Ursula von der Leyen steht nicht gerade im Verdacht, wagemutig zu zocken. Doch der EU-Kommissionspräsidentin bleibt derzeit mit Blick auf die Pandemie nichts anderes übrig, als genau das zu tun.

Weltweit suchen Forscher fieberhaft nach einem Impfstoff gegen das Corona-Virus. Insgesamt 176 solcher Projekte zählt die Weltgesundheitsorganisation WHO mittlerweile. Immerhin 34 davon sind bereits so weit, dass sie am Menschen getestet werden können. Doch welcher Kandidat als Erster das Rennen machen wird – und ob überhaupt ein wirksamer Impfstoff dabei ist –, das weiss bisher niemand.

Für die Regierungen ist das ein Problem. Wer seine Bevölkerung möglichst umfassend schützen will, braucht den schnellen Zugriff auf das erste zugelassene Vakzin. Nur welches wird das sein? Kein Hersteller wird es schaffen, die gesamte Weltbevölkerung mit Impfdosen zu versorgen. Unter den reichsten Nationen der Welt ist daher längst ein Bietergefecht in Gang: Wem gelingt es, möglichst üppige Anteile an der Erstproduktion gleich mehrerer potenziell erfolgreicher Impfprojekte für sich zu sichern? Es geht um Milliardeninvestitionen – ohne Garantie auf Erfolg.

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Wer hat, der kann: Gemessen am schieren Volumen liegen die USA bisher vorn. US-Präsident Donald Trump hat die Suche nach einem Impfstoff frühzeitig zur Chefsache gemacht und im Rahmen der sogenannten Operation Warpspeed Milliarden in die Branche gesteckt. Die versprochene Impfung für jeden Amerikaner ist längst zum Politikum im US-Präsidentschaftswahlkampf geworden.

US-Regierung sichert Verträge mit sechs Impfstoffherstellern

Mittlerweile hat die US-Regierung Vorabverträge, sogenannte APAs (advance purchase agreements), mit insgesamt sechs Impfstoffherstellern abgeschlossen. Drei davon – das britisch-schwedische Unternehmen Astra Zeneca, das deutsche Biotechunternehmen Biontech mit US-Partner Pfizer und die US-Biotechfirma Moderna – befinden sich mit ihren Projekten bereits in der entscheidenden klinischen Testphase drei. Sie zählen damit zur weltweiten Spitzengruppe.

Weitere Verträge existieren mit dem US-Konzern Johnson&Johnson, dem französisch-britischen Duo Sanofi/GSK und dem US-Unternehmen Novavax. Insgesamt haben sich die USA im Rahmen dieser Vereinbarungen 800 Millionen Impfstoffdosen gesichert – so viel wie keine andere Nation. Zudem gibt es die Option auf weitere 1,4 Milliarden Dosen zu einem späteren Zeitpunkt. Angesichts einer Gesamtbevölkerung von 330 Millionen ist das eine sehr hohe Quote. Allerdings ist eben auch nicht klar, welches dieser sechs Vakzine tatsächlich die ersehnte Schutzwirkung haben wird.

Die britische Regierung hat sich ebenfalls frühzeitig um Impfstoffbestellungen bei verschiedenen Herstellern gekümmert. Sechs Vorabverträge haben die Briten abgeschlossen – zum grossen Teil bei denselben Produzenten wie die USA. Einzige Abweichung: Statt mit Moderna haben die Briten einen Vorabvertrag mit dem französischen Unternehmen Valneva unterzeichnet.

Das Volumen für die 66 Millionen Briten liegt bisher bei 340 Millionen Impfstoffdosen, mit der Option auf weitere 40 Millionen. Rein rechnerisch kommen damit bei der ersten Runde auf jeden Briten mehr als fünf Impfdosen. Kein anderes Land leistet sich eine derart üppige Pro-Kopf-Quote. Auffällig auch: Weder London noch Washington haben bisher bei dem Tübinger Impfstoffhersteller Curevac geordert, an dem die deutsche Bundesregierung mit rund 17 Prozent beteiligt ist.

