaum zu verhindern sein, dass aus klassischen Bankkrediten staatlich abgesicherte Darlehen werden. «Geld ist Geld, und das fliesst», konstatiert Wirtschaftsanwalt Urs Schenker.

«Man wird kaum feststellen können, wenn einer mit dem Covid-­19-Kredit ein Darlehen bei einer anderen Bank zurückbezahlt.» Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran konstatiert: «Es gibt einen grossen Anreiz, mit diesem Geld normale Bankdarlehen zu ersetzen – für den Bankkunden und die Banken. Das ist so, und das muss man auch aussprechen.»

«Im Moment lässt sich nicht abschätzen, ob wir eine Verschuldungssituation produzieren.»

Rolf Zaugg, Chef der Bank Avera

Ein erster Stresstest für die Werthaltigkeit der Covid-19-Kredite steht in zwei Jahren an. Dann nämlich endet die Übergangsphase, während der die neuen Kredite konkursrechtlich nicht den Schulden angerechnet werden müssen. Von einem Tag auf den anderen könnten viele KMU in die Insolvenz rutschen.

Bis dahin sollte zumindest klar sein, wie all die Kleingewerbebetriebe ihre ­Corona-Schulden abstottern werden. Derzeit herrscht auf Covid-19-­Krediten eine Karenzfrist: «Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Rückzahlungsmodalitäten mit den Kreditnehmern erst im nächsten Jahr zu vereinbaren, wenn eine verläss­liche Liquiditätsplanung wieder möglich ist», sagt Avera-Chef Zaugg. Auch die Clientis Bank im Oberaargau wird die ordentliche Amortisation nicht vor 2021 starten.

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Rückzahlung als Herausforderung

Anders tönt es an der Finanzierungsfront: «Da die Wertschöpfung in zahlreichen der betroffenen Branchen nicht sonderlich hoch ist, kann die Rückzahlung der Covid-19-Kredite eine grosse Herausforderung darstellen», so Clientis-Mann Wälchli. Und auch Avera-Chef Zaugg ergänzt: «Im Moment lässt sich nicht abschätzen, ob und wann die Firmen die Covid-19-­­Kredite zurückzahlen können. Oder ob wir eine Verschuldungssituation produzieren.»

Auch Politiker und Interessen­vertreter warnen bereits heute vor der Schuldenfalle: Über die Covid-19-Dar­lehen würde man die Probleme einfach in die Zukunft verschieben. «Angesichts der angespannten Situation ist eine umgehende und gezielte Anpassung einiger Massnahmen notwendig», mahnt der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell.

«Die Höhe der Entschädigung muss unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens ­erfolgen». Auch SP-Politikerin Badran fordert eine Ausweitung der Anspruchsberechtigung auf Erwerbsersatz und einen Mietzinserlass für Gewerbler. «Die Alternative sind Massenkonkurse, Massenverschuldung oder ein Masseneintritt in die Sozialhilfe