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Kanada hat zuletzt ebenfalls bei den Bestellungen Tempo gemacht. Im August gab das Land den erfolgreichen Abschluss von Liefervereinbarungen mit Moderna und Pfizer/Biontech bekannt, allerdings ohne konkrete Zahlen zu nennen. Die bisherigen Verträge mit Johnson&Johnson und Novavax sehen den Kauf von 114 Millionen Impfstoffdosen vor, was rein rechnerisch ausreichend wäre für die 38 Millionen Einwohner.

Kontinentaleuropa hinkt im Vergleich dazu derzeit deutlich hinterher. Noch im Mai beklagte sich Sanofi-Chef Paul Hudson öffentlich über die Lethargie der Europäer bei der Impfstoffsuche. Seine Ansage, dass die USA zuerst beliefert würden, weil sie sich frühzeitig finanziell an der Entwicklung eines Vakzins beteiligt hätten, löste damals einen politischen Eklat aus.

Gemeinsames Verhandlungsteam der EU

Doch der Weckruf zeigte Wirkung: Kurz darauf vereinbarten Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande, gemeinsam für Europa auf Impfstoff-Einkaufstour zu gehen. Grossbritannien, das ursprünglich trotz Brexit ebenfalls zum Kreis der Einkaufspartner gehören sollte, lehnte die Einladung damals ab.

Mittlerweile hat die EU-Kommission die Federführung bei den Verhandlungen der Impfstoffdeals für die 27 Mitgliedsländer übernommen. Ein gemeinsames Verhandlungsteam, das aus Vertretern mehrerer Länder zusammengesetzt ist, führt die Gespräche. Deutschland ist an diesen Verhandlungen nach Angaben der Bundesregierung beteiligt.

Dabei geht es nicht nur um den Preis. Auch die Frage der Haftung spielt eine Rolle. Zwar entsprechen die von der EU-Kommission verhandelten Rahmenverträge «vollumfänglich» der europäischen Produkthaftungsrichtlinie, wie die Bundesregierung auf Anfrage mitteilte. Die Haftung liege bei den Herstellern.

Grafik zun Wettlauf um die Versorgung mit Covid-Impfstoff
Quelle: Die Welt

Doch es gibt zumindest eine Hintertür: «Um die von ihnen eingegangenen hohen Risiken auszugleichen, sehen die Rahmenverträge vor, dass die Mitgliedstaaten die Hersteller unter bestimmten und strengen Bedingungen von gewissen Haftungsansprüchen finanziell freistellen.»

Damit wollen die Staaten den Herstellern entgegenkommen, da diese wegen der Pandemie ihre Impfstoffe deutlich schneller entwickeln als sonst üblich. «Wir sprechen hier von 12 bis 18 Monaten statt einer Dekade oder mehr», so ein Sprecher der EU-Kommission. An den strengen Zulassungskriterien ändere sich dadurch nichts. Die Rechte der Bürger blieben vollumfänglich geschützt.

Noch sind die Abschlüsse der EU allerdings überschaubar: Einzig mit Astra Zeneca hat sich die Brüsseler Behörde bisher fest auf einen Vorabvertrag über 300 Millionen Impfdosen einigen können, mit der Option auf weitere 100 Millionen. Für die 446 Millionen EU-Bürger ist das zu wenig. Immerhin: Erste Sondierungsgespräche mit Curevac, Moderna, Johnson&Johnson und Sanofi/GSK sind bereits geführt.

USA sind anderen Nationen um Längen voraus 

Sollte es zum Abschluss kommen, könnte die EU über weitere 805 Millionen Impfdosen verfügen, mit der Option auf zusätzliche 460 Millionen zu einem späteren Zeitpunkt. Damit hätte Europa zumindest für die erste Impfstoffrunde eine ähnliche Quote wie die USA erreicht. Perspektivisch sind die USA mit der Vorkaufsoption für weitere 1,4 Milliarden Impfdosen den anderen Nationen allerdings weiterhin um Längen voraus.

